Unabhängige Kandidaten für den Bundestag Die Einzelkämpfer

Umgeben von Gegnern: Unabhängige Direktkandidaten kämpfen ohne Partei darum, in den Bundestag einzuziehen. Sie investieren viel Zeit und Geld - obwohl ihre Mission meist zum Scheitern verurteilt ist. SPIEGEL ONLINE stellt acht Bewerber vor.

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  Einzelkandidat Michael Paris: "Vielleicht gewinne ich ja"

Einzelkandidat Michael Paris: "Vielleicht gewinne ich ja"


Sie sind einsame Kämpfer zwischen den großen Parteien: unabhängige Kandidaten für den Bundestag. 81 Menschen versuchen dieses Jahr, ohne Partei ins Parlament einzuziehen. Keine Partei im Rücken, das bedeutet, alles selbst machen zu müssen. Jeder Kandidat muss 200 Unterschriften sammeln, um sich beim Wahlleiter registrieren lassen zu können. Dann heißt es: Flyer verteilen, Plakate kleben, ein politisches Konzept entwerfen. Und vor allem, alles selbst bezahlen zu müssen. Viele investieren dafür mehrere zehntausend Euro.

Dabei ist die Mission zum Scheitern verurteilt. Seit 1949 hat es kein Einzelkämpfer ins Parlament geschafft. Der größte Erfolg der Unabhängigen ist die Zehnprozenthürde. Ab dieser Grenze bekommen sie ihre Wahlkampfkosten erstattet - 2,80 Euro pro Erststimme. Doch das hat bei der letzten Wahl nur einer geschafft.

Die Kandidaten sind meist Männer. Manche verfügen über einen gewissen Bekanntheitsgrad, wie etwa Siegfried Kauder, der Bruder des CDU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder. Oder Wolfgang Neškovic, der ehemalige Richter des Bundesgerichtshofs. Die meisten aber sind höchstens Lokalgrößen.

Was treibt diese Menschen, warum tun sie sich einen aussichtslosen Kampf an? Lesen Sie die Typologie der Einzelkämpfer.

Der Rekord-Anwärter

Konrad Dippel

Konrad Dippel ist der Star unter den unabhängigen Kandidaten. Der einzige, der 2009 die Zehnprozenthürde geknackt hat. "So viele Stimmen wie der Dippel werde ich nie abräumen", sagen andere über ihn. Dippel ist Wahlkampfprofi. 2005, beim ersten Versuch, hat er 50.000 Euro investiert. Er war sicher, seinen Kreis in der Oberpfalz zu gewinnen. "Meine Argumente waren logisch, ich sah keinen Grund, mich nicht zu wählen." Es reichte zu 13,6 Prozent, etwa 18.000 Stimmen. Andere hätten gejubelt. Dippel war bitter enttäuscht. Bei der Wahl 2009 startete der Holzkaufmann eine "Materialschlacht", machte drei Monate Wahlkampf, fuhr nachts los, um Plakate aufzuhängen. Das Ergebnis: 14,1 Prozent. Danach, sagt er, sei er in ein tiefes Loch gefallen. Dieses Jahr ist seine "Konsolidierungsphase", weniger Stress, er hat die Plakate vom vorigen Mal benutzt. Dippel hofft, dass sein neuer Wahlspruch reicht: "Hoffnung ist wie Zucker im Tee, zwar klein, aber sie versüßt alles." Kommt er wieder über zehn Prozent, hat er Geschichte geschrieben: Dippel wäre der einzige noch lebende Unabhängige, der das dreimal geschafft hat.

Wahlkreis Weiden 2009: 14,1 Prozent, 2005: 13,6 Prozent

Der Unternehmer

Werner Bracht

Parteien seien viel zu lahm, in Parteien verhungerten die besten Ideen, findet Werner Bracht. Nach vier Jahren als Stadtverordneter der FDP beschloss er, es allein zu versuchen. "Ich bin ein Macher, mir war das zu schwerfällig." Bracht will mehr, als nur alle paar Jahre seine Kreuze zu machen. Vor einiger Zeit beschloss der Software-Unternehmer, seine Gedanken zur Politik aufzuschreiben. Um sie richtig bekannt zu machen, sah er nur einen Weg: eine Kandidatur, unabhängig, in Waldeck, seinem Heimatkreis. Er beschloss, 20.000 Euro zu investieren, ließ eine Homepage entwerfen und Plakate drucken. Bracht bezweifelt, dass für ihn dabei ein Bundestagsmandat herausspringt. Aber seine Ideen, das ist die Hoffnung, könnten bekannter werden.

