Wahlkampffinale im Saarland Steinmeier stänkert, Merkel menschelt

Bei den Wahlen an der Saar geht es längst nicht nur um die Mehrheit im Land, sondern um ein Signal für die Bundestagswahl. Reicht es für Schwarz-Gelb? Oder schafft die SPD den Machtwechsel? Kanzlerin und Herausforderer nutzen die Auftritte in Saarbrücken als Testlauf für ihre Strategien.

AP

Aus Saarbrücken berichtet


Es wird knapp, richtig knapp. Kopf an Kopf liegen die politischen Lager bei den Umfragen im Saarland. Völlig offen ist, ob CDU-Mann Peter Müller Ministerpräsident bleiben oder SPD-Herausforderer Heiko Maas Regierungschef werden kann. So achten die Kontrahenten in den letzten Stunden vor der Wahl am Sonntag penibelst auf die Aktionen des jeweils anderen.

Das führt zu mitunter skurrilen Situationen. Holte sich Müller zu seinem "Endspurt" in der Saarbrücker Congresshalle den luxemburgischen Premier und Christdemokraten Jean-Claude Juncker an die Seite, so trat beim "Finale" von Maas im Burbacher E-Werk der luxemburgische Außenminister und Sozialdemokrat Jean Asselborn auf. Während der eine munter vor "rot-roter Erneuerung an der Landesgrenze" warnt, reagiert prompt der andere darauf: "Was wäre das Leben, wenn alles schwarz wäre?"

So gleichen sich die Abschlussveranstaltungen von SPD und CDU. Nein, vielmehr noch: es sind Shows. Viel zu bombastisch für dieses Bundesland in der Größe eines einfachen Landkreises.

Bei der CDU regnet es orangefarbene Luftballons auf die knapp 2000 Zuhörer, bei der SPD versprühen vier Gebläse rot glitzerndes Konfetti unter den mehr als 2000 Menschen im Saal. Es wird artistisch getanzt (bei der CDU), gesungen (bei beiden) und gelästert (ein Mundart-Künstler erzählt im E-Werk Peter-Müller-Witze). Irgendwann marschiert die "Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland" zu Queens "Don't stop me now" auf die Bühne, während im Stadtteil Burbach der "nächste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland" mit aufgekrempeltem weißen Hemd zu harten Beats nach vorne geht.

Klar ist: Es geht um mehr als Wahlkampfunterstützung im kleinsten deutschen Flächenland. Es geht um ein Signal für die Bundestagswahl. Reicht es für Schwarz-Gelb? Oder schafft es die SPD, das erste Mal nach 1991 im Westen, einen der ihren aus der Opposition ins Amt des Ministerpräsidenten zu hieven - wenn auch mit Unterstützung der Linken?

So sind in Saarbrücken - bei aller Gleichartigkeit in der Inszenierung - wie unter einem Brennglas die unterschiedlichen Wahlkampfstrategien von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier zu studieren. Es ist insbesondere Steinmeier, der sich nicht lange mit den Verhältnissen an der Saar aufhält, sondern gleich recht aggressiv zur Sache kommt: zur Attacke auf Merkel. Die Union ducke sich weg, sei "in der Tiefe begrenzt, saftlos, kraftlos, orientierungslos, die haben nichts mehr, die wollen nichts mehr".

Steinmeier scheint Rot-Rot an der Saar zu wollen

Die Wahl am 27. September sei "nicht irgendeine Jahreshauptversammlung", sagt der Kanzlerkandidat. Da werde "über die Richtung entschieden, nicht nur über vier Jahre". Von den schlechten Meinungsumfragen werde er sich nicht beeinflussen lassen: "Ihr habt das im Saarland vorbildlich gemacht, ihr habt euch nicht irritieren lassen, als die Umfragen schlecht waren."

Am Ende einer solchen Wahlrede ruft der Matador traditionell dazu auf, nochmal alles zu mobilisieren. Steinmeier macht das auch, klar, aber er leitet es mit Worten ein, die den nahenden Wahlsonntag einfach überspringen: "Sorgt für eine starke SPD am 27. September", ruft er in die Halle, "ich zähl' auf eure Unterstützung."

Es scheint, als ob Steinmeier die Saar schon als Sieg verbucht hat. Das zeigt auch: Der Kandidat hat sich mit einem möglichen rot-roten Bündnis auch im Westen der Republik abgefunden. Mehr noch, er scheint es zu wollen. Die SPD-Führung erhofft sich offenbar mehr Schub durch einen neuen Ministerpräsidenten als sie eine neuerliche Volksfront-Debatte fürchtet. Steinmeier spricht in Burbach allerdings nie direkt von einer solchen Koalition, allein Lafontaine knöpft er sich vor: "Erst zurückgetreten und dann pausenlos nachgetreten - so einem vertrauen die Menschen nicht noch einmal, auch nicht im Saarland, das weiß ich sicher."

