Wahlkampfauftritt in Hamburg Guttenbergs Greatest Hits

Wieviel Personality braucht Politik? Eine Menge, zumindest im Hamburger Wahlkampf. Dort eilt Bundessuperstar Guttenberg dem hiesigen CDU-Spitzenkandidaten zur Hilfe - und hat sein Publikum sofort im Griff. An der Originalität seiner Rede liegt das allerdings nicht. 

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Die Krawatte: Seide, lindgrün. Die Schuhe: Wildleder, nachtschwarz. Die Mission: Wahlkampf, glasklar.

Karl-Theodor zu Guttenberg, Bundesverteidigungsminister und Bundessuperstar, ist nach Norddeutschland gereist. In gut einem Monat wählt Hamburg Bürgerschaft und Bürgermeister. Verpennt haben kann den Termin keiner - seit Wochen hängen "zu Guttenberg in Hamburg"-Plakate von gefühlt jedem Laternenmast.

Wobei: Das Wort "Wahlkampf", pardon, mag Guttenberg nicht so gern, wird er an diesem Montagabend im Hamburger Kongresszentrum CCH sagen. Besser: Wettbewerb. Der komme nämlich immer zu kurz.

In Hamburg spielt die erste Landtagswahl des "kleinen Superwahljahres" 2011, ihr werden sechs weitere folgen. Am Ende könnten Mehrheiten weg und Landesfürsten gestürzt sein, sogar die Macht von CDU-Kanzlerin Angela Merkel könnte in Frage stehen.

Für die Hamburger CDU sieht es nicht gut aus. Nach dem Abgang ihres langjährigen Bürgermeisters Ole von Beust wurde Christoph Ahlhaus installiert, der am 20. Februar sein Amt verteidigen will. Umfragen sehen 43 Prozent für die SPD, 26 für die Union. Doch Ahlhaus will das Ruder herumreißen: Mit seinem Gaststar Guttenberg.

Wie bei Tokio Hotel

Ein Assistent vor Ort ist sehr gestresst. Nichts läuft wie geplant. Der Saal, bestuhlt für 1500 Menschen, ist zu klein, vor der Tür drängen sich die Leute, ein Ende des Ansturms ist nicht in Sicht. Und jetzt auch noch das - die Musikanlage streikt. Dabei sind Minister zu Guttenberg und Bürgermeister Ahlhaus mit ihrer Entourage von Knopf-im-Ohr-Trägern bereit zum Einmarsch. Panisch rennt der Assistent durchs Foyer, sein Schal flattert, er faucht: "Ich bring' euch alle um, ich bring' euch alle um!" Es klingt nicht wie ein Scherz.

Endlich geht die Musik an, "Fluch der Karibik"-Soundtrack-Klänge donnern durch den Raum. Ahlhaus und Guttenberg können kommen.

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Wahlkampf in Hamburg: Guttenberg greift ein
Auffallend viele junge Menschen sitzen im Publikum - zumindest für eine Veranstaltung der CDU/CSU. Eine Studentin mit trendiger Nerd-Brille und blondem Fransenpony sagt: "Guttenberg ist ein Superstar, man kann sich dem Hype einfach nicht entziehen". Und fügt hinzu: "Auch wenn ich das am Anfang nicht wollte." Eigentlich sei sie keine Unionswählerin, könne mit Guttenbergs Partei, der CSU, "überhaupt nichts anfangen". Doch Guttenberg, den wollte sie einfach mal live sehen.

Sie und etwa 2500 andere. "Mit so einem Andrang hat niemand gerechnet", sagt Organisator Edgar Hirt. Die Einlasskontrollen wirken wie beim Konzert von Tokio Hotel. Kurz nach fünf wird der Saal dichtgemacht, obwohl sich draußen noch immer Schlangen bilden - keiner kommt mehr rein.

Ahlhaus' Rolle ist die einer Vorband beim Rockkonzert. Er spricht 45 Minuten, unter anderem über "Innovation, Tatkraft und Engagement". "Der rote Filz steht schon vor der Tür, wir dürfen ihn nicht reinlassen", sagt er, und dass Hamburg "Boomtown" bleiben müsse. Seriös (er), unseriös (die anderen) und ideologiefrei (seine Politik) sind Ahlhaus' Lieblingswörter.

Er hat es nicht leicht. Er kämpft mit schlechten Umfragewerten, wenig Wahlkampfzeit und dem schweren Erbe eines fahnenflüchtigen Ex-Bürgermeisters. Ahlhaus' Wahlkampftermine heißen "Wochenmarkt Groß Borstel" oder "Wochenmarkt Fuhlsbüttel" oder "Christoph Ahlhaus im AEZ Poppenbüttel". An diesem Montagabend kann er sich ein bisschen in dem Schein seines Gastes sonnen.

Der zeigt auf seiner offiziellen Facebook-Seite Fotoalben wie "Militärpolitische Gespräche in der Mongolei" und "Militärpolitische Gespräche in China". Fotos, auf denen Jackett und Haar immer sitzen. So auch in Hamburg. Guttenberg steigt nicht auf eine Bühne, er betritt sie auch nicht. Guttenberg joggt sie empor.

Er ist vermutlich der einzige Politiker, der eine Bühnentreppe hinaufjoggen kann und dabei nicht lächerlich wirkt sondern schmissig. Der Wörter wie "Grandezza" in eine Rede streut, ohne Arroganz zu versprühen. Der mitten in einer Hamburger Mehrzweckhalle statt "fragt" in fränkischer Mundart "frächt" sagen kann, ohne ausgebuht zu werden.

Best of Guttenberg

Guttenberg braucht nur Sekunden und hat den Saal im Griff. In den hinteren Reihen haben sich ein paar Anti-Kriegs-Aktivisten und Atomkraftgegner postiert, die ein Transparent entrollt haben. Sie werden von Ordnern aus dem Saal geführt. Guttenberg lenkt seine Rede sofort auf Meinungsfreiheit - auch andere Positionen hätten in diesem Saal Platz, müssten keineswegs des Raumes verwiesen werden. Enthusiastischer Beifall vom Publikum - so eine vornehme Haltung, so ein liberaler Mann!

Den Hype um seine Person? Bezeichnete Guttenberg im SPIEGEL als "völligen Scheiß". Aber der Hype ist ganz nützlich. Wenn der CSU-Politiker auftritt, kommen Tausende. Ein Guttenberg-Wahlkampftermin ist Gold wert.

Sein Auftritt ist eher Kanzlerrede als Regionalwahlkampf, Guttenberg holt internationale Politik ins Kongresszentrum. Er spricht über Bomben in Pakistan, die nicht in die Hände von "islamistischen Idioten" fallen dürften. Über Afghanistan ("Ein Mindestmaß an Demokratie, mehr ist nicht möglich"), Iran, über Piraten am Horn von Afrika ("das betrifft auch mittelständische Hamburger Unternehmen") und den demografischen Wandel ("haben wir Antworten, die den Anspruch der Wahrhaftigkeit erheben?").

Guttenberg ist der beliebteste Politiker Deutschlands. Da macht es nichts, dass er ein paar Rede-Versatzstücke recycelt. Etwa die, dass sich Afghanistan im Krieg befinde. Dass er von seinen Politiker-Kollegen mehr "Mut zur Wahrheit" fordere. Dass die Thesen Thilo Sarrazins "im Ansatz richtig, in der Schlussfolgerung falsch" seien. Dass "die Leute die Schnauze voll haben" von Wahlversprechen. Dass Protestkultur wachse, die Welt komplizierter werde. Dass in Deutschland "jeder willkommen sei, der bereichernd für die Gesellschaft ist." Alles schon einmal gesagt. Sein Hamburg-Auftritt ist das Best of Guttenberg, mit seinen erfolgreichsten Hits.

Sogar ein Exkurs ins Dschungelcamp ("Muss dieses Niveau sein?") ist drin. Den Gag, dass Rainer Langhans einer "fleischgewordenen Pusteblume" ähnele, hat er allerdings von RTL geklaut. Egal. Guttenberg machte die CSU sexy, das Verteidigungsministerium, und jetzt ist das Hamburger Kongresszentrum dran. Er redet frei, mit einer Hand in der Anzughosentasche. Er ist glatt, und doch aufmüpfig.

