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Wahlkampf in Sachsen: Altkanzler Schröder nimmt Merkel in Schutz

Aus Lommatzsch berichtet

Altkanzler Schröder mischt wieder mit. Im sächsischen Lommatzsch wirbt er bei einem Firmenbesuch für die Landes-SPD - und verteidigt gleichzeitig Kanzlerin Merkel gegen Querschüsse seiner Berliner Genossen.

Altkanzler Schröder: Locker in Lommatzsch Fotos
AP

Einen Kreis nach dem anderen zieht die Propellermaschine über Lommatzsch, als ob der sächsische Himmel an diesem Augusttag nur hier Platz böte. Über der kleinen Stadt im Landkreis Meißen findet jedenfalls das Banner genug Aufmerksamkeit, das von dem Flugzeug geschleppt wird. "Wählt NPD" ist darauf in Riesenbuchstaben zu lesen.

Auch der Altkanzler schaut kurz nach oben, nachdem er auf dem Gelände der Firma Lomma aus dem Wagen gestiegen ist. Die NPD fliegt hier wegen seines Besuchs ihre Runden, am Sonntag ist Landtagswahl in Sachsen. Aber Gerhard Schröder hat ganz offensichtlich gute Laune aus Hannover mitgebracht, und die will er sich nicht verderben lassen.

Es ist Schröders erster Auftritt in den Landtagswahlkämpfen, und auch vor der Bundestagswahl am 27. September werden kaum Veranstaltungen dazu kommen. Am Montag beim Auftakt der Bundes-SPD in Hannover wird er da sein, aber nicht reden. Darüber hinaus gibt es nur Einladungen von lokalen SPD-Kandidaten. Dass Schröder zu mehr Lust hätte, ist offensichtlich. Aber im Lager seines ehemaligen Mitarbeiters und Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier scheint man Angst vor dem großen Schatten des Alt-Stars zu haben.

Schröder ist an diesem Tag in den Schlagzeilen. Denn die "Bild"-Zeitung wirft ihm in der Debatte um die von Kanzlerin Angela Merkel für Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ausgerichtete Geburtstagsfeier vor, er sei der wahre Spesen-Kanzler gewesen. "Es ist eine allgemeine Erfahrung, dass sich die 'Bild'-Zeitung in Wahlkampf-Zeiten vor den Karren der Union spannen lässt", sagt Schröder. "Das ist ein durchsichtiges Manöver." Klar sei, dass die entsprechenden Ausgaben in der Kanzlerschaft von Merkel gestiegen seien - womit er allerdings kein Problem habe. "Die Erhöhung ist in Ordnung. Schließlich leben wir nicht in einer Bananenrepublik und man sollte seine Gäste ordentlich bewirten." Auch an der Feier für Ackermann kann Schröder nichts finden.

Schröder sagt das ganz cool, ganz Elder Statesman. Sollte es seine Partei ärgern, egal.

Haha, lässt Schröder sein Lachen krachen

In Lommatzsch freut man sich auf jeden Fall über den Besuch. Firmenchef Martin Spieß eilt Schröder entgegen. "Wie geht's", sagt Schröder. Man kennt und duzt sich aus alten niedersächsischen Zeiten, der Unternehmer war früher bei VW angestellt: "Jetzt gut", antwortet Spieß. Haha, macht daraufhin der Altkanzler und lässt sein Schröder-Lachen krachen, "hast du etwa daran gezweifelt, dass ich komme?"

In Sachsens SPD war man sich bis vor zwei Tagen tatsächlich nicht ganz so sicher, ob es mit dem Besuch klappen würde. Als dann am Montagmorgen die Zusage aus dem Schröder-Büro einging, wurde umgehend eine Pressemitteilung mit der Zeile "Kanzler a. D. Schröder im Wahlkampf aktiv" versandt. Denn für die sächsische SPD und ihren Spitzenkandidaten Thomas Jurk ist der Gast ein ebenso wertvoller wie für Lomma-Chef Spieß: Einerseits tut man sich gegen die übermächtige CDU von Ministerpräsident Stanislaw Tillich und die gut aufgestellte Linke mit ihrem Spitzenmann André Hahn schwer.

Und andererseits bekommt Sachsen dieses Mal wegen der spannenderen Auseinandersetzungen vor den Landtagswahlen im Saarland und in Thüringen wenig Aufmerksamkeit.

