Merkels Sommertour Wo das Internet Neuland für alle ist

Am Morgen musste die Kanzlerin sich noch unangenehmen Fragen stellen - am Nachmittag gibt es für Angela Merkel Wahlkampf im Wohlfühlmodus. An der Nordsee absolvierte sie letzte Auftritte vor dem Urlaub. Das Publikum hier schert sich nicht um Prism und Datenschnüffelei.

DPA

Aus Neuharlingersiel berichtet Theresa Breuer


Um das Warten in der Sonne zu erleichtern, hat sie sich extra einen Klappstuhl mitgebracht. Eigentlich sind Ruth Willam und ihr Mann im Urlaub - wandern, schwimmen, Fahrrad fahren - doch als sie erfuhren, dass die Kanzlerin hier auftreten würde, wollten sie sich das nicht entgehen lassen. "Ein paar nette Worte" erhofft sich die 69-Jährige von Angela Merkel. Die Aufregung der vergangenen Wochen um die Regierung kann sie nicht verstehen. Prism? "Ach, ich benutze keine E-Mail."

Wenige Meter weiter steht Victor Julier, 75, mit seiner Frau und einem befreundeten Paar. Auch sie freuen sich darauf, Merkel aus nächster Nähe zu sehen. Von der amerikanischen Spähaffäre habe die Kanzlerin nichts gewusst, da ist sich die Gruppe ganz sicher. Zwar finden sie das Verhalten der Amerikaner empörend, aber ausgehorcht fühlen sie sich nicht. "Ich benutze nur ab und zu das Internet", sagt Julier, "mein Sohn schon eher".

Es ist ein friedlicher Nachmittag in Neuharlingersiel, einem beschaulichen Örtchen an der Nordsee. Rentner sitzen zu Kaffee und Kuchen in den Cafés rund um den kleinen Hafen, wo um 16 Uhr Angela Merkel erscheinen soll. Der Platz vor der Bühne ist schon eine Stunde vorher voller Menschen. Um sie bei Laune zu halten, singt ein Chor Lieder wie "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" und "My Bonnie Is over the Ocean". Dazu spielt ein Schifferklavier, das Publikum schunkelt. Der Altersdurchschnitt liegt bei gefühlten 70 Jahren. Wenn Kinder zu sehen sind, dann nur in Form von Enkeln.

"Angelaaaaa Meeeerkel"

Um Schlag 16 Uhr ist es soweit. Die Lautsprecher beschallen die Menge mit einem Technosong aus den neunziger Jahren. "Hier kommt die Frau, die uns durch die größte Krise Europas gebracht hat", schreit der Moderator ins Mikrofon, als würde er einen Boxer ankündigen, der in den Ring steigt, "die Frau, die Deutschland immer wieder zur Nummer eins gemacht hat - unsere Bundeskanzlerin Angelaaaaa Meeeerkel!". Rentner recken ihre Hälse und stellen sich auf Zehenspitzen, um einen Blick zu erhaschen. Als sie mit ihrer Entourage auf die Bühne steigt, wirkt sie selbstbewusst wie Mike Tyson. Die Menge klatscht begeistert. In diesem Ring hat sie keine Gegner.

Am Morgen noch hatte sich Merkel in Berlin unangenehmen Fragen stellen müssen. 250 Journalisten waren zur Bundespressekonferenz erschienen, um Klartext von der Kanzlerin in der NSA-Affäre zu hören. Sie bekamen aber lediglich jede Menge Phrasen. Dass Deutschland ein Land der Freiheit sei. Dass man sich in Deutschland an deutsche Gesetze zu halten habe. Und überhaupt sei es nicht ihre Aufgabe, sich in die Details von Prism einzuarbeiten. Aufklärung sieht anders aus.