Im Saal laufen eine Handvoll Guttenberg-Lookalikes herum, junge Männer im imitierfreudigen Alter: Mitte zwanzig, in Bogner-Steppwesten oder Nadelstreifjacketts, mit Rundbrillen und zurückgegeltem Haarhelm. Früher hätte man sie vielleicht Blankeneser Schnöseljungs genannt. Doch die hier sehen irgendwie modern aus, sie tragen Chucks an den Füßen und schieben auf ihren IPhones herum. Einer von ihnen heißt Tobias, ist Student und 22. Er könnte Guttenbergs Sohn sein, so ähnlich sieht er ihm. Tobias sagt, er sei neugierig auf Guttenberg, "ein toller Redner, interessante Positionen."

Käme Guttenberg in ein Casting von "Deutschland sucht den Superstar", würde Dieter Bohlen wahrscheinlich sagen: "Weißt du, an deinem Gitarrenspiel musst du echt noch arbeiten. Aber du bist irgendwie 'n Typ, sowas suchen wir hier!".

Zumindest Selbstironie ist Guttenberg nicht fremd. "Gottes Segen" wünscht er am Ende seines Auftritts, alles Gute und einen schönen Abend. "Falls Sie von der Plakatierung in der Stadt noch nicht traumatisiert sind".

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insgesamt 105 Beiträge
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Seite 1
Antje Technau, 18.01.2011
1. Sternchen
Zitat von sysop*********************************************************** http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,740033,00.html
Lieber sysop, die vielen Sternchen in den Titeln und Teasern des Forums waren mir schon lange suspekt. Hat das Virus jetzt Ihre Tastatur endgültig erledigt, oder kommt da noch was? ;-)
Wattläufer 18.01.2011
2. Ich war dabei und kam rein
Das mit dem Hype hatte ich mir schon so gedacht und war rechtzeitig vor Ort. Die Leute wollten zu Guttenberg sehen, nicht Ahlhaus.
onzapintada 18.01.2011
3. Der Guttenhype: Kaiser Karl der VIII?
Wenn ich den Hype richtig verstehe, will der Spiegel Guttenberg zum deutschen Kaiser hochschreiben. Völlig entnervt von der Phrasendrescherin im Kanzleramt fehlt bald nicht mehr viel und wir stimmen zu. Aber dann braucht Deutschland auch wieder Kolonien, sonst reichts nur zum König. Und, ach ja, wäre das dann Karl VIII, oder fangen wir wieder von vorne an zu zählen?
Haio Forler 18.01.2011
4. .
Zitat von Antje TechnauLieber sysop, die vielen Sternchen in den Titeln und Teasern des Forums waren mir schon lange suspekt. Hat das Virus jetzt Ihre Tastatur endgültig erledigt, oder kommt da noch was? ;-)
Wie bei von und davon Guttenberg kommt es nicht auf Inhalte an, sondern auf die smarte Goldbrille. Johnny Depp haette das aber besser gemacht :)
mwroer 18.01.2011
5.
Zitat von Antje TechnauLieber sysop, die vielen Sternchen in den Titeln und Teasern des Forums waren mir schon lange suspekt. Hat das Virus jetzt Ihre Tastatur endgültig erledigt, oder kommt da noch was? ;-)
Möglicherweise doch der Schimpfwortfilter und die Menge der Sterne steht für ungehemmte Meinungsfreiheit am früheren Morgen :) Guttenberg .. ich bin ehrlicherweise kein CSU Wähler, nicht mal CDU nahe, aber doch: Zu einer Veranstaltung gehen und mir den Mann anschauen, das würde ich. Sogesehen hat die Studentin durchaus Recht 'Man kann sich dem Hype nicht entziehen'. Inwieweit könnte genau dies eigentlich der ohnehin angeschlagenen FDP das Genick brechen? Guttenberg wird sicherlich auch von dort Stimmen abziehen.
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