Wahlkampf gegen CDU Alphatier Schröder dreht auf - SPD jubelt

Die CDU ruiniert Deutschlands Ruf, Koch ist ein Populist, Merkel auf dem rechten Auge blind: Bei einem gefeierten Auftritt in Hamburg redete sich Gerhard Schröder in Rage. Der Comeback-Star der SPD heizt den Wahlkampf an - die Partei hat plötzlich ihr Alphatier zurück.

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Hamburg - Man kennt diesen Sound. Dieses Röhren, diese langen, manchmal heiser klingen Vokale - dieses plötzliche Explodieren der Stimme. Der Gerhard Schröder auf der Bühne des Hamburger Kongresszentrums wirkt, als wäre er nie weg gewesen. Lässig ans Rednerpult gelehnt, linke Hand in der Tasche. Als wäre es gestern gewesen, dass dieser Mann Wahlen für die SPD gewann, die verloren schienen. Dass er auch 2005 beinahe nochmals siegte, scheinbar aussichtslos gegen die Union und Angela Merkel.

Zwei Jahre hielt er sich danach aus der Tagespolitik heraus. Nun ist der Altkanzler zurück: als Wahlkämpfer. Thema: Roland Koch, Jugendgewalt, Umgang mit Ausländern.

Die Union schade dem Ansehen Deutschlands, wettert er. Mache die Offenheit im Land kaputt. Das sei nicht gut für die Bundesrepublik. Und übrigens, "wo waren denn die Kochs und Merkels, als es darum ging, dass rechtsradikalen Schlägern mit aller Härte zu begegnen ist?" Seine Botschaft ist klar: Die Kanzlerin und ihr Wahlkämpfer müssen doch auf dem rechten Auge blind sein, wenn Gewalt junger Ausländer für sie ein so viel größeres Thema ist als randalierende Skinheads.

Schröder bei Auftritt in Hamburg: "Wir brauchen keine Nachhilfe!"
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Schröder bei Auftritt in Hamburg: "Wir brauchen keine Nachhilfe!"

Dass einer wie Hessens CDU-Ministerpräsident Roland Koch, den er gerade einen "merkwürdigen Menschen" genannt hatte und ihn damit auf altkanzlerisch maximal abkanzelte, dass dieser Landespolitiker die rot-grüne Gesetzgebung für die wachsende Jugendkriminalität verantwortlich macht - das fuchst Gerhard Schröder. Nein, er bellt in den Saal, so dass man es auch ohne Mikrofon und Lautsprecher verstünde: "Wir brauchen keine Nachhilfe beim Thema Sicherheit." Die SPD wisse, "dass Sicherheit ein Bürgerrecht ist". Dafür habe seine Regierung, seine Partei, sein Innenminister Otto Schily gesorgt.

Schröder nennt den Auftritt einen Freundschaftsdienst für seinen alten Freund Michael Naumann. "Ich möchte dabei sein", beim Wechsel in Hamburg, ruft er. Naumann, zwei Jahre Kulturstaatsminister in Schröders erstem Kabinett, sitzt ein paar Meter weiter in einem roten Ledersessel auf der Bühne. Ein bisschen gerührt wirkt er schon, wie Schröder ihn so preist.

Aber es geht Schröder natürlich auch um etwas anderes: um sein Vermächtnis als SPD-Bundeskanzler, um das rot-grüne Erbe.

Schröders eigene Wahlkampf-Sprüche von 1997 - vergessen

"Populistische Phrasen" wirft er dem Wahlkämpfer Koch vor - als ob der Wahlkämpfer Schröder davon nie Gebrauch gemacht hätte. Zum Beispiel als er 1997 im niedersächsischen Wahlkampf ähnliche Sprüche über kriminelle Ausländer machte wie der Hesse: "Wir dürfen nicht mehr so zaghaft sein bei ertappten ausländischen Straftätern. Wer unser Gastrecht missbraucht, für den gibt es nur eins: raus, und zwar schnell!" O-Ton Schröder damals.

Es ist auch ein Kampf zweier Wahlkampf-Alphatiere: Schröder will Koch beweisen, dass er in dieser Disziplin nicht die Nummer eins ist.

Die Sozialdemokraten jubeln Schröder an diesem Abend zu. Er ist der Star des Abends, wird ständig von lautem Beifall unterbrochen. Für die Partei ist es, als dürfte sie wieder vom Siegen träumen.

Die Hamburger SPD fühlt sich im Aufschwung, in der jüngsten Umfrage liegt sie bei 35 Prozent, nur noch fünf hinter Ole von Beusts CDU. "Mit Interesse und gelegentlich heißem Herzen" habe er zuletzt den Hamburger Wahlkampf verfolgt, sagt Schröder. Hamburg, "für mich die schönste Stadt der Welt", müsse wieder sozialdemokratisch werden. Da wolle er mithelfen.

Gerhard Schröder kann in Hamburg aus nächster Nähe in Augenschein nehmen, dass sein Polit-Lehrling Naumann einiges dazugelernt hat. Schröder holte den Journalisten und Verleger seinerzeit in die Bundesregierung, schmückte sich mit dessen Weltgewandtheit. Offenbar nahm der damalige Kanzler auch nicht übel, als Naumann nach zwei Jahren der Politik wieder Adieu sagte, zur "Zeit" ging - um nun als Hamburger SPD-Spitzenkandidat zurückzukehren.

Wahlkämpfer Naumann: "Wie in der Weimarer Republik"
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Wahlkämpfer Naumann: "Wie in der Weimarer Republik"

Als Naumann zu sprechen beginnt und Schröder im roten Sessel sitzt, die Beine übereinandergeschlagen, die Fäuste meist über den Oberschenkeln zusammengedrückt, wirkt er noch ein bisschen skeptisch. Aber je länger Naumann redet, desto mehr entspannt sich Schröders Gesicht. Er klatscht fleißig, wenn auch nicht zu euphorisch. Ab und an, wenn ihn eine Passage besonders erfreut, zeigt sich das berühmte Raubtierlächeln.

Naumann hält eine gute Rede an diesem Abend. Viele Versprechen macht der Sozialdemokrat den Hamburgern: mehr Sozialwohnungen, höhere Löhne, weniger Belastungen. Aber das muss ein Herausforderer tun. Vielleicht ist es ein bisschen viel Sozialkitsch, wenn er von den Menschen vor den Suppenküchen spricht, "wie in der Weimarer Republik", den verarmenden Rentnern, den Blinden. Aber einem SPD-Wahlkämpfer steht auch das nicht schlecht zu Gesicht. Immer wieder greift er Hamburgs Ersten Bürgermeister von Beust und dessen Senatoren an. "Politischer Anstand ist ohne anständige Politiker nicht zu haben", sagt Naumann. Da jubeln die Genossen im Saal.

Naumann übt die großen Posen

Es sind sehr viele, alleine dafür kann er sich bei Mentor Schröder bedanken. Die SPD musste noch zusätzliche Garderoben aufmachen. Beinahe 2000 Menschen sind am Ende im Saal.

Dass Naumann kein gelernter Politiker ist, kann er allerdings auch an diesem Abend nicht verbergen. Spätestens, als sich der Spitzenkandidat von der Menge feiern lässt: Ob er das Victory-Zeichen macht, ins Publikum winkt oder wie Schröder die Fäuste über dem Kopf verschränkt - immer wirkt es ein bisschen, als hätte er das lange zu Hause vor dem Spiegel geübt. Wie ein Politstar-Imitator. Man muss das nicht unsympathisch finden.

Am Schluss, Schröder und Naumann haben sich zu einem finalen Bühnen-Talk zusammengesetzt, soll der Altkanzler seinem Ex-Staatsminister noch einen Tipp mit auf den Weg geben. Da zeigt der Altkanzler, dass ihn die Politik-Pause souveräner gemacht hat. Folgender Satz falle ihm da ein, sagt er: "Nur wenn man von sich selbst begeistert ist, kann man andere begeistern." Und lacht dann. "Denn der ist von Oskar Lafontaine."

Dennoch sei der Satz wahr.

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