Wahlkampfauftritt SPD-Liebling Wowereit kokettiert mit K-Frage

Lässig wie ein Barkeeper, unterhaltend wie ein Showmaster, beliebt wie ein Popstar: Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit könnte bald den Sprung in die Bundespolitik schaffen. Sogar als Kanzlerkandidat wird er gehandelt - was dem Hauptstadtchef offensichtlich gefällt.

Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit: "Wie ist die Stimmung?"
dpa

Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit: "Wie ist die Stimmung?"


Hamburg - Ein roter Teppich ist nirgendwo in Sicht, aber den braucht Klaus Wowereit auch gar nicht. Kaum betritt er den Raum, kommt Stimmung auf. "Wooowi", quiekt ein Mädchen, keine 18 Jahre, im Mundwinkel klemmt eine Lollikugel. Ihr junger Begleiter probiert einen Zwei-Finger-Pfiff. Das ist nicht unbedingt typisch für einen Diskussionsabend zum Thema "Soziale Stadt im 21. Jahrhundert".

Berlins Regierender Bürgermeister ist zu Gast in Hamburg-Ottensen, er trifft sich zur Podiumsrunde mit Olaf Scholz, Arbeitsminister im Kabinett Merkel und Direktkandidat für den Bezirk Altona. Im Kulturzentrum "Fabrik" unterstützt Wowereit seinen Parteifreund im Wahlkampf. Eingeladen wird er gern, denn ob Bayern, Hessen oder Rheinland-Pfalz - der Hauptstadtchef sorgt für ein volles Haus.

Es gab im Sommer diese Umfrage, in der Wowereit zum Favoriten für die SPD-Spitze gekürt wurde. Scholz landete hinter ihm, ebenso Umweltminister Sigmar Gabriel und die Vizevorsitzende Andrea Nahles. Auch im SPIEGEL-Ranking der beliebtesten Politiker überholt Wowereit immer wieder den Großteil der Minister. Obwohl er gar kein bundespolitisches Amt bekleidet. Im August kam er auf Rang acht, nur einen Platz hinter Steinmeier.

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Klaus Wowereit: Kanzlerkandidat in Stellung

Sein medialer Dauereinsatz hilft sicherlich. Ob bei der Berlinale-Eröffnung, beim Kuchenanschneiden im KaDeWe, auf dem Presseball, im Auswertungstalk zum Kanzlerduell oder auf der "Wetten, dass...?"-Couch: Wowereit ist überall.

In Ottensen schwingt er sich ans Rednerpult und ruft: "Wie ist die Stimmung in Hamburg?" Wo gerade noch ein durchschnittliches Wochentagspublikum saß, sitzen jetzt Fans. "Guuut!", rufen sie im Chor. Der Regierende Bürgermeister flachst, das gehe jawohl besser, er wiederholt seine Frage und erntet entzücktes Gejohle.

"Dieses System ist pervers"

Man könnte glatt vergessen, dass da ein Politiker steht. Bis Wowereit in den Wahlkampfmodus schaltet. Er spricht über Lehren aus der Krise, über "Moral und Anstand in der Wirtschaft", über ungerechte Bildungspolitik und Parallelgesellschaften. Er schimpft auf überzogene Gewinnerwartungen und Managergehälter ("Dieses System ist pervers"), fordert eine Moraldebatte und Mindestlöhne.

Im Saal sind 300 Menschen, viele müssen stehen. Es gibt Marktplatzreden der Kanzlerkandidaten, die weniger gut besucht sind. Ebenso wie Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier arbeitet sich Wowereit im Turbotempo durch alle Wahlkampfthemen, dampft das Parteiprogramm auf 20 Minuten ein, Fallbeispiele inklusive. Auch die eigenen Reihen bekommen Kritik ab: "Ich bedaure, dass das Thema wieder auf die Tagesordnung gekommen ist", sagt er zum jüngsten Gedankenspiel von SPD-Vizechef Peer Steinbrück. Der Finanzminister hatte am Dienstag eine Neuauflage der Großen Koalition ins Gespräch gebracht und damit seine Partei verstört.

Der Hauptstadtkönig ist in seinem Element, und das sieht man auch: Gut gebräunt, der Anzug sitzt, sogar die merkwürdige Ponyfrisur, die er am Duellsonntag bei "Anne Will" trug, ist korrigiert. Während Zuschauer Fragen stellen, macht er sich Notizen. Und bekommt es selbst dann hin, nicht wie ein Studienrat zu wirken. Weil er seine Gedanken nicht auf einen schnöden Zettelblock schreibt, sondern auf eine Postkarte mit dem Hauptstadt-Slogan "be Berlin".