Doch am Nachmittag ist das egal. Merkel ist weit weg von der Hauptstadt - weit weg von jeder Großstadt, um genau zu sein. Nach Neuharlingersiel kommen keine Aktivisten, die sich um Datenschutz sorgen. Keine unzufriedenen Bürger, die Antworten auf die vielen Baustellen der Bundesregierung verlangen. "Moin Angela" steht auf einem Lenkdrachen, der über der Veranstaltung schwebt. Hier, wo das Internet Neuland für alle ist, hat die Kanzlerin leichtes Spiel.

Wahlkampf mit Wellnessfaktor

"Sie hatten ja vor zwei Tagen Geburtstag, herzlichen Glückwunsch nachträglich", sagt der Moderator. "Ja, man merkt, dass man älter wird", sagt Merkel. Ein verständnisvolles Raunen geht durchs Publikum. Es folgt Geplänkel über Matjesbrötchen und dass man mal die Seele baumeln lassen müsse. Dann plötzlich setzt der Moderator an: "Was ich mich seit Wochen frage," - wird es jetzt doch politisch? NSA-Affäre? Euro Hawk? - "was haben Sie zu Bastian Schweinsteiger gesagt, als Bayern das Champions-League-Finale gewonnen hat?"

Der Auftritt ist ein Wellness-Wahlkampftermin. Merkel redet vom großartigen Europa. Von der Notwendigkeit der Rente mit 67. Von der tollen wirtschaftlichen Lage Deutschlands. Und darüber, wie wichtig eine gute Ausbildung ist, damit unsere Kinder später Firmen gründen können, die es mit amerikanischen Unternehmen wie Facebook oder Google aufnehmen können. Nach einer guten Stunde ist die Veranstaltung vorbei. "Ich hoffe, Sie haben sich das jetzt alles gemerkt", sagt die Kanzlerin freudestrahlend.

Schnell schüttelt sie noch Hände mit ein paar lokalen CDU-Funktionären, ein Gruppenfoto, dann geht es wieder in ihren Helikopter, zum letzten Termin nach St. Peter-Ording. Am Samstag wird sie in ihren Urlaub nach Südtirol fahren. Ferien, das finden hier alle, hat sich die Kanzlerin redlich verdient.

