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25. April 2009, 14:38 Uhr

Wahlkampfattacke

Forsche SPD-Plakate brüskieren FDP und Linke

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"Finanzhaie würden FDP wählen", "Heiße Luft würde die Linke wählen": Die SPD geht mit ungewöhnlich forschen Plakaten in den Europa-Wahlkampf. Die attackierten Parteien reagieren empört - manche Politiker rächen sich mit inoffiziellen Repliken im Netz.

Hamburg - Europawahlen bringen die Gemüter selten zum Brodeln. Zu abstrakt wirken viele Themen, zu weit weg erscheinen viele europäische Probleme. Auch die zähen Entscheidungsprozesse in der EU liefern selten Stoff für medial verwertbare Polit-PR.

SPIEGEL-Redakteur Dirk Kurbjuweit verglich die EU einmal mit einer Riesenschlange - und den Wähler mit einer Mahlzeit, die langsam in den endlosen Windungen dieses Ungetüms verdaut wird.

Die deutsche Beteiligung an der EU-Wahl ist bei der letzten Abstimmung 2004 auf ein neues Rekordtief gestürzt: Sie betrug gerade noch 43 Prozent.

SPD-Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel versucht nun, mit einer etwas ungewöhnlichen Kampagne den EU-Wahlkampf der Sozialdemokraten aufzupeppen: Er hat die hauseigene PR-Agentur Butter polemische Motive drucken lassen, mit denen er nach eigenen Angaben die Wahlbeteiligung bei der EU-Parlamentswahl zwischen dem 4. und 7. Juni 2009 erhöhen will.

Gleichzeitig keilt die SPD auf den Plakaten kräftig gegen die Konkurrenz.

"Finanzhaie würden FDP wählen", lautet ein Slogan neben einer lieblos produzierten Fotomontage, die eher auf eine Gratispostkarte oder in ein YouTube-Video passen würde als auf ein Wahlplakat. Das Bild zeigt einen breit grinsenden Haikopf, der auf einen Menschentorso mit Bankerhemd und lila Schlips gezeichnet wurde.

Variationen des Motivs unterstellen der CDU, sie würde von "Dumpinglöhnen" gewählt - und der Linken, sie erzeuge ohnehin nur "heiße Luft". Ein Plakat gegen die Grünen findet sich in der SPD-Kampagne dagegen nicht.

Die Idee der forschen SPD-Kampagne ist offenbar recht weit gediehen. Die Motive finden sich nicht nur allesamt auf einer offiziellen SPD-Web-Seite, mehrere Plakate mit den kühnen Abbildungen wurden in einigen deutschen Städten, darunter Hannover und Duisburg, gesichtet.

SPD-Wahlchef Wasserhövel selbst sagt, er sei "sehr zufrieden mit diesem ungewöhnlichen Ansatz". Um die Wahlbeteiligung anzuheben, müsse man jetzt vor allem Aufmerksamkeit schaffen. "Wir führen keinen säuselnden Europawahlkampf", schreibt er auf der SPD-Web-Seite. "Wir zeigen klar, wofür wir und wofür Union, FDP und die Linke stehen. Witzig und auch ein wenig provozierend."

Die auf den Plakaten Attackierten finden das allerdings gar nicht so witzig. "Wir brauchen keine Mätzchen im Wahlkampf, sondern Politik, die die Ängste und Sorgen der Menschen ernst nimmt", sagt ein CDU-Sprecher.

Brüskiert-sarkastisch reagiert auch die FDP: "Die SPD hat immer wieder gesagt, dass es im Prinzip keine Gründe gegen eine Ampelkoalition gibt", sagt der liberale Abgeordnete Patrick Döring. "Noch so ein paar Plakate und es gäbe gute Gründe." Andererseits scheine die FDP die SPD ja schwer zu beschäftigen. "Den Plakaten zufolge haben die ja offenbar keine anderen Probleme als ihr Verhältnis zur FDP klären zu müssen."

Dietmar Bartsch, Wahlkampfchef der Linken, ist ebenfalls wenig begeistert über den Vorwurf, seine Partei würde nur "heiße Luft" produzieren. "Die SPD betreibt eine reine Negativkampagne", sagt er. "Das ist zwar außerhalb von Deutschland gang und gäbe, Untersuchungen haben aber gezeigt, dass eine solche Strategie beim Wähler nicht gut ankommt." Offensichtlich sei "Herr Wasserhövel doch nicht so schlau, wie ihm manche attestieren".

Ob Wasserhövels Kampagne mehr müde Wähler im Juni an die Urnen locken kann, ist tatsächlich fragwürdig. Aufmerksamkeit erzeugt sie indes schon jetzt. Im Netz kursieren bereits Repliken, die die SPD-Kampagne mit verkehrten Vorzeichen aufgreifen.

So twitterte ein Mitglied der Thüringer Jungliberalen am Donnerstag ein weitgehend leeres Wahlplakat mit dem Slogan: "Niemand wird SPD wählen." Ein anderer, anonymer Nutzer postete eine Variante mit dem Titel: "Wer Vollpfosten will, muss SPD wählen. Für ein Europa auf dem Holzweg." Ein weiterer FDP-Abgeordneter hat auf Nachfrage einen eigenen Spruch parat: "Nur mein Kurzzeitgedächtnis würde SPD wählen", sagt er am Telefon - eine passende Fotomontage dazu gebe es allerdings noch nicht.

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