Von Philipp Wittrock
Bonn/Frankfurt/Berlin - Es rumpelt und wackelt ein wenig, draußen zieht in gemütlichem Tempo die romantische Rheinlandschaft vorbei. Ausflugsboote auf dem Wasser, am Ufer erheben sich Weinberge, dann der berühmte Schieferfelsen, die Loreley. "Das ist doch mal was anderes als im Flugzeug", sagt Angela Merkel fröhlich und lässt sich in einem der blau gepolsterten Drehsessel des sogenannten Clubwagens nieder.
Auch wenn es zunächst einmal nicht so aussieht, die Kanzlerin ist im Wahlkampf. Dieser Dienstag ist sogar einer der Höhepunkte im Werben um Wählerstimmen.
"Im Schlafwagen an die Macht", spotten ihre Kritiker. Das ist ein bisschen unfair, schließlich zuckelt Merkel, begleitet von allerlei Unions-Prominenz, nur einen Tag lang im nostalgischen "Rheingold-Express" quer durch die Republik, ganz ohne Schlafgelegenheit. Rund zwölf Stunden dauert die Reise auf den Spuren der deutschen Christdemokratie und der Geschichte dieses Landes.
Sie beginnt am Morgen in Rhöndorf bei Bonn, wo Merkel am Grab Konrad Adenauers einen Kranz niederlegt. Sie führt über Bonn, Koblenz, Frankfurt, Erfurt, Leipzig und endet in Berlin. Dort eröffnet die CDU-Chefin am Abend in der Parteizentrale eine Dauerausstellung mit Fotografien des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland. "Deutschlandtag" nennen die Strategen der Union den Trip. Einige Mitglieder der Familie Adenauer sind mit dabei, Libet Werhahn-Adenauer etwa, Konrad Adenauers jüngste Tochter aus zweiter Ehe.
Geschichtsunterricht mit Merkel
Werhahn-Adenauers Vater sei einst selbst mit diesem Zug auf Wahlkampfreise gewesen, sagt Merkel: Aber "das ist eine Tour, die Konrad Adenauer nicht machen konnte, zumindest nicht im wiedervereinigten Deutschland". Auf den Tag genau vor 60 Jahren wurde "der Alte" erstmals zum Bundeskanzler gewählt, daran will die CDU erinnern. Daran, dass er sich für die soziale Marktwirtschaft einsetzte, dass er immer das Ziel der "Einheit in Freiheit" vor Augen hatte, ein Ziel, das Helmut Kohl später vollenden durfte.
"Für die jungen Leute ist das ein bisschen Geschichtsunterricht", sagt Merkel in Koblenz. Wie hier hat die CDU an allen Zwischenstationen auf dem Bahnhofsvorplatz eine Bühne aufbauen lassen. Stets kommen einige tausend Zuschauer, überall sind die orangefarbenen "Angie"-Plakate der Junge-Union-Aktivisten zu sehen, genau wie die Anti-Hartz-IV-Transparente von Attac, die "Atomkraft-nein-danke"-Schilder von Greenpeace oder die "Raus-aus-Afghanistan"-Schilder der Linken.
Damit bei aller Historie nicht nur die Gegendemonstranten an die aktuellen Probleme erinnern, weist Merkel bei ihren kurzen Redestopps stets darauf hin, dass sich an diesem 15. September auch ein anderes markantes Datum jährt, dessen Folgen die Welt noch lange beschäftigen werden. Vor genau zwölf Monaten kollabierte in den USA Lehman Brothers. Auch wenn es inzwischen "Licht am Ende des Tunnels" gebe, wie die Kanzlerin dem Transportmittel des Tages angemessen anmerkt, es gehe noch immer darum, Deutschland gestärkt aus der Wirtschafts- und Finanzkrise herauskommen zu lassen.
"Fahrt in die Zukunft"
"Es ist also auch eine Fahrt in die Zukunft Deutschlands", sagt Merkel. Wenn man Zukunft gestalten wolle, müsse man sich immer wieder vergegenwärtigen, woher man kommt. So erklärt Merkel den Sinn ihrer Nostalgietour im elfenbein- und purpurfarben lackierten Retro-Zug. Sie will die würdige, politische Ur-Enkelin Adenauers sein.
Dass die Inszenierung insgesamt dennoch etwas rückwärtsgewandt daherkommt, kann sie nicht verhindern. Vielleicht dient das ganze ja einmal mehr der Beruhigung der konservativ-katholischen Stammklientel der Christdemokraten, die noch immer mit der eher liberalen, protestantischen Pfarrerstochter aus Ostdeutschland fremdelt. Dabei ist der Ärger um die öffentliche Papst-Kritik doch längst verraucht. Und auch die Vertriebenen, die sich im Streit um Erika Steinbach mehr Hilfe gewünscht hätten, hat die CDU-Chefin wieder umarmt.
Egal, immerhin gibt es schöne Bilder, und die sind wichtig für den Endspurt, wenn es darum geht, die immer noch guten persönlichen Sympathiewerte endlich auch auf die Partei zu übertragen: Angela Merkel im rundum verglasten Panorama-Wagen, Merkel, wie sie den Verkäuferinnen in der Erfurter Bahnhofsbäckerei die Hände schüttelt, ein herzhafter Biss in eine Thüringer Bratwurst, kichernde Schülerinnen in Koblenz, die es geschafft haben, mit dem Handy ein Foto von der Frau im lila Blazer zu schießen. Volksnähe im Stundentakt. "Wir können es schaffen", sagt Merkel dazu - immer wieder an diesem Tag.
In Koblenz, in Frankfurt, in Erfurt oder Leipzig - Merkel fährt an diesem Dienstag ihre Werbung für "stabile Verhältnisse" spazieren. Angriffe auf ihren Herausforderer Frank-Walter Steinmeier vermeidet sie auch diesmal, sie erwähnt die SPD nicht einmal. Sie bleibt sich treu, sieht auch nach dem eher mäßigen TV-Duell keinen Anlass, schärfer zu polarisieren.
Verweis auf Adenauers Mini-Mehrheit
Stattdessen gibt es wieder mal einen historischen Adenauer-Verweis: Der erste Kanzler der Bundesrepublik ließ sich 1949 mit nur einer Stimme Mehrheit, seiner eigenen nämlich, zum Regierungschef wählen. Er zog eine kleine Koalition mit der Deutschen Partei und der FDP einer Großen mit der SPD vor.
Merkel würde es genauso machen, sie würde ein schwarz-gelbes Bündnis auch mit dem denkbar knappsten Vorsprung schmieden, das hat sie angesichts der zuletzt knappen Umfrageergebnisse stets betont. "Ich glaube, wir stehen wieder an einer solchen Wegscheide", schlägt sie den Bogen zu den alten Zeiten, und wieder passt das Bild: "Wir müssen wieder die Weichen richtig stellen."
Was Merkel in ihrer Geschichtsverliebtheit an diesem Dienstag lieber nicht erwähnt, ist das Ergebnis, mit dem sich Adenauer seinerzeit in seine erste Koalition retten konnte: CDU und CSU kamen damals nämlich nur auf magere 31 Prozent.
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