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Wahlkampf in Berlin: Kandidat aus dem Pirat-o-mat

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Die Piratenpartei hat gute Chancen, ins Berliner Abgeordnetenhaus einzuziehen - es wäre ein wichtiger Erfolg. Doch wofür stehen die Aktivisten: Spaßguerilla oder Bürgerrechte? Ein Überblick über die Kandidaten, die das Parlament entern könnten.

Piraten-Kandidat Lauer: Vor dem Sprung ins Abgeordnetenhaus Zur Großansicht
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Piraten-Kandidat Lauer: Vor dem Sprung ins Abgeordnetenhaus

Als am Freitagmittag das Handy von Andreas Baum klingelte, meldete sich am anderen Ende der Leitung der Vizechef der Berliner CDU, Thomas Heilmann. Ob man sich nicht mal auf einen Kaffee treffen wolle, fragte Heilmann, gerne noch vor der Wahl am 18. September. Für Baum, den Spitzenkandidat der Piratenpartei für die Abgeordnetenhauswahl, kam der Anruf überraschend - vor wenigen Wochen hätte sich wohl kein Christdemokrat bei ihm gemeldet.

Doch seit seine Partei in den Umfragen über die Fünfprozenthürde geklettert ist, sind Baum und Mitpiraten gefragte Gesprächspartner. In der letzten Umfrage von Infratest dimap kamen sie auf 6,5 Prozent - und könnten demnach mit doppelt so vielen Stimmen rechnen wie die FDP: Die Piratenpartei steht vor dem Sprung ins Berliner Abgeordnetenhaus. Schaffen sie die 6,5 Prozent, würden sie wohl zehn Parlamentarier stellen. Es wäre ein wichtiger Erfolg für die Partei, die sich in den letzten zwei Jahren vor allem mit sich selbst beschäftigte.

Wenn es klappt mit dem Einzug in ein Landesparlament, dann natürlich in Berlin.

Nirgendwo sonst gibt es so viele selbsternannten Kreative, die sich über Projektarbeit definieren und von den etablierten Parteien nicht mehr vertreten fühlen. In Kreuzberg und Neukölln sitzt man mit Club-Mate am Wasser, während auf dem Landwehrkanal ein Werbeboot der Piraten vorbeischippert. Nirgendwo sonst wird die Ironie auf den Wahlplakaten der Piraten besser verstanden, etwa wenn sich Kandidat Christopher Lauer bierernst über dem alten Adenauer-Spruch "Keine Experimente" präsentiert. So weit, so nett.

"Viele Freaks und Nerds"

Aber will man die Piratenpartei wirklich im Parlament sehen? Für manche Beobachter ist das eine unangenehme Vorstellung. Der konservative Politblogger Michael Spreng hält die Piraten vor allem für ahnungslos. Die "vielen Freaks und Nerds" würden die Probleme der Stadt nicht kennen, schrieb der 63-Jährige am Freitag, Rezepte und Konzepte seien ihnen komplett egal.

Als Spitzenkandidat Baum neulich im Fernsehsender RBB nach dem Schuldenstand Berlins gefragt wurde, zuckte er mit den Schultern und sagte "viele, viele Millionen". Die richtige Antwort wäre gewesen: mehr als 63 Milliarden Euro. Hat Spreng etwa Recht? Wird da ein völlig unvorbereiteter Haufen künftig über das Schicksal der Hauptstadt mitentscheiden?

Womöglich machen Spreng und all die Spöttler sich die Sache etwas zu einfach. "Es ist ja nicht so, dass wir da reingeschwemmt werden und nicht wissen, was wir da sollen", sagt Spitzenkandidat Baum. "Wir wollen keine steife Oppositionsrolle spielen, wir wollen mitgestalten." Und dafür hat sich die Truppe vorbereitet.

Seit vergangenem Jahr besuchen einige von ihnen öffentliche Sitzungen im Abgeordnetenhaus, um sich in die Landespolitik einzuarbeiten. "Wir haben uns bald nach der Bundestagswahl überlegt, wie wir uns hier in Berlin aufstellen", sagt Kandidat Fabio Reinhardt. "Letztes Jahr im Sommer haben wir uns außerdem von einem Polit-Profi erklären lassen, wie Fraktionsarbeit eigentlich funktioniert."

Für die Aufstellung ihrer Landesliste entwickelten die Piraten natürlich eine Software. 42 Fragen mussten die potentiellen Kandidaten für den "Pirat-o-mat" beantworten, nicht nur zu Inhalten, sondern auch zu ihrer angestrebten Arbeitsweise. Die Piraten, rund 1000 sind es in Berlin, konnte dann mit ein paar Klicks den für sie passenden Kandidaten herausfinden. "So haben wir sichergestellt, dass wir eine Liste mit vernünftigen Kandidaten haben", sagt Reinhardt.

"Ein ganz großer Einschnitt für uns"

Seine Mitstreiter äußern sich ähnlich aufgeräumt - große Illusionen macht sich hier keiner. "Wir wollen nach unserer Wahl nicht als Greenhorns ins Loch stürzen", sagt die Nummer zwei der Landesliste, Philipp Magalski. Deswegen haben sie sich vorbereitet, so gut es eben geht. Man müsse ohnehin nicht auf alles eine Antwort parat haben: "Wir wollen die Bürger viel mehr beteiligen."