Hier verlässt sich Steinmeier auf die Meinungsumfragen, die der Linken nach anfänglich 23 jetzt noch 15 Prozent für Sonntag vorhersagen - damit kann Lafontaine nicht Ministerpräsident werden. Das Problem scheint erledigt für die Bundes-SPD, Maas hat freie Hand. Und im Gegensatz zu Steinmeiers SPD, die eine Zusammenarbeit mit der Linken ausschließt, hat er im Saarland - trotz 26 Prozent in den Umfragen - auch eine reale Machtoption.

Merkel spielt die DDR-Karte

Angela Merkel legt einen Auftritt ganz anderer Art hin. Da wo Steinmeier stänkert, gibt sie die Moderate - und blickt zurück. Wieder und wieder variiert sie im Saarland das DDR-Motiv: Ihre Herkunft und ihre Dankbarkeit gegenüber dem Einheitskanzler Helmut Kohl. Man kennt das, die Kanzlerin greift seit Jahren darauf zurück. Bei der Saar-CDU schlägt es trotzdem ein, weil Merkel hier Lafontaine als Projektionsfläche allen realsozialistischen Übels nutzt.

Das Saarland dürfe "auf keinen Fall in rot-rote Hände fallen". Sie sage das "aus ganz persönlichem Grund". Einer wie Lafontaine, der 1990 als Kanzlerkandidat angetreten sei, dürfe "20 Jahre nach dem Fall der Mauer nicht wieder etwas zu sagen haben in Deutschland". Seit kurzer Zeit hat Merkel ihren diesbezüglichen Reden die Geschichte vom ungarischen Grenzbeamten hinzugefügt. Von jenem Mann, der in einer einsamen Entscheidung am 19. August 1989 kurzzeitig den Zaun in Ungarn öffnete und Hunderten DDR-Bürgern die Flucht in den Westen ermöglichte.

Merkels Fazit: Es komme auf jeden Einzelnen an. Und übertragen auf die rot-rote-Gefahr an der Saar: "Es kommt auf jeden Saarländer an, sich am Sonntag zu entscheiden." Es herrscht Stille in der Congresshalle. In diesem Moment wirkt Merkel sehr bei sich. Wo sie sonst in technisch-naturwissenschaftlicher Denke verharrt, versteht sie es, mit diesem historischen Stoff Emotionen zu wecken.

Aber Merkel geht noch weiter zurück. Spricht von Konrad Adenauer, der sich 1949 - "das war damals auch knapp" - für eine Koalition mit der FDP entschieden habe: "Er wollte nicht mit den Sozialdemokraten zusammengehen, aus Angst um die soziale Marktwirtschaft." So testet Merkel ihre Strategie für die heiße Phase des Wahlkampfs im September.

Einer der Höhepunkte soll ja eine Zugfahrt von Bonn über Leipzig nach Berlin sein - am 60. Jahrestag von Adenauers erster Kanzlerschaft. Steinmeiers Konter steht schon jetzt fest: Die Kanzlerin ducke sich weg vor den wirklichen Problemen, wird er sagen.



insgesamt 679 Beiträge
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Seite 1
OlivierDjappa 18.08.2009
1.
Zitat von sysopWie sehen Sie den Ausgang der Saar-Wahl? Peter Müller, Heiko Maas oder Oskar Lafontaine - wer wäre der beste Ministerpräsident?
In aller gebotenen Unbescheidenheit: Ich.
Fred Heine 18.08.2009
2.
Zitat von sysopWie sehen Sie den Ausgang der Saar-Wahl? Peter Müller, Heiko Maas oder Oskar Lafontaine - wer wäre der beste Ministerpräsident?
Horst Schlämmer, natürlich.
elandy 18.08.2009
3.
Zitat von Fred HeineHorst Schlämmer, natürlich.
Müller ist verbraucht. Der hatte schon 2005 keine Lust mehr und wäre lieber nach Berlin gewechselt. Lafontaine hat keine zweite Chance verdient. Maas wäre zumindest ein frisches Gesicht.
ginivonOnyx 18.08.2009
4. Ministerpräsident im Saarland
Wohl keiner der drei genannten Figuren, da alle inkompetent!!
viceman 18.08.2009
5. oskar l. wäre der wohl
Zitat von sysopWie sehen Sie den Ausgang der Saar-Wahl? Peter Müller, Heiko Maas oder Oskar Lafontaine - wer wäre der beste Ministerpräsident?
am meisten geeignete aus dieser auswahl!
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