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Wahlplakate der Parteien: Blödel-Bilder überstrahlen Kuschel-Kampagne

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Die CDU stellt ihre Wahlplakate vor - aber keiner merkt's. Stattdessen schauen alle auf Direktkandidatin Lengsfeld, die mit dem Dekolleté der Kanzlerin wirbt. Doch das ist nicht das einzige ungewöhnliche Motