Wahlkampfhilfe für Niedersachsens SPD-Mann Weil: Allein unter Alphatieren

Von Timo Brücken, Osterholz-Scharmbeck

Ex-Kanzler Schröder und Spitzenkandidat Weil: "Klar mach ich noch 'nen Stand" Zur Großansicht
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Ex-Kanzler Schröder und Spitzenkandidat Weil: "Klar mach ich noch 'nen Stand"

Es wird eng für Niedersachsens SPD, der sicher geglaubte Erfolg bei der Landtagswahl am Sonntag ist inzwischen fraglich. Jetzt holten sich die Genossen Unterstützung von Gerhard Schröder, Peer Steinbrück und Frank-Walter-Steinmeier - Spitzenkandidat Weil schien beflügelt.

"Bräääsig." Stephan Weil dehnt das Wort genüsslich und macht eine kurze Pause, als lasse er es sich auf der Zunge zergehen. Es gilt David McAllister, dem Ministerpräsidenten von der CDU, seinem politischen Gegner. Der lehne sich doch bloß in seinem Stuhl zurück und halte Niedersachsen für das "Land des Lächelns in der norddeutschen Tiefebene", in dem alles zum Besten stehe. "Aber warum ist dann so kurz vor der Landtagswahl die Mehrheit für einen Regierungswechsel?", fragt Weil und ruft: "Weg mit dieser Bräsigkeit!" Die Genossen im Saal johlen.

Es sind keine hundert Stunden mehr, bis am Sonntagabend die Wahlergebnisse feststehen. Und die niedersächsische SPD feiert in Osterholz-Scharmbeck bei Bremen ihre große Wahlkampfgala. Geballte Prominenz inklusive: Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier ist da, Kanzlerkandidat Peer Steinbrück und sogar einer, der all das Getöse eigentlich längst hinter sich hat: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Die Promis von der Bundesebene, allen voran der Altkanzler, sollen der Landes-SPD den entscheidenden Schub geben. Denn der lange sicher geglaubte Sieg ist in Gefahr.

Bis vor wenigen Tagen lag die FDP in den Umfragen unter fünf Prozent. David McAllisters CDU musste fürchten, den Koalitionspartner zu verlieren. Aber plötzlich schaffen es die Liberalen scheinbar doch wieder in den Landtag und der Vorsprung von Rot-Grün auf Schwarz-Gelb ist auf einen Prozentpunkt zusammengeschrumpft. Über die Hälfte der Niedersachsen ist zwar nach wie vor für einen Regierungswechsel. Gleichzeitig würden sich aber deutlich mehr Menschen für McAllister als für seinen SPD-Kontrahenten Weil entscheiden, wenn sie ihren Ministerpräsidenten direkt wählen dürften. All das deutet für Sonntag auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hin. Und so bietet die SPD an diesem Abend einiges auf, um nicht doch noch auf den letzten Metern zu scheitern.

Zwischen den Bundes-Promis wirkt Weil etwas verloren

Die Parteigranden verteilen gleichermaßen Liebe und Hiebe: Schröder lobt abwechselnd den Kandidaten und sich selbst. "Stephan ist derjenige, auf den man sich verlassen kann. Der wird das gut machen." Schließlich biete Weil "Wirtschaftspolitik aus einem Guss". Womit der Altkanzler nahtlos zum Eigenlob übergeht: Seine Regierungsjahre in Hannover und Berlin seien "nicht die schlechtesten für unser Land" gewesen. Also könne Rot-Grün unter Weil in Niedersachsen beziehungsweise unter Steinbrück im Bund ja wohl auch keine schlechte Idee sein. Steinmeier warnt, Niedersachsen sei "kein geborenes sozialdemokratisches Land", Siege müssten hier hart erkämpft werden. Und Steinbrück kantet gegen den politischen Gegner, will "dieses schwachsinnige Betreuungsgeld abschaffen" und gegen Steuersünder endlich "die Kavallerie satteln", statt nur von ihr zu reden.

Stephan Weil lächelt artig. Zwischen den Bundes-Promis wirkt er auf der Bühne etwas verloren, tippelt von einem Fuß auf den anderen und wendet seinen Blick immer wieder ruckartig von einem Gast zum anderen. Er gilt als bodenständig und solide, mitunter etwas spröde. Er ist kein Angreifer wie Steinbrück, wie Schröder schon gar nicht. Als er nach der Gästerunde seine Rede beginnt, scheint es, als wolle er diesen Rückstand an Souveränität durch Lautstärke und weitschweifige Gesten wettmachen.

Weil redet deutlich lauter als die anderen und lässt seinen Arm ungelenk durch die Luft gleiten. Doch er trifft weder Schröders Timbre, noch dessen Leichtigkeit. Erst nach ein paar Sätzen wird er leiser, und dann wird er böse: Das Familienbild der Union? "Mutti schmiert die Stullen und überm Sofa röhrt der Hirsch!" McAllisters Bild von Niedersachsen? "Blühende Landschaften, wie sie sich Helmut Kohl nicht besser hätte wünschen können!" Und überhaupt: "Diese Schwarzen!" Die Worte CDU oder Union nimmt er erst gar nicht in den Mund. Weil ist wie ausgewechselt. Gerd, Peer und Frank nicken zufrieden. "Tolle Fankurve", feixt der Kandidat, als er das sieht.

Sonst bleibt er immer am Boden, jetzt schwebt er ein bisschen

Als Stephan Weils Name zum ersten Mal an diesem Abend fiel, klatschten die Leute, mehr nicht. Keine Rufe, keine Freudenpfiffe, keiner stand auf. Am Ende des Abends stehen sie alle, sie rufen und sie pfeifen, einer schwenkt sogar die rote Fahne mit dem SPD-Logo. Es ist, als hätten die Wahlkampfveteranen auf Weil abgefärbt. Sonst bleibt er immer am Boden, jetzt schwebt er ein bisschen. "Ruht euch aus", befiehlt er seinen Unterstützern am Ende: "Die Veranstaltung ist beendet."

Einem Genossen scheint nicht ganz klar zu sein, ob Weil damit den Abend oder gleich den ganzen Wahlkampf meinte: "Wie sieht's bei euch aus? Macht ihr noch 'nen Stand?", fragt er seinen Nebenmann beim Rausgehen. "Was für 'ne Frage", fährt der ihn an: "Klar mach ich noch 'nen Stand!"

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insgesamt 66 Beiträge
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1. Peer minimiert Dispozinsen!
nikta 17.01.2013
Herr Weil, die Wahlkampf auch für Sie mit solchen Wahlhelfern wie Steinbrück und Schröder vorbei! Das kann man vom Schröders Gesicht ablesen! So senil der „Malmedienstar“ noch nicht! Der Andere, der Medienfund-Peer verlor Realitätsverlust ohne angefangen zu haben! Reichtum und Intelligenz sind keine Sünden! Geschäftsideen und angemessener Preis dafür sind auch jede Zeit willkommen! Nun dieser Peer ist kein Geschäftsmann und nützte seinen politischen Ämtern als Vorsprung für seine Quasi-Geschäftsideen! Das ist schon Korruption! Er war auch gerne von seinen Seilschaften von ThyssenKrupp bis auf Deutsche Bank auch gerne wegen seiner politischen Stellung und nicht wegen seinen höhen Marktpreis genützt und diente in der Tat als Lobbyist. Desweiteren sahen wir den reichen Peer nicht als Spender der Wohltätigkeiten, aber als Geldauftreiber auf dem Rückweg von Bochumer Stadtwerke. Oder ist der Peer-20% doch bekennender Wohltäter? Na klar! Aus wahl-taktischen Gründen! Peer macht Schröder-„Reformen“ rückgängig! Peer verdoppelt Kindergeld! Peer minimiert Dispozinsen! Peer halbiert die Mieten! Peer führt Mindestkohn und Mindestrente! Peer verbittet Zeitarbeit und Arbeitsausbeutung der Geringverdiener! Wieso dann glaubt ihm keiner? Nun, wahrscheinlich, weil dieser Peer die Heuchelei in sich verkörpert…Ein Sparkassenleiter baut seine Reputation und Vertrauen mühsam auf und hat ständigen Kontakt mit den Kunden bzw. mit dem Leben. Nun das Leben aus dem Willi-Brand-Haus sieht ganz anders aus, besonders wenn man mit rosa-roten Brillen der SPD sieht…
2. Der Autor möge sich
Silas 17.01.2013
bitte den fundamentalen Bedeutungsunterschied zwischen dem - hier fälschlicherweise verwendeten - Wort "scheinbar" und dem - hier eigentlich gemeinten - Wort "anscheinend" klarmachen.
3. Schröders hilfe......
unixv 17.01.2013
mitsamt Gattin kann auch schnell nach hinten los gehen. Seine Schandtaten hat noch keiner vergessen und wie seine Frau in den Landtag kam, ist mehr als bedenklich! Dann war da noch die Riesterrenten-Abzocke, das hier noch kein Staatsanwalt eingegriffen hat?!?!?!?
4. optional
Bernhard.R 17.01.2013
Ausgerechnet der furchtbare Schröder, der von 3 Kriegen während seiner Regierungszeit nur einen ausgelassen hat und sich prompt als Friedenskanzler feierte, soll es richten? Die SPD setzt wohl darauf, daß die Deutschen das schon vergessen haben. Aber so vergeßlich sind wir nicht. Basta !
5. Millionen-Peer und Gaz-Gerd
Palmstroem 17.01.2013
Zitat von sysopREUTERSEs wird eng für Niedersachsens SPD, der sicher geglaubte Erfolg bei der Landtagswahl am Sonntag ist inzwischen fraglich. Jetzt holten sich die Genossen Unterstützung von Gerhard Schröder, Peer Steinbrück und Frank-Walter-Steinmeier - Spitzenkandidat Weil schien beflügelt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wahlkampf-in-niedersachsen-gerhard-schroeder-hilft-stephan-weil-a-878051.html
Irgendwie messchugge! Während Christian Wulff immer noch wegen 400 Euro von der Staatsanwaltschaft bedrängt wird, darf Gazprom-Gerd Wahlkampf für soziale Gerechtigkeit machen. Niemand hat für die Versicherungswirtschaft samt Maschmeyer mehr getan als Gerhard Schröder - aber Wulff nimmt man das übel. Mit Millionen-Peer und Gaz-Gerd hat ja nun die SPD das ideale Wahlkampfteam. Da hält weder Ochs noch Esel den Sozialismus auf!
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Stephan Weil: Der solide Herausforderer

Das Wahljahr 2013
20. Januar: Landtagswahl in Niedersachsen
Die Niedersachsen haben entschieden - allerdings sehr knapp. Ein hauchdünner Vorsprung von einem Mandat für eine rot-grüne Koalition ermöglicht es dem SPD-Herausforderer Stephan Weil, den erst seit 2010 amtierenden David McAllister (CDU) als Regierungschef abzulösen. Nach dem anstehenden Machtwechsel zu Rot-Grün wird Schwarz-Gelb nur noch über 15 der 69 Stimmen im Bundesrat verfügen. Die schwächelnde FDP erreichte mit 9,9 Prozent der Stimmen ein sehr starkes Ergebnis - profitierte dabei aber von vielen strategisch wählenden CDU-Anhängern. Dennoch: Durch den Erfolg bleibt Philipp Rösler vorerst Parteichef, Fraktionschef Rainer Brüderle übernimmt lediglich die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl.
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September: Bundestagswahl
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September: Landtagswahl in Hessen
In Hessen wird der neue Landtag zusammen mit dem Bundestag gewählt. Volker Bouffier führt die CDU erstmals als Ministerpräsident in den Wahlkampf. Sein langjähriger Vorgänger Roland Koch hatte sich 2009 behauptet. Die SPD sieht sich nach ihrer verheerenden Niederlage damals wieder im Aufwind. Die FDP, mit der Bouffier regiert, kam 2009 auf ihr bestes Ergebnis seit den fünfziger Jahren, muss jetzt aber die Fünfprozentklausel fürchten.