Der trotzige Rebell

Siegfried Kauder

In der CDU ist Siegfried Kauder inzwischen ein Geächteter. In Schwarzwald-Baar, seinem Wahlkreis, stellte die Partei Kauder einfach nicht mehr auf - viele Mitglieder waren unzufrieden mit seinem Führungsstil. Jetzt soll ein Jüngerer das Mandat des 62-Jährigen übernehmen. Kauder kündigte an: Ich kandidiere gegen meine eigene Partei. Nun droht ihm der Ausschluss aus der CDU. In Kauders Kreisvorstand fand sich schon eine Mehrheit, die ihn rausschmeißen will. Selbst sein eigener Bruder Volker, der Unionsfraktionsvorsitzende im Bundestag, ist dafür. Kauder selbst kündigte bereits an, er wolle sich gegen den Ausschluss wehren.

Wahlkreis Schwarzwald-Baar (als CDU-Kandidat), 2009: 47,4 Prozent, 2005: 51,3 Prozent, 2002: 49,7 Prozent

Der Polit-Profi

Michael Paris

Michael Paris ist der Analytiker unter den unabhängigen Kandidaten. In seinem Wahlkreis in Frankfurt am Main kandidieren Erika Steinbach (CDU) und Ulrike Nissen (SPD). Paris sah eine Lücke: "Steinbach ist weit rechts, Nissen weit links. Es fehlte ein Kandidat der Mitte. Das bin ich." Paris ist seit rund 40 Jahren politisch aktiv, immer für die SPD. Er sitzt im Stadtparlament in Frankfurt und im hessischen Landtag. Als seine Partei ihn nicht aufstellen wollte, kandidierte er ohne sie. Auf den Parteiausschluss wartet er noch. "Die schauen erst mal, wie die Wahl ausgeht - vielleicht gewinne ich ja, dann behalten sie mich."

Die Unideologische

Franziska Sylla

Franziska Sylla könnte nie in eine Partei eintreten. Erstens: Sie wüsste gar nicht, in welche. Sie ordnet sich zwischen CDU und Linke ein. "Aber da ist die SPD - und in die will ich auf keinen Fall." Zweitens: die Gruppendynamik. "Ich will mich nicht streiten, ich will niemandem einen Posten wegnehmen, mir fehlen die Ellenbogen", sagt sie. Also versucht sie es als Unabhängige in Berlin-Mitte. Dass sie dadurch ganz unten auf der Wahlliste steht, es ist ihr egal. "Mich wählen Wechselwähler. Die gehen oft die ganze Liste durch und machen dann unten ihr Kreuz."

2005: 0,6 Prozent in Berlin/Tempelhof-Schöneberg

Der Strippenzieher

Werner Fischer

Werner Fischer ist der Mannschaftsspieler unter den Unabhängigen. Dass jeder für sich kämpft, wollte Fischer ändern. Also gründete er eine Partei: "Unabhängige - für bürgernahe Demokratie". Sie wurde zwar nicht zur Wahl zugelassen. Seit 2002 vernetzt Fischer die Kandidaten aber zumindest untereinander. Wie funktioniert das mit der Presse? Wie viele Plakate, wie viele Flyer braucht man? Bei solchen Fragen hilft er. Fischer selbst kandidiert dieses Jahr zum vierten Mal in Bayern - "mit mäßigem Erfolg".

