Von Fabian Reinbold
Die Kandidatin der Linken sprach mit 14 Jahren noch kein Wort Deutsch. Der Grünen-Politiker schuftete als Kind auf den Getreidefeldern seiner Eltern im Süden der Türkei. Und der CDU-Mann, der jeden Freitag in der Moschee betet, war einst Mitglied in einer islamistischen Religionsgruppe.
Sie alle stehen am Sonntag in Berlin zur Wahl. Schon vier Tage vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus steht fest: Der Wahlkreis 3, Kreuzberg-Nord, wird einen türkischstämmigen Politiker ins Parlament schicken. Alle vier großen Parteien haben Kandidaten mit türkischen Wurzeln aufgestellt - es ist eine Premiere bei Landtagswahlen in Deutschland.
Und im Herzen der Hauptstadt liegt wohl der einzige Wahlkreis der Republik, in dem ein CDU-Kandidat betont: "Ich klingle auch bei Deutschstämmigen."
In Kreuzberg-Nord, vom Checkpoint Charlie bis zur Oberbaumbrücke, dürfen mehr als 26.000 Bürger abstimmen - mehr als jeder Vierte hat einen Migrationshintergrund. Eigentlich ist es das Stammrevier der Grünen. Ihr Kandidat, der 46-jährige Turgut Altug, kam vor zwanzig Jahren nach Deutschland. Er trägt Pferdeschwanz, pflegt einen interkulturellen Garten und bekam im vergangenen Jahr die Integrationsmedaille der Bundesregierung verliehen. Kreuzberger lieben solche Typen. Doch Altug wird kämpfen müssen gegen die türkisch sprechende Konkurrenz:
Gemeinsam ist den Kreuzberger Kandidaten: Sie haben durch Bildung den Aufstieg geschafft. Sie stehen für eine Entwicklung bei alteingegessenen Migranten in Berlin: Sie begreifen ihr Viertel als Heimat, die es zu gestalten gilt. Und sie betonen, dass sie sonst eigentlich nicht viel gemeinsam haben.
Der CDU-Mann sagt zu seinen Mitkandidaten: "Außer unserer Herkunft verbindet uns nichts." SPD-Kandidat Aras sagt: "Ich schone meine Konkurrenten nicht, nur weil sie in der Türkei geboren sind." Ihn nervt der Rummel um den Wahlkreis ein wenig. "Wenn man in Kreuzberg vier Dönerläden in einer Straße sieht, ist das doch nichts Besonderes", sagt er, "warum sollten dann vier türkische Kandidaten etwas Besonderes sein?"
Ein neues Kapitel der politischen Integration
Dabei zeigt sich in Kreuzberg, wie ein neues Kapitel in der politischen Integration aufgeschlagen wird. Die Parteien öffnen sich für Migranten, lassen sie nicht länger nur Quotenfrauen und -männer, sondern aussichtsreiche Direktkandidaten werden.
Für Parteienforscher Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin sind dabei drei Bedingungen aufeinandergetroffen. "Die Parteien haben auf die spezifische Wählerschaft in Kreuzberg reagiert", also das Milieu der Migranten und Alternativen. Aber auch mit der Integrationsdebatte rund um die Thesen von SPD-Politiker Thilo Sarrazin hänge der Wandel zusammen. "Die Parteien haben begriffen, dass nicht alles gut läuft, dass auch sie sich ändern müssen."
Und schließlich droht Konkurrenz: In Berlin tritt das Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit an, die erste Migrantenpartei Deutschlands. Auf Plakaten wirbt die BIG mit dem Konterfei Sarrazins und dem Spruch: "SPD schafft sich ab!". Die BIG ist eine islamische Migrantenpartei mit engen Verbindungen in die Türkei zur islamischen Regierungspartei von Ministerpäsident Recep Tayyip Erdogan. Zwar sehen die Umfrageinstitute die Partei bei unter drei Prozent, doch auf den Straßen Kreuzbergs und Neuköllns sind ihre Plakaten sehr präsent.
"Sarrazin ist eine starke Belastung"
CDU-Kandidat Taskiran glaubt nicht, dass ihn seine Partei nur aus wahltaktischen Gründen zum Direktkandidaten ernannt hat. "Wir haben als erste Partei die Kandidaten bestimmt", sagt er. Es sei Zufall, dass die anderen auch Deutsch-Türken aufgestellt hätten.
Doch sie kämpfen auch gegen ihre eigenen Parteien. SPD-Mann Aras erzählt, er bekomme auf Kreuzbergs Straßen immer wieder die Frage gestellt, wie er als Migrant nur in der Partei Sarrazins sein könne. Er hat sich eine Antwort zurechtgelegt: "Sarrazin hat keinen Einfluss auf die SPD-Politik." Und doch ärgert es ihn, dass Sarrazin immer noch in der Partei ist. "In unserem Bezirk ist Sarrazin eine starke Belastung", sagt er.
Auch Taskiran hadert manchmal mit seinen Christdemokraten. Er wünscht sich "weniger scharfe Töne aus der Partei". Polemiken gegen Einwanderer würden hier nicht vergessen, er werde auf den Straßen immer wieder darauf angesprochen.
Als CDU-Kandidat hat er einen schweren Stand im Kreuzberger Milieu. Manchmal bleibe ihm nichts anderes übrig, als die CDU-skeptischen Wähler zu bitten: "Geben Sie mir wenigstens die Erststimme." Das mit der Zweitstimme, sagt er, brauche selbst in Kreuzberg noch etwas Zeit.
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