Wahlkampf in Berlin: Das Wowereit-Prinzip

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Seit zehn Jahren regiert Klaus Wowereit die Hauptstadt. Zeit für einen Wechsel? Die Berliner sind offenbar anderer Meinung. Der Sozialdemokrat schäkert sich seinem dritten Wahlsieg entgegen. Sein einziges Programm: er selbst.

Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit: Bären für die Fans Zur Großansicht
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Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit: Bären für die Fans

Berlin - Klaus Wowereit ist gerade bei seinem Lieblingsthema, dem Hauptstadt-Tourismus, da droht plötzlich Ungemach. Er steht auf einer Bühne am Berliner Kollwitzplatz. Ein Mann schiebt sich nach vorne. Klein, rund, Knollnase. Typ Hartmut Mehdorn, nur bildungsfern. Und sturzbetrunken.

"'Nen Ballermann willste hier aus der Stadt machen, was Klausi?", grölt er.

Wowereit blickt hinab. "Ballermann", sagt er. "Na, da wärste ja richtig passend für. Da wärste der erste Kunde, wa?" Die Menge lacht, der besoffene Mehdorn-Klon ist außer sich. Wowereit macht einfach weiter.

In drei Wochen sind Wahlen in der Hauptstadt, und man kann es nicht anders sagen: Es läuft großartig für Berlins Bürgermeister. Selbst solche Sprüche kann sich der Sozialdemokrat wieder leisten, ohne von der Lokalpresse eine übergebraten zu bekommen. Das ist recht überraschend, denn noch vor wenigen Monaten schienen die Berliner ihres Regenten überdrüssig. Sie schimpften über seine Launen und marode Schulen, über Schlaglöcher und S-Bahn-Chaos. Wowereits Umfragewerte waren miserabel, sein Senat war zerstritten, und dann kam auch noch Renate Künast.

Doch die Grüne hat sich inzwischen als Ausfall herausgestellt, sie trifft trotz Berliner Schnauze den Ton nicht, und so schäkert sich der Amtsinhaber unter größtmöglicher Nichtberücksichtigung tagesaktueller Fragen souverän in Richtung dritte Amtszeit.

"So, wie du aussiehst, bist du doch eh nicht so oft im Bett"

Ein Dienstag im August, der Regierende ist auf "Kieztour". Er spaziert betont lässig durch die Straßen des Prenzlauer Bergs, schlipslos, offener Hemdkragen. Hier ein Kopfnicken, dort eine Umarmung. Dann steht da eine Schülergruppe aus Ostfriesland. Sie ist auf Klassenfahrt und kann kaum glauben, dass der Mann aus dem Fernsehen wirklich an ihnen vorbeiläuft.

"Na?", fragt Wowereit. "Allet jut?"

"Joa", kullert es aus den Mündern.

"Wo schlaft'n ihr?"

Direkt vor ihm steht ein ausgesprochen unausgeschlafener und unattraktiver Heranwachsender, ein Strich mit Kopf, er sieht aus wie ein großes Thermometer. "Im Hostel", sagt er. "Mein Bett ist saueklig."

Wowereit schaut überrascht. "So, wie du aussiehst, bist du doch eh nicht so oft im Bett." Er schüttelt sich vor Lachen. Die Jugendlichen auch. Die Reise hat sich schon gelohnt.

Solche Begegnungen liebt Klaus Wowereit. Er ist kein gewöhnlicher Politiker, das gilt im guten wie im schlechten Sinne. Er ist ein Polit-Sternchen, eine Ich-AG in Nadelstreifen, der 57-Jährige spielt diese Rolle gern und gut. Er kann sich freuen wie ein kleines Kind, vor allem dann, wenn er mit einem Scherz ins Schwarze getroffen hat oder mal wieder mit einem Bären, einem Kater oder einem anderen knuffigen Tier verglichen wird. Er kann, je nach Tagesform seiner Frisur, sehr lustig aussehen. Diese Art macht ihn in Wahlkämpfen so gefährlich. Inmitten der oft brutalen Polit-Maschinerie lässt ihn das menschlich wirken. Wowereit ist ein nahbarer Typ. Harmlos, so sagen sie in seiner Partei, ist er nicht. In Senatssitzungen faltet er auch gerne mal seine Mannschaft zusammen.

