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24. August 2013, 19:25 Uhr

Merkels Auftritte

Huch, die Kanzlerin macht ja Wahlkampf!

Von , Bonn und Wiesbaden

Angela Merkel schwebt derzeit fast täglich irgendwo in Deutschland zu Kundgebungen ein. Nur bekommt das außer den Menschen vor Ort kaum jemand mit. Schläfert die CDU die Menschen ein? Ein Tag mit der Kanzlerin im Wahlkampf.

Die Kanzlerin fährt diesmal mit dem Bus. Nicht einer von diesen Wahlkampftourbussen, auf denen überdimensional Gesicht und Slogan des Politikers prangen, der darin durch die Gegend kurvt. Ein Reisebus der Oberklasse, schwarz lackiert mit getönten Scheiben, angemietet nur für diesen Samstag, für 200 Kilometer von Bonn nach Wiesbaden, von einer Kundgebung zur nächsten.

Angela Merkel ist nicht allein unterwegs. Rund 30 Journalisten aus Berlin hat sie im Schlepptau, die Parteizentrale hat sie eingeladen, die CDU-Chefin an diesem Tag zu begleiten. Es ist ein bisschen so, als wolle man den Reportern etwas beweisen: Seht selbst, die CDU-Chefin macht wirklich Wahlkampf!

Denn das zu glauben, fällt vielen im Land bislang schwer. In fünf Wochen wird in Deutschland gewählt, doch die politische Auseinandersetzung plätschert bislang vor sich hin, so aufregend wie ein Schälchen Magerquark. Meinungsforscher vom Allensbach-Institut haben das gerade mit Zahlen unterfüttert. Danach unterhalten sich die Deutschen gerade vor allem übers Wetter. Oder über den Urlaub. Oder übers Essen. Nur 29 Prozent fiel die Bundestagswahl als spannendes Gesprächsthema ein.

Den Vorwurf, man schläfere die Wähler ein, finden Merkel und ihre Strategen ungerecht. Es stimmt natürlich, die Kanzlerin absolviert bis zum Wahltag fast täglich zwei Redeauftritte. Nur bekommt das außer den Leuten vor Ort kaum jemand mit. Stets schwebt sie mit dem Helikopter ein, verbringt mit der lokalen CDU-Prominenz eine gute Stunde auf der Bühne und fliegt anschließend wieder weg. Die Nachrichtenagentur dpa kündigt die Veranstaltungen Tag für Tag artig in ihrer Terminübersicht für die Redaktionen der Republik an, meist mit dem Zusatz: "Berichterstattung nur bei Nachrichtenwert". Meist gibt es dann keine Berichterstattung.

Das soll an diesem Samstag anders sein. Hessen ist dafür ein guter Ort, das Land wählt am gleichen Tag wie der Bund, und das Rennen ist eng: Schwarz-Gelb und Rot-Grün liegen fast gleichauf. In den Wiesbadener Rhein-Main-Hallen eröffnet die Landes-CDU am Nachmittag offiziell die heiße Phase des Wahlkampfes. 2300 Anhänger sind da, begrüßen Ministerpräsident Volker Bouffier und die Kanzlerin mit großem Jubel, Cheerleader wedeln mit ihren Puscheln. "In Hessen ist immer was los", sagt Merkel auf der Bühne.

Veggie-Day? "Dann sind Sie bei uns falsch"

Was sie meint, ist allen klar: Im umkämpften Hessen wird der politische Wettstreit stets mit harten Bandagen geführt. Genau das ist eigentlich nicht Merkels Ding. Sie setzt nicht auf Attacke, sie versucht lieber, dem Gegner keine Angriffsfläche zu bieten. In Wiesbaden aber muss sie liefern, man ist unter sich, es geht um die Mobilisierung der eigenen Leute.

Also stichelt sie gegen SPD und Grüne: gegen Steuererhöhungen, gegen Neiddiskussionen, gegen politisch festgelegte Mindestlöhne, gegen den Veggie-Day. "Wenn Sie eine Partei suchen, die Ihnen sagt, dass Sie donnerstags kein Fleisch essen sollen, dann sind Sie bei uns falsch", ruft Merkel. Es ist mittlerweile ein Standard-Gag in ihren Reden. Er funktioniert. Das alles ist nicht mitreißend, aber die hessischen Christdemokraten klatschen und johlen am Ende pflichtgemäß im Stehen.

Ein paar Stunden zuvor, auf dem Bonner Marktplatz, hält sich die Begeisterung in engeren Grenzen. Die Grundbausteine der Merkel-Rede sind die gleichen wie in Wiesbaden: Sie lobt die Arbeit ihrer Koalition, die Investitionen in Bildung und Forschung, die Euro-Rettungspolitik, die gesunkenen Arbeitslosenzahlen, den Konsolidierungskurs.

Karneval? "Keine Herzensangelegenheit"

Das mit dem Veggie-Day klappt auch hier, aber insgesamt ist der Ton milder als bei den hessischen Parteifreunden. Als es zu nieseln anfängt, verteilen die CDU-Helfer orangefarbene Regencapes. Merkel sagt: "Danke, dass Sie ausharren." Rund 2000 Menschen applaudieren. Ob sich selbst oder der Kanzlerin, ist in diesem Moment nicht ganz klar.

Merkel ist es gleich. Sie weiß, hier steht nicht nur CDU-Klientel, hier stehen Eltern, Kinder, Rentner, die mal einen Blick auf die Bundeskanzlerin erhaschen wollen, die sie sonst nur aus dem Fernsehen kennen. Merkel ist überzeugt, dass diese Menschen nicht zu viel Attacke hören wollen. Sie wollen die verlässliche Regierungschefin sehen, die ein gepflegtes Weiter-so ausgibt.

Und die Kanzlerin ahnt auch, dass die Zuschauer weniger ihre Rede als ein paar persönliche Sätze aus dem obligatorischen Eingangstalk in Erinnerung behalten. Da tippt sie auf Bundesliga-Ergebnisse oder sagt Freundliches über ihre Zeit als Ministerin in Bonn: "Ich war gern hier - wunderbar." Nur der Karneval sei ihr nicht so zur "Herzensangelegenheit" geworden.

Reicht das, um eine Wahl zu gewinnen? Nicht auszuschließen, wenn man den Demoskopen glaubt. Dass es eng wird, ist Merkel klar, aber sie wirkt aufgeräumt in diesen Tagen. Mögen die anderen sich doch aufregen über ihre unaufgeregten Auftritte, darüber, dass sie ihrem Herausforderer Peer Steinbrück bisher ein echtes Duell verweigert. So lange es funktioniert, wird sie nichts daran ändern.

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