Von Johannes Korge
Rostock - Storch Heinar hat einen Traumsommer hinter sich. Im Juni hievte der umtriebige Anti-Nazi-Schreitvogel seine Biografie in die Buchläden. Mit seiner Kapelle "Storchkraft" tobt er unermüdlich über die Konzertbühnen des Nordens. Und auch die T-Hemden mit dem Konterfei des Oberschnabelbartträgers aus Überzeugung bleiben ein Verkaufsschlager.
Wäre es da nicht Zeit für eine Pause? Gar für den Zug ins sonnige Winterquartier? Von wegen: Am 4. September steigt das große Finale - die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Vor der wohlverdienten Auszeit steht für Heinar schweißtreibende Wahlkampfschwerstarbeit.
"Es geht auf die Zielgerade. Jetzt gibt der Storch alles - damit die braunen Pappnasen vor der Tür bleiben müssen", fasst Mathias Brodkorb vom Internetportal Endstation Rechts zusammen. Mit Julian Barlen und Robert Patejdl hat er die Kunstfigur Heinar geschaffen. Ihr Ziel: Die NPD in Mecklenburg-Vorpommern aus dem Landtag werfen - und draußen halten.
Zu tun gibt es noch genug in den Tagen vor dem Urnengang. Schließlich sitzt die NPD derzeit mit sechs Mandaten in Schwerin, eine aggressive Wahlkampfstrategie soll dafür sorgen, dass es nicht weniger werden. An den Hauptzufahrtsstraßen zur Hafenstadt Rostock werben Hunderte Plakate für die Nationaldemokraten.
Jeden Morgen fährt Benjamin Weiß durch dieses Spalier aus markigen Sprüchen und plumpen Parolen. Und jeden Morgen ärgerte sich der Rostocker zuletzt ein wenig mehr. Schließlich betreibt Weiß an einer dieser Verkehrsadern sein Hotel. Nun ergreift er die Initiative.
"Ich habe keine Lust mehr, dass meine Gäste mit Slogans à la 'Touristen willkommen - Ausländer raus' begrüßt werden", sagt Unternehmer Weiß. So etwas schade dem Image der Stadt und des Landes und damit unmittelbar auch der Tourismusbranche. Doch was tun? Die Demontage der Plakate wäre illegal und ohnehin logistisch kaum machbar. Schließlich hängen die nationalen Plakate laut Weiß oft in bis zu vier Metern Höhe, "damit sie nicht kaputtgemacht werden können", so Weiß.
Spontane Unterstützung durch Hotelier
Die Lösung: Eine kräftige Finanzspritze an das Heinar-Lager und das Angebot an Matthias Brodkorb und Co. Hotelier Weiß finanziert dem Satire-Team eine finale Plakatattacke kurz vor der Wahl - und rekrutiert aus dem Kreis der Freunde und Angestellten freiwillige Posterkleber. Selbst plakatiert er natürlich fleißig mit. Rund 300 Spruchblätter will er mit seinen Leuten in der Nähe des Hotels anbringen.
Das ehrgeizige Ziel: Wo immer an markanten Orten in der Hansestadt ein NPD-Plakat gegen Zuwanderung und Multikulti hetzt, soll eine passende Storch-Heinar-Parole gleich mitgeliefert werden. Natürlich werde man die Motive des Gegners nicht überkleben, erklärt der SPD-Landtagsabgeordnete Brodkorb. Aber man werden "die Nähe im Rahmen des Erlaubten durchaus suchen".
Gastronom Weiß erhofft sich von der Kampagne kurzfristig eine Schlappe für die NPD. Mittelfristig setzt er jedoch auf einen fortschreitenden Imagewechsel für das Urlaubsland im Nordosten. "Es tut schon weh, wenn wenige Ewiggestrige den Ruf eines ganzen Bundeslandes beschädigen", sagt Benjamin Weiß.
NPD versuchte, Kampagne zu stoppen
Das findet auch der Hotel- und Gaststättenverband Mecklenburg-Vorpommern, der sich der Aktion spontan angeschlossen hat. "Fremdenfeindlichkeit und Rassismus dürfen bei uns keinen Platz haben. Ich werde daher unsere Mitgliedsunternehmen dazu aufrufen, die Kampagne 'Storch Heinar' ebenfalls zu unterstützen", erklärte Pressesprecher Uwe Barsewitz.
Die Plakataktion in Rostock bildet laut Mathias Brodkorb das letzte Kapitel eines Wahlkampfs, in dem die "Division Storch Heinar" bereits mehr als 100.000 Flyer, rund 5000 Poster und 15.000 Parteiabzeichen unter das Volk gebracht hat.
Um ein Haar hätte sich der politische Erzfeind sogar auf eine rechtliche Auseinandersetzung mit dem Heinar-Lager eingelassen. Laut Endstation Rechts hatte der stellvertretende NPD-Landesvorsitzende David Petereit versucht, die Heinar-Poster als unerlaubte Werbung mit kommerziellen Zielen verbieten zu lassen. Schließlich bringe der Verkauf des Storch-Merchandise Geld. Mit diesem Versuch ist er gescheitert, das Innenministerium des Landes erklärte, man sei nicht dafür zuständig, "den Wahlkampf der Parteien zu zensieren".
Spektakulärer Streit vor Gericht
Es ist nicht das erste Mal, dass sich der Storch gegen juristische Schritte aus dem rechten Lager wehren muss. Die Marke gilt als Persiflage auf das Klamotten-Label Thor Steinar, das sich in Neonazi-Kreisen größter Beliebtheit erfreut. Endstation Rechts nimmt die rechte Modemarke mit T-Shirts und Spaghetti-Tops, natürlich korrekt eingedeutscht als T-Hemden und Nudelhemden, aufs Korn.
Beim Thor-Steinar-Hersteller Mediatex fand man die Satire-Attacke aus Mecklenburg-Vorpommern gar nicht komisch. Nach Angaben eines Gerichtssprechers sah sich die Firma "in unsachlicher Weise herabgesetzt und verunglimpft". Bis vor das Landgericht Nürnberg-Fürth zog Mediatex im Oktober 2010 - und verlor auf der ganzen Linie.
Nun also die nächste Pleite für das rechte Lager, der Storch darf weiterkleben und dem Finale Anfang September entgegenfiebern. Klappt es dann tatsächlich mit der Schlappe für die NPD-Kandidaten, kann der gestresste Großvogel vielleicht endlich einmal die dürren Beine baumeln lassen und ein wenig ausspannen.
Vorher jedoch, so Privatsekretär Brodkorb, werde mit rauen Mengen Eierlikör angestoßen.
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