Wahlkampf in Baden-Württemberg Mappus wirbt mit alter SPD-Idee

Zufall oder Plagiat? CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus hat eine Abpinn-Posse am Hals. Der Baden-Württemberger preist in einem neuen Video seine Kompetenz an - ausgerechnet im Stil einer SPD-Wahlwerbung von 2009.

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Hamburg - Wahlkampf ist ein fades Gefecht - zumindest, was die Kampagnen angeht. Alle Parteien teilen zum Beispiel ein Faible für grässliche Wortspiele: Die SPD in Rheinland-Pfalz will mit Landesvater Kurt Beck eine "PersBECKtive" bieten, die CDU in Baden-Württemberg lässt einen umlackierten Reisebus, den "MapBus", durchs Land rollen, um Ministerpräsident Stefan Mappus beliebter zu machen. Phrasenvokabeln wie "Vertrauen", "Leidenschaft" oder "Kompetenz" stehen gefühlt auf jedem zweiten Wahlplakat, ganz egal ob von Grün, Rot oder Schwarz.

In Baden-Württemberg - in knapp drei Wochen findet hier die wohl wichtigste Landtagswahl des Jahres statt - hat die CDU jetzt einen Wahlkampfspot veröffentlicht, der sehr an die Idee einer alten SPD-Wahlwerbung erinnert. Eine Handvoll Baden-Württemberger spricht in dem etwa einminütigen Clip über die Vorzüge ihrer Heimat.

"Unser Land ist schön", schwärmen zwei Frauen vor einem schlichten grauen Hintergrund. "Wir sind spitze in der Wirtschaft, top beim Arbeitsmarkt", geht es weiter, nun haben sich zwei Herren dazugesellt. Die Macher haben einzelne Satzbausteine der Befragten so zusammengeschnitten, dass vollständige Statements entstehen - und als Eindruck das Wort-Mosaik einer enthusiastischen, überzeugten Wählergemeinde. Die Menschen im Video sind jung und alt, blond und brünett, männlich und weiblich, hoch- und tiefstimmig.

Gegen Ende tritt Mappus selbst ins Bild: "Ich bitte Sie am 27. März um Ihr Vertrauen". Dann steht der Ministerpräsident inmitten seiner Unterstützer und lächelt angestrengt, eine Klaviermusik erklingt.

Hübsch volksnah eben.

Der Schönheitsfehler: Ganz neu ist die Idee wohl nicht. Ein ähnlicher, sehr ähnlicher Spot kursierte nämlich vor etwa eineinhalb Jahren schon einmal - im Bundestagswahlkampf. Als Teil einer SPD-Kampagne. 20 Menschen erzählten damals in einem Sechzig-Sekünder, warum sie am 27. September 2009 die Sozialdemokraten wählen wollen. Sie standen vor einer grauen Wand und sprachen ihre Wünsche in die Kamera, sie waren jung und alt, blond und brünett, männlich und weiblich. Die Macher des Videos hatten die Statements so miteinander verschraubt, dass aus unterschiedlichen Satzfragmenten ganze Aussagen wurden...Moment, kommt Ihnen das bekannt vor?

Die Ähnlichkeit der beiden Kurzfilme ist mehr als auffällig:



Sonderlich originell sind beide Filme nicht. Denn schon die SPD ließ sich, nun ja, sagen wir "inspirieren": Michael Jackson hat in seinem Video zu "Black or White" bereits vor zwanzig Jahren mit dem visuellen Effekt der Gesichterverschmelzung gespielt, nur dass seine Darsteller weitaus geschmeidiger gemorpht wurden - aber gut, eine Volkspartei muss ja keinen kunstvollen Popstar-Clip abliefern.

Auch Ex-CDU-Ministerpräsident Roland Koch ließ im Hessen-Wahlkampf 2009 "Menschen von der Straße" mit einer Wortcollage für sich werben, sein Spot unterscheidet sich aber in Länge und Machart von den beiden Videos.

Diese ähneln sich gegenübergestellt nicht nur optisch und stilistisch, sondern teilweise auch inhaltlich: Der Vorwurf an Parteien, ihre Wahlprogramme würden zunehmend austauschbar, greift drastisch am Beispiel dieser Parteienwerbung. Einige Sätze könnte man eins zu eins in den Film des Gegners verschieben.

Im SPD-Video von 2009 heißt es: "Ich bin für Kindergartenplätze, gute Schulen und Universitäten."

Im CDU-Video sind die Befragten stolz auf Bildungschancen in ihrem Bundesland: "Wir entwickeln prima Ideen, haben hervorragende Schulen und exzellente Hochschulen."

Oder: Die SPD appelliert an generationenübergreifenden Respekt. "Mir ist wichtig, dass wir anständig mit alten Menschen umgehen, dass wir Familien unterstützen."

Die Baden-Württemberger CDU appelliert in ihrem Video an - generationenübergreifenden Respekt: "Familien werden gefördert. Jung und Alt halten zusammen. Ich will, dass das so bleibt."

Auch die Lebenskonzepte der beiden Volksparteien liegen offenbar nicht so weit auseinander. Bei der SPD heißt es: "Ich will in einem Land leben, in dem alle eine faire Chance bekommen."

Die CDU fordert: "Meine Kinder sollen hier so gerne leben, wie wir es tun."

"Das kenne ich irgendwoher"

Für die SPD ist der neue Werbespot des Gegners natürlich eine Steilvorlage zur Wahlkampf-Häme. Als Peter Friedrich, SPD-Generalsekretär in Baden-Württemberg, den Clip der CDU zum ersten Mal sah, war er verwirrt und dachte: "Das kenne ich irgendwoher". SPIEGEL ONLINE erzählt er, dass man "gespannt" auf die Wahlwerbung von Mappus gewartet habe. Die SPD in Baden-Württemberg habe ihren Wahlwerbespot schon vor einigen Wochen veröffentlicht, "da schaut man regelmäßig, was die Konkurrenz so macht".

Friedrich glaubt nicht an einen Zufall, "angesichts so vieler Ähnlichkeiten fällt mir das schwer". Für ihn steht fest: Die Video-Idee mit der Befragung durchschnittlicher Menschen, deren Aussagen vor einem dezenten Hintergrund verwoben werden, habe die CDU von der früheren SPD-Kampagne übernommen. Umgesetzt wurden beide Spots von unterschiedlichen PR-Agenturen.

CDU schießt zurück

Baden-Württembergs CDU-Generalsekretär Thomas Strobl räumte am Mittwoch "gewisse Ähnlichkeiten" zwischen den Spots ein - eines unterscheide sie aber gewaltig: "Während sich bei uns Ministerpräsident Stefan Mappus persönlich an die Bürgerinnen und Bürger wendet, wurde der damalige SPD-Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier offenbar bewusst versteckt." Die Vorwürfe der SPD zeigten vor allem eines: "Der SPD fallen überhaupt keine Themen in diesem Wahlkampf ein."

Ob Plagiat oder nur ein Zufall - in jedem Fall verfolgen SPD und Union im Südwesten ein ähnliches Wahlkampfkonzept. Die SPD setzt auf "ausschließlich authentisches Bildmaterial" und "Menschen und Szenerien aus dem echten Leben". Die CDU hat sich für ihre Wahlplakate von "professionellen Foto-Models" verabschiedet und "ausschließlich auf authentische Gesichter gesetzt".

Mit einem könnten sich beide Konkurrenten trösten - noch ist das Rennen um die Macht in Baden-Württemberg offen: Schwarz-Gelb und Rot-Grün liegen in Umfragen weiter gleichauf.



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