Die Frage nach der Kanzlerschaft

Seit acht Jahren steht Wowereit an der Spitze Berlins, gilt gemeinsam mit Scholz, Nahles oder Gabriel als "Führungsreserve" der SPD. Selbst wenn sich die Sozialdemokraten nach der Bundestagswahl wieder in eine Große Koalition retten sollten, würde die Frage nach künftigem Führungspersonal und die Debatte um eine rot-rote Machtoption nur vertagt. Immer wieder wird er als möglicher Kanzlerkandidat für 2013 gehandelt.

Bisher schweigt Wowereit über seine bundespolitischen Ambitionen, aber er tut es so nonchalant wie kaum jemand. "Ich bin jetzt in einem Alter, in dem ich nicht mehr viel über berufliche Perspektiven nachdenke", sagt er an diesem Abend. Wowereit ist 55, zwei Jahre älter als Steinmeier. Sein Job mache ihm Spaß, das sehe man doch wohl, oder?

Der Frage eines Zuschauers nach Wowereits Zukunft in der SPD weicht er, wie häufig, mit einem zweideutigen Spruch aus: "Nur eines kann ich Ihnen sagen: 2013 bin ich auf jeden Fall in Berlin." Dann schüttelt er geduldig Dutzende Hände, lässt sich fotografieren und filmen, schreibt Autogramme.

"Ich habe die Frage bewusst nicht beantwortet", erklärt er nach der Veranstaltung und lächelt, "das sollte auch so sein - eindeutig uneindeutig sozusagen." Schon lange vor dem Superwahljahr und dem Umfragetief für die SPD wurde über seine Absichten spekuliert. Ist das nicht ganz schön schmeichelhaft? "Bedingt", sagt Wowereit, "nicht wenn solche Spekulationen dafür eingesetzt werden, Frank-Walter Steinmeier zu schaden."

Zehn Tage vor der Bundestagswahl ist das die einzig richtige Antwort.

insgesamt 1835 Beiträge
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Seite 1
Knippi2006 14.09.2009
1.
Zitat von sysopSchwarz-Gelb, Ampel, Jamaika, eine andere Konstellation - oder wieder die Große Koalition? Welches Regierungsbündnis wünschen Sie sich nach der Bundestagswahl?
Egal, welche Farbkombi - solange sie ehrlich, anständig, human und vernünftig agieren, leider wird unter den genannten Voraussetzungen keine Regierung zu Stande kommen.
Der Pragmatist 14.09.2009
2. Seid pragmatisch une realistisch!
Zitat von sysopSchwarz-Gelb, Ampel, Jamaika, eine andere Konstellation - oder wieder die Große Koalition? Welches Regierungsbündnis wünschen Sie sich nach der Bundestagswahl?
Schwarz-Gelb waere wohl die beste Loesung, um das Land vorauszutreiben und seine Stellung in der Welt zu bewahren. Schwarz-Rot ginge zur Not noch und Rot-Rot-Gruen wuerde den Untergang und Zerfall der Republik sehr beschleunigen. Die Industrie, der grosse Feind der Roten und Garant eines Einkommens, wuerde sich in andere Laender verlegen anstatt sich ewig mit ihren Peinigern herumzuschlagen. Millionen Arbeitsplaetze wuerden verloren gehen und andere Laender wuerden zweifelsohne gross von dieser Industrieverlagerung profitieren. Also Leute, wenn ihr weiterhin dort wohnen wollt wo ihr wohnt, seid realistisch und pragmatisch und unterstuetzt die Industrie. Nur die Industrie kann Euch ein Einkommen geben, der Staat kann es nicht. Er kann Euch nur geld aus der Tasche ziehen und das tut er auch ganz kraeftig. Pragmatist
kimm100 14.09.2009
3.
Alle ausser CDU/FDP
yogtze 14.09.2009
4. Rot-Rot-Grün
Zitat von sysopSchwarz-Gelb, Ampel, Jamaika, eine andere Konstellation - oder wieder die Große Koalition? Welches Regierungsbündnis wünschen Sie sich nach der Bundestagswahl?
Es kann nur eine Koalition geben, die nach den sozialen Einschnitten der letzten Jahre wieder einen gerechten Ausgleich schaffen kann: Rot-Rot-Grün! Leider wird es dazu nach der Wahl nicht kommen, weder die Linken noch die SPD sind zum jetzigen Zeitpunkt dazu bereit, doch wenn es zu einer Groko kommt, hoffe ich, dass diese nach spätestens zwei Jahren zerbricht und es dann soweit ist, dass die SPD, mit neuem Führungspersonal, zu ihren Wurzeln zurückkehrt!
DJ Doena 14.09.2009
5.
Es wäre schön, wenn man diese Frage auf einem tatsächlichen Wahlzettel beantworten dürfte. So quasi Liste 1: Direktkandidat, Liste 2: Partei, Liste 3: Wunschkoalition Dann würde nämlich der ganze Miste aufhören, von wegen "der Wähler" (Einzahl) hätte die Parteien in eine große Koalition gezwungen - wie das mit den derzeitigen Stimmzetteln möglich sein soll, ist mir völlig schleierhaft.
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