Wahlkreis Ostallgäu 2009: 0,7 Prozent, 2005: 1,4, 2002: 1,1 Prozent

Der Kritiker

Wolfgang Neškovic

Die meisten unabhängigen Kandidaten sind vor allem: bescheiden und realistisch. Sie wollen ihre Ideen verbreiten, das war es aber auch. Wolfgang Neškovic ist da anders. Er will Geschichte schreiben, als erster Unabhängiger ins Parlament einziehen. Er sagt: "Meine Chancen stehen recht gut." Neškovics Optimismus könnte damit zusammenhängen, dass er gewohnt ist, allein zu kämpfen. Er trat 1994 nach 15 Jahren der SPD aus, wechselte 1995 zu den Grünen und trat wieder aus. Beide Male hatte er Positionen seiner Partei heftig kritisiert, sich offen gestritten. Dann kandidierte Neškovic für die Linke, ohne Parteimitglied zu sein. Ende 2012 kam es wieder zum Bruch, Neškovic warf seinen Brandenburger Kollegen vor, Wahlversprechen zu brechen. Nun ist der ehemalige Richter des Bundesgerichtshofs wieder auf sich allein gestellt. Der Wahlkampf als Unabhängiger sei deutlich aufwendiger, sagt Neškovic. Und das, obwohl er viel Unterstützung bekommt. Gerade haben 16 Teams 1600 Plakate für ihn geklebt. Am Ende könnte es sogar ein Vorteil sein, allein zu kandidieren, findet Neškovic. Viele Bürger sagen ihm: "Mit den Parteien will ich nichts zu tun haben." Dann sagt er: "Ich auch nicht."

Wahlkreis Cottbus/Spree-Neiße 2009 (noch als Kandidat für Die Linke): 30 Prozent

Der Unfreiwillige

Jens Köhler

Jens Köhler will gar kein unabhängiger Kandidat sein. Aber seine Partei, "Aufbruch C - christliche Werte für menschliche Politik", wurde nicht zugelassen zur Wahl. Zu wenige Unterschriften. Zehn Prozent zu erreichen und damit die Wahlkampfkosten zurückzubekommen? Das hat Köhler längst abgeschrieben. "Ich bin Idealist", sagt er. Solange durch ihn in seinem Kreis in Höxter-Lippe mehr Menschen über christliche Werte nachdenken, ist er zufrieden. Das Problem: "Als Unabhängiger findet man kaum Beachtung, die Zeitungen ignorieren einen."

Fotos: dpa, ddp images/dapd, Friedhelm Schulz



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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
janne2109 07.09.2013
1.
toll, es sollten mehr Partei unabhängige gewählt werden in den Bundestag
johnnyrees 07.09.2013
2.
Auch wenn die Kandidaten wohl von vielen belächelt werden, ich finde es ebenfalls eine gute Sache. Querdenker sind nötiger denn je.
autopoiesis 07.09.2013
3.
Schade, dass mein politwissenschaftlicher Beitrag zu diesem Thema unerklärlicherweise nicht freigeschaltet worden ist. Danke, SPON!
Ottonormalbuerger 18.09.2013
4. Bürger-AKTION 2013
Hallo liebe mündige Bürger, da wir nun wieder kurz vor der Bundestagswahl stehen, sind WIR Bürger natürlich wieder höchst interessant für unsere etablierten Block- bzw. Einheitsparteien, um sie wieder mit Pöstchen und üppigen Pensionen zu versorgen und ansonsten die Demokratie für weitere 4 Jahre an den Nagel zu hängen. Wir von buerger-opposition-politik haben für mündige Bürger diesen Link in Youtube unter watch?v=W1SHCsXZmrI eingestellt. Mehr auch unter Google: buerger-opposition-politik.de
cmp-GL 03.03.2016
5. Weshalb eigentlich keine richtige Lösung?
Diäten an einen Index gekoppelt und die ParlamentarierInnen bestimmen sowohl nicht mehr selbst darüber, als auch ein mit der Qualität ihrer Arbeit ursächlich gekoppeltes Instrumentarium entsteht, denn wie der Index steigen und fallen kann, gilt das dann in direktem Zusammenhang auch für die Diäten! Der Vorwurf der Selbstbedienungsmentalität ist hinfällig. Es waren mit Focus auf das Wahljahr 2013 viele – da nicht strukturell verbunden, eigentlich zu viele und damit im Einzelauftritt zu wenig wirkungsvolle – Initiativen am Werk, welche dabei immer nur auf "wir selbst" abstellen, jedoch offen lassen, wer das dann eigentlich sein soll? Dass es dafür auch einer Struktur bedarf, zeigt doch der Untergang der Piraten. Und dass in diese Struktur der gleiche menschliche Missstand einzieht, als in die jetzigen, wissen wir nicht erst seit den Folgezeiten aller Volksbewegungen oder gar Revolutionen. Wenn wir also nicht die Politik in eine Leistung bezogene Form, bringen, wie Quote der Wahlbeteiligung, oder Relation der Bezüge an einen allgemein gültigen Indikator gebunden, bleiben alle Ideen nur Träume.
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