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insgesamt 162 Beiträge
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Seite 1
eliasp 19.07.2013
1. Es betrifft jeden
Aussagen wie "Ach, ich benutze keine E-Mail." oder "Ich benutze nur ab und zu das Internet" machen deutlich klar, dass diese Personen nicht verstanden haben, dass PRISM auch sie betrifft. Es kann schlichte Ahnunglosigkeit bezüglich der Tatsache, wie tief das Internet jedermanns Privatsphäre durchdringt, sein, oder schlichtweg Ignoranz. Angenommen ein Anwalt versendet unverschlüsselte Mails (was in der Praxis leider permanent vorkommt) an einen Mitarbeiter/Kollegen/…, welche Informationen über einen Mandaten beinhalten. Schon ist der Mandant ebenfalls ein PRISM-Opfer, auch wenn er selbst noch nie im Leben einen PC angerührt hat. Ähnliche Szenarien lassen sich für nahezu jeden Lebensbereich aufzeigen.
zynik 19.07.2013
2. So sehen die 40% aus.
Zitat von sysopDPAAm Morgen musste die Kanzlerin sich noch unangenehmen Fragen stellen - am Nachmittag gibt es für Angela Merkel Wahlkampf im Wohlfühlmodus. An der Nordsee absolvierte sie letzte Auftritte vor dem Urlaub. Das Publikum hier schert sich nicht um Prism und Datenschnüffelei. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wahlkampf-mit-angela-merkel-an-der-nordsee-a-912145.html
...stattdessen "Lang lebe die Kanzlerin!" auf einem Plakat. Oder war es Königin? Der Altersdurchschnitt der klassischen CDU-Wähler (60+) wird auf den Bildern auch mal wieder deutlich. Da gehts nur noch um Besitzstandswahrung, nicht um irgendwelche Konzepte für die Zukunft oder gar "Neuland". Wahrscheinlich wird Angela deswegen so gefeiert wie Lady Di.
PK2011 19.07.2013
3.
Zitat von sysopDPAAm Morgen musste die Kanzlerin sich noch unangenehmen Fragen stellen - am Nachmittag gibt es für Angela Merkel Wahlkampf im Wohlfühlmodus. An der Nordsee absolvierte sie letzte Auftritte vor dem Urlaub. Das Publikum hier schert sich nicht um Prism und Datenschnüffelei. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wahlkampf-mit-angela-merkel-an-der-nordsee-a-912145.html
Eben die deutsche Rentner-Republik :-) Klug von der Parteivorsitzenden: Dort an der Nordsee trifft sich die potentielle SPD-Klientel der Generation 65+. Natürlich interessiert sich dort niemand fürs "Neuland" Internet und seinen Problematiken. Diese Generation hat die "gute Zeit" erlebt und profitiert von den Früchten ihrer Arbeit. Künftige "Alte" werden dies Dank EUR nicht mehr so erleben.
EvilGenius 19.07.2013
4. Ignoranz
Zitat von eliaspAussagen wie "Ach, ich benutze keine E-Mail." oder "Ich benutze nur ab und zu das Internet" machen deutlich klar, dass diese Personen nicht verstanden haben, dass PRISM auch sie betrifft. Es kann schlichte Ahnunglosigkeit bezüglich der Tatsache, wie tief das Internet jedermanns Privatsphäre durchdringt, sein, oder schlichtweg Ignoranz. Angenommen ein Anwalt versendet unverschlüsselte Mails (was in der Praxis leider permanent vorkommt) an einen Mitarbeiter/Kollegen/…, welche Informationen über einen Mandaten beinhalten. Schon ist der Mandant ebenfalls ein PRISM-Opfer, auch wenn er selbst noch nie im Leben einen PC angerührt hat. Ähnliche Szenarien lassen sich für nahezu jeden Lebensbereich aufzeigen.
Es ist vor allem auch ein Ausdruck des nicht verstehen wollens. Die Leute gehen teils auf die 80 zu, da herrscht wenig Bereitschaft sein Weltbild nochmal umzuschmeißen und sich mit der Tatsache auseinander zu setzen, dass die Amerikaner plötzlich die Bösen sind. Wer das Internet nur aus dem Fernsehen kennt, ahnt wohl auch kaum, dass Telefongespräche über die selben angezapten Leitungen laufen, aber selbst wenn: Revolutionen gingen noch nie von Rentnern aus...
Micha_R3 19.07.2013
5. OK, ich bin jetzt auch schon fast ...
Zitat von eliaspAussagen wie "Ach, ich benutze keine E-Mail." oder "Ich benutze nur ab und zu das Internet" machen deutlich klar, dass diese Personen nicht verstanden haben, dass PRISM auch sie betrifft. Es kann schlichte Ahnunglosigkeit bezüglich der Tatsache, wie tief das Internet jedermanns Privatsphäre durchdringt, sein, oder schlichtweg Ignoranz. Angenommen ein Anwalt versendet unverschlüsselte Mails (was in der Praxis leider permanent vorkommt) an einen Mitarbeiter/Kollegen/…, welche Informationen über einen Mandaten beinhalten. Schon ist der Mandant ebenfalls ein PRISM-Opfer, auch wenn er selbst noch nie im Leben einen PC angerührt hat. Ähnliche Szenarien lassen sich für nahezu jeden Lebensbereich aufzeigen.
... "ältere Generation", aber Ausrede wäre das keinesfalls: Wer erinnert sich denn noch an die "VW/Lopez"-Affäre? - Damals passierte den Amerikanern ein sehr peinlicher Lapsus: Als Beweis, dass der vorher bei Ford tätige Lopez "KnowHow" mitgebracht hatte, präsentierten die USA Mitschnitte des VW-Managements, die weit vor dem Zugang von Lopez zu VW von den US-Geheimdiensten abgehört wurden! Peinlich, peinlich! ....
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