Spitzenkandidat Baum sagt aber auch: Sollte es wirklich klappen mit dem Einzug ins Parlament, "dann ist das ein ganz großer Einschnitt für jeden von uns."

Wer sind die Piraten, die ins Parlament einziehen, falls sich die Umfragewerte bestätigen? Der durchschnittliche Pirat ist 31 Jahre alt, männlich, häufig Naturwissenschaftler - wie sehr entsprechen die Berliner Piraten dem Klischee? SPIEGEL ONLINE stellt die Piraten auf den oberen Listenplätzen vor, die sich anschicken, das Berliner Abgeordnetenhaus zu entern.

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insgesamt 74 Beiträge
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1. Pirate
legus 10.09.2011
Zitat aus dem Beitrag: Michael Spreng hält die Piraten vor allem für ahnungslos. Die "vielen Freaks und Nerds" würden die Probleme der Stadt nicht kennen, schrieb der 63-Jährige am Freitag, Rezepte und Konzepte seien ihnen komplett egal. Zitat Ende. Der Herr muß es Wissen. Mit 63 ist man ja Bescheidwisser. Oder hat da wieder jemand Angst vor dem Untergang des abendlandes?
2. Merkwürdige politische Orientierung.
Geziefer 10.09.2011
Die so genannten Piraten sind offenbar die Kinder der spießbürgerlichen Wählergemeinschaften, die sich insbesondere in Hessen und Bayern tummeln. Nach der letzten Kommunalwahl in Hessen hospitierten vereinzelte Piraten-Abgeordnete bei Wählergemeinschaften und bildeten danach Abstimmungsgemeinschaften mit Freien Wählern und CDU.
3. @Spiegel: Sinnfreie Verwendung von FLASH
mangeder 10.09.2011
Kann mir bitte einer der zuständigen Spiegel-Redakteure erklären, warum man hier sinnloserweise eine stinknormale Fotostrecke mit Text unbedingt mit FLASH (und dann auch noch ausschließlich ohne alternative Ansichtsmöglichkeit) realisieren musste? Diese FLASH-Seuche auf Internetseiten nervt schon gewaltig, ganz besonders nervt es aber, wenn es so sinnlos wie hier verwendet wird! Offenbar betreiben die Seitengestalter damit in erster Linie reine Nabelschau und wollen sich selbst als "hipp" darstellen - anstatt dass sie an den Nutzen und an den Leser denken (z.B. auch an die Leser, die keinen FLASH-Player auf ihrem Gerät installieren können - oder wollen).
4. Ich find es gut …
wika 10.09.2011
… völlig unabhängig von den Ergebnissen, denn wenn unserer Demokratie zur Zeit etwas fehlt, dann ist es Bewegung. Von Links bis Rechts (Linke bis CSU), alles ein abgekartetes Spiel. Und wenn es nicht reicht dann verarscht man das Volk auch als große Koalition, aber aufs Volk zu hören, es zu erhören kommt doch eh keiner von denen … alle köcheln sie irgendwie ihre Süppchen. Und wenn wir vielleicht über die Piraten mal zur Online-Demokratie kommen, dann war es das wert. Und wenn wir keine Veränderung schaffen und auch der Michel sich immer nur zwischen Teufel und Beelzebub entscheidet, statt mal eine neue Braut zu probieren, dann bekommen wir mit der nächsten Wahlgesetzreform durchs Merkel auch gleich noch *den Umbau der der CDU zur Nichtwählerpartei*, damit es wieder 99% Wahlbeteiligung und Zustimmung gibt, obgleich alle zuhause geblieben sind … Link(e)Satire (http://qpress.de/2011/05/23/merkel-will-wahlgesetzreform-und-cdu-umbau-zur-nichtwahlerpartei/). Also hoffen wir, dass die Piraten das dümpelnde Schiff entern können … es verspricht in jedem falle mehr Bewegung als bisher.
5.
e-ding 10.09.2011
Ich brauche keine Partei, die irgendwo zwischen der Linken und den Grünen anzusiedeln ist. Die Blockparteien sind allerdings auch nicht wählbar. Werde wohl dieses Mal ungültig wählen gehen.
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Fotostrecke
Berliner Piratenpartei: Diesmal soll es klappen

Piratenpartei: Aktuelle Umfragen
Datum Institut Prozent
9.9. Forschungsgruppe Wahlen für ZDF 5,5
8.9. Infratest dimap für ARD 6,5
4.9. Emnid für Focus 4
2.9. Forsa für Berliner Zeitung 5
30.8. Infratest dimap für RBB, Berliner Morgenpost 4,5
30.8. Emnid 4
26.8. Forschungsgruppe Wahlen für ZDF 4,5
18.8. Info GmbH für Berliner Kurier, Berliner Rundfunk 4,5
10.8. Infratest dimap für RBB, Berliner Morgenpost 3
Quelle: wahlrecht.de


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