Wowereit mit Stoffkrokodil im Gesicht

Er ist versessen bis ins Detail, auch das erzählt man über ihn. Mag sein, doch im Wahlkampf verbirgt er das gut. Auf Inhalte, das ist die Kehrseite seiner Popularität, legt er fast schon unverschämt wenig Wert. Berlin ist Wowereits großes Wohnzimmer, so wie es der Wimbledon-Court für Boris Becker war. Er hat die Stadt mit Plakaten zugepflastert, die sich früher wohl nicht einmal Helmut Kohl erlaubt hätte. Wowereit mit Oma an der Hand, Wowereit mit Stoffkrokodil im Gesicht, Wowereit auf dem Display eines Smartphones. Darunter ein einsamer Schriftzug "Berlin verstehen". Das reicht. Viel Spaß.

Ein schwüler Sommer-Samstag, Wowereit ist zu Besuch auf dem Schöneberger Türkenmarkt. "Herr Wowereit", brüllt ein älterer Mann. "Wollen Se weiterhin abkassieren, ja? Bezahlen Sie mal meine Miete, Herr Wowereit! Ist doch allet Lüje und Betruch!"

"Stimmt doch gar nicht", sagt Wowereit.

Er schlurft zu einem äußerst engagierten Marktschreier. "Herr Wowereit, Grüß Gott! Schauen Sie, Okra-Schoten, Bohnen, Auberginen - alles aus Ägypten!"

"Die Champignons auch?", fragt Wowereit.

"Nee, die nicht."

"Nicht bescheißen", sagt der Bürgermeister.

"Bezahlen Sie mal meine Miete, Herr Wowereit! Ist doch allet Lüje und Betruch!", schallt es abermals von hinten.

Er bekommt solche Vorwürfe immer mal wieder zu hören, wenn er unterwegs ist. Wowereit gilt als links. Aber vielen in Berlin ist er nicht links genug. Er hat die letzten drei Kindergartenjahre kostenlos gemacht, das gefällt vielen. Aber ansonsten, so klagen seine Kritiker von links, hat er doch Wohnungen privatisiert und von Kunsthallen geträumt, einen Großflughafen geplant und eben Mieten steigen lassen.

Aber auch die Konservativen mäkeln. Die Wirtschaft wächst ihnen auf viel zu niedrigem Niveau, die Stadt leidet noch immer unter dem bundesweit höchsten Anteil an Hartz-IV-Empfängern, große Unternehmen wagen selten den Sprung an die Spree. Das Geschäftsklima ist andernorts besser.

Nur: Auf Wowereit selbst färbt das nicht ab. Berlin, du rätselhafte Stadt.

Am Wowereit-Prinzip sind sie alle gescheitert

Und so bestreitet Klaus Wowereit den Wahlkampf, mal wieder, weitgehend aus einem Programm. Es heißt Klaus Wowereit. Die ganze Berliner SPD besteht eigentlich nur aus ihm. Minimaler Aufwand, maximaler Ertrag. Das ist sein Prinzip. An diesem Prinzip sind sie alle gescheitert. Frank Steffel, Gregor Gysi, Friedbert Pflüger. Und jetzt wohl Renate Künast. Es sei denn, sie stürzt sich doch in das Risiko einer grün-schwarzen Regierung.

Es gab einen Moment, da haben sie im grünen und im schwarzen Lager geglaubt, es könnte sich was drehen. Das war, als vor ein paar Tagen die ersten Autos brannten. Die Christdemokraten haben gleich schwer auf innere Sicherheit gemacht. Mehr Polizisten, mehr Überwachung, solche Dinge. Es klang alles ziemlich nach Günther Beckstein. Und den Bayer mögen sie in Berlin überhaupt nicht. Kein Wunder, dass der Regierende das Thema seitdem gerne anspricht. "Wir müssen höllisch aufpassen, dass wir durch Einzelfälle nicht unsere Gesellschaftsform opfern", sagt er. Das klingt nicht nach Beckstein. Das klingt eher nach Bundespräsident.

Es ist spät am Nachmittag, der Regen hat eine Pause eingelegt, Wowereit gönnt sich unter einer S-Bahn-Brücke eine Currywurst. Mit Darm, mit Pommes, rot-weiß. Er stochert auf seinem Pappteller, verschlingt hastig die Stückchen. Denn er hat noch etwas für die Wurstbuden-Frauen: Seinen Wowi-Bär, ein ulkiges kleines Ding, mit rotem Shirt und blauer Hose. Er ist in diesem Wahlkampf wichtiger als jede Broschüre.

"Hier", ruft er und zelebriert jeden einzelnen Wurf, als handele es sich um eine olympische Disziplin.

"Kriege ich noch einen für meinen Enkel?", fragt eine der Frauen.

"Nee", sagt Wowereit. "Mehr als einen gibt's nicht. Ist was Besonderes."

Es gibt viele Menschen, die meinen, Wowereit verströme ein spezielles Berliner Etwas. Vielleicht ist es vor allem dieses Gefühl, weswegen er sich abermals Hoffnungen aufs Rote Rathaus machen darf. Er hätte dann drei Wahlsiege eingefahren, was außergewöhnlich ist für einen Sozialdemokraten im 21. Jahrhundert. Es wird Leute geben, vor allem im linken Flügel seiner Partei, die ihn anschließend gerne als Kanzlerkandidat sähen.

"Eins steht fest", sagt Wowereit. "Ich bleibe auf jeden Fall in Berlin."

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insgesamt 335 Beiträge
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    Seite 1    
1. arm aber sexy
Methados 29.08.2011
wer sich solch einem slogan bedinungslos anschliessen kann, dem ist eh nicht mehr zu helfen. armes, armes berlin. ich bin für eine verlegung der hauptstadt zurück nach bonn, oder sonstwohin wo man noch ernsthaft regiert.
2. ernsthaft reGIERt ?
si_tacuisses 29.08.2011
Zitat von Methadoswer sich solch einem slogan bedinungslos anschliessen kann, dem ist eh nicht mehr zu helfen. armes, armes berlin. ich bin für eine verlegung der hauptstadt zurück nach bonn, oder sonstwohin wo man noch ernsthaft regiert.
20 Jahre nicht dagewesen in Deutschland oder ?
3. Demokratie
AUXEROIS 29.08.2011
Zitat von sysopSeit zehn Jahren regiert Klaus Wowereit die Hauptstadt. Zeit für einen Wechsel, könnte man denken.*Doch die Berliner sind offenbar anderer Meinung. Der Sozialdemokrat schäkert sich seinem dritten Wahlsieg entgegen. Sein einziges Programm: er selbst. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,782482,00.html
Die Berliner bekommen genau die Regierung, die sie wollen und die sie verdienen.
4. ...
Mike Mail 29.08.2011
Zitat von Methadoswer sich solch einem slogan bedinungslos anschliessen kann, dem ist eh nicht mehr zu helfen. armes, armes berlin. ich bin für eine verlegung der hauptstadt zurück nach bonn, oder sonstwohin wo man noch ernsthaft regiert.
Ich, als Berliner, kann mich ihrer Forderung nur anschließen. Für die hiesige, politische Besetzung ist das Wort "Fremdschämen" noch viel zu milde.
5. Es gibt einen Schnack,
höfats gratwanderung 29.08.2011
Zitat von Methadoswer sich solch einem slogan bedinungslos anschliessen kann, dem ist eh nicht mehr zu helfen. armes, armes berlin. ich bin für eine verlegung der hauptstadt zurück nach bonn, oder sonstwohin wo man noch ernsthaft regiert.
der da lautet: "So leicht kann man eine Apothekerin (Berliner) glücklich machen". Bayern und andere werden's schon richten.
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