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Wahlkampffinale: Wählt die Schrill-Partei!

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Schrill, schriller, am schrillsten - so lautet das Motto einiger Politiker im Wahlkampfendspurt. "Ich hab' Krebs, mir ist die Zukunft genauso egal", heißt es in einem, jetzt zurückgezogenen, Anti-SPD-Cartoon bei der Frauen-Union. Und SPD-Mann Schwanitz plakatiert Särge von US-Soldaten.

SPD-Plakat: Angriff gegen Merkel

SPD-Plakat: Angriff gegen Merkel

Berlin - Beim Staatsminister der Bundesregierung, Rolf Schwanitz, gehen in diesen Tagen manche harschen Briefe und Mails ein. Die Schreiber wenden sich gegen ein Plakat, das der Sozialdemokrat im Vogtland kleben ließ und auf dem Särge getöteter US-Soldaten in einer Transportmaschine zu sehen sind. Darüber prangt der Slogan: "Sie hätte Soldaten geschickt". Noch vor einigen Tagen hatte Schwanitz, auch Vize-Vorsitzender der SPD in Sachsen und Bund-Länder-Koordinator im Kanzleramt, in einer Lokalzeitung erklärt: "Ich habe nur positive Reaktionen auf das Plakat bekommen".

Schwanitz, dessen frühere Tätigkeit als Ostbeauftragter des Kanzlers eher im Stillen stattfand, ist mit seinem Plakat bundesweit mit einem Paukenschlag in die Schlagzeilen gekommen. Trotz Kritik will er daran festhalten. "Ich stehe zu dem Satz", erklärt er heute in einer schriftlichen Mitteilung und fügt hinzu: "Daran ist nichts zurückzunehmen". Auf einer Seite zitiert er unter anderem aus einem Artikel von Angela Merkel aus der "Washington Post" vom 20. Februar 2003: "Darin erklärte sie, Gewalt als letztes Mittel dürfe nicht ausgeschlossen oder, 'wie von der Bundesregierung geschehen, in Frage gestellt werden'".

Schwanitz' Plakat zeigt: die Schlussphase des Wahlkampfes ist eingeläutet und an manchen Orten der Republik wird mit harten Bandagen gekämpft. Schrill, schriller, am schrillsten - in dem eher gemütlichen Wahlkampf fallen Brachial-Aktionen umso stärker auf. Schwanitz setzt auf maximale Aufmerksamkeit, während der Kanzler die Irak-Frage eher subtil anklingen lässt und in eine rhetorische Frage kleidet: Er wolle Merkel den Willen zum Frieden zwar nicht absprechen, aber sei sie auch fähig zum Frieden, wenn es eng werde?

Wer wie Schwanitz zuspitzt, droht nicht selten zu überspitzen. Auch bei der Frauen-Union im niedersächsischen Langenhagen vergaloppierte man sich mit einer Wahlkampfattacke. Bis zum heutigen Morgen war auf der dortigen Homepage noch eine Karikatur des bekannten Zeichners Uli Stein zu sehen. Das Motiv Nr. 10 in einer Serie von 12 Bildern ist mittlerweile gelöscht und wurde durch ein anderes Bild ersetzt. Zu sehen waren darauf ursprünglich zwei Frauen beim Teeplausch. "Ich wähle noch mal die SPD", sagt die eine, woraufhin die andere antwortet: "Ich hab Krebs, mir ist die Zukunft genauso egal".

Karikatur der Frauen-Union in Langenhagen: Von der Homepage genommen

Karikatur der Frauen-Union in Langenhagen: Von der Homepage genommen

Die Vorsitzende der örtlichen Frauen-Union, Gabriele Spier, spricht nun von einem "Irrtum". Sie habe die Bilder zur Verfügung gestellt bekommen, aber nicht im Einzelnen durchgesehen. Die CDU in Langenhagen habe das Bild nach einem Hinweis bereits am letzten Montag von der Homepage nehmen lassen, sie habe aber Probleme gehabt, den Webmaster der Seite der Frauen-Union zu erreichen. "Das war ein Versäumnis von mir". Spier distanziert sich von der Karikatur und bedauert die Veröffentlichung: Sie habe selbst jemanden in der Verwandtschaft, der an Krebs erkrankt sei. "Man sollte eine Krankheit nicht in den Wahlkampf stellen", so die Vorsitzende der örtlichen Frauen-Union.

Der CDU-Europaparlamentarier Werner Langen schaffte es mit einer Fotomontage sogar in die internationalen Schlagzeilen.
Er ließ dieser Tage per E-mail eine Schlagzeile der "Bild"-Zeitung verschicken, die nach dem Besuch des Kanzlers bei der türkischen Zeitung "Hürriyet" entstanden war. Auf dem Titel des Boulevardblattes war Schröder Mitte der Woche vor einer übergroßen roten Fahne mit Halbmond und Stern zu sehen. "Entscheiden Türken die Wahl?", fragte "Bild". In Langens Büro montierte eine Mitarbeiterin rechts oben ein Logo ein: "Deshalb CDU - Mit beiden Stimmen am 18. September!" Dann wurde es in den E-mail-Verteiler gestellt - den jeder Bürger beim CDU-Abgeordneten abonnieren kann - und versandt.

Wind davon bekam am Donnerstag das türkische Massenblatt "Hürriyet" - und machte daraus gleich eine Titelgeschichte. "Wir dachten, wir wären auch Landsmänner", heißt es heute auf Seite 1. Und weiter hinten, im Europateil, nimmt Langen fast eine ganze Seite ein. "Die Reaktionen auf den Besuch des Bundeskanzlers Schröder bei der Hürriyet werden nun von der CDU missbraucht. Der CDU-Europaabgeordnete Werner Langen hat aus dem Bild-Aufmacher ein Wahlplakat entworfen und wirbt um Stimmen für die CDU", heißt es dort.

Hürriyet-Bericht über  CDU-Politiker Langen: "Harmloses Foto "

Hürriyet-Bericht über CDU-Politiker Langen: "Harmloses Foto "

Der Abgeordnete aus dem Saarland, seit elf Jahren Mitglied der gemeinsamen Türkei-Delegation des EU-Parlaments und der Großen Nationalversammlung Ankaras, nimmt seinen unverhofften Auftritt in der "Hürriyet" gelassen. Von einem Plakat könne keine Rede sein, es handele sich um ein "harmloses, simples Foto, das jetzt bewusst von der türkischen Seite falsch verstanden und aufgebauscht wird".

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