Die Einladung ging allerdings von Lomma-Geschäftsführer Spieß aus - und der hat auch für die notwendige Logistik gesorgt: Ein Hubschrauber holte den Altkanzler aus Hannover ab, nach dem Besuch startet er vom Lommatzscher Sportplatz wieder in Richtung Kassel zum nächsten Termin Schröders. Und natürlich hat der Gastgeber auf seinem Betriebsgelände einen Bierstand und ein Büffet mit Salaten und Gegrilltem aufbauen lassen, Schröder mag es bekanntermaßen deftig.

Spieß hat die DDR-Marke Lomma wieder flott gemacht, der Traditionshersteller von Landmaschinen baut inzwischen auch Gepäckwagen für Flughäfen und komplette Logistiksysteme, gerade kauft man eine weitere Firma in Radebeul dazu. Aber die Zeiten sind auch für umtriebige Unternehmer schwer - und da kommt der Altkanzler genau richtig.

"Sehr beeindruckt" sei er von dem, was Spieß hier aufgebaut habe, sagt Schröder, als er schließlich zwischen zwei riesigen Grünpflanzen an dem weißen Rednerpult steht. Das Jacket hat er längst ausgezogen.

Schröder setzt auf Magaths Weisheiten

In seinem Blickfeld brutzeln Würste und Hähnchenstücke, aber das ist ihm jetzt wichtig: "11 Auszubildende bei 90 Angestellten", daran könnten sich viele Unternehmer in Deutschland ein Beispiel nehmen. Und dann wendet der Altkanzler seinen Blick nach rechts, wo viele Dutzend Schüler der Lommatzscher Mittelschule auf den Bierbänken sitzen. Auch sie hat Lomma-Chef Spieß eingeladen, offiziell ist das heute sein "Tag der Ausbildung".

Eben, sagt Schröder, "Bildung und Ausbildung sind unsere einzige Chance in Deutschland". Anders werde man gegen China und all die anderen Billliglohnländer keine Chance haben. Das ist möglicherweise dem einen oder anderen Schüler noch zu abstrakt, aber das finale Plädoyer des Redners versteht wohl jeder von ihnen. Ein bisschen müsse man sich im Leben schon anstrengen, ruft Schröder: "Qualität kommt von Quälen", mit diesem Satz habe Wolfsburgs Meistertrainer Felix Magath ganz recht gehabt. Für diesen Satz werden ihn die jungen Leute nicht lieben, aber ein Foto mit Schröder will beinahe jeder. Und beim anschließenden Betriebsrundgang wirkt es beinahe so, als sei Schröder der Rattenfänger von Lommatzsch. Immer sind sie ihm auf den Fersen, unter den finsteren Blicken der Personenschützer.

Der Altkanzler hat seinen Spaß. Er ist Kameras und Fotografen gewohnt, Sachsens SPD-Spitzenmann Jurk wiederum freut sich über jedes Schröder-Bild, auf das er sich schieben kann. Genauso über Geschäftsführer Spieß, der ihm vom Rednerpult ein paar Kränze flicht und den Wirtschaftsminister und stellvertretenden Ministerpräsidenten für sein Engagement lobt.

"Ich hatte immer schlechte Prognosen - und war besser"

Zum Wahlkampf verliert Schröder kein Wort. Nur später, als ihn ein Journalist vom Lokalfernsehen danach fragt. "Natürlich bin ich gerne gekommen, um meinem Freund Thomas zu helfen", sagt er. Das sei deshalb aber noch lange kein Wahlkampf. Und die vielen Leute? Ach, "die sind gekommen, weil Lomma so eine interessante Firma ist".

Dann lacht Schröder, und sagt: "Na ja, vielleicht auch ein bisschen, weil mal einer von Auswärts da ist." Zu den schlechten Umfragewerte für die SPD sagt er: "Ich hatte immer schlechte Prognosen - und war dann deutlich besser."

Eine halbe Stunde hat er noch Zeit für ein Gespräch im Büro von Firmenchef Spieß mit Wirtschaftsminister Jurk, es geht um neue Projekte, Lomma ist vor allem interessiert an zusätzlichen Geschäften mit Russland. Wer könnte da besser helfen als Gerhard Schröder mit seinen Kontakten nach Moskau?

Ein bisschen Wahlkampf-Hilfe für Jurk, ein bisschen Wirtschaftshilfe für Spieß - schwer zu sagen, wer glücklicher ist, als Schröders Hubschrauber wieder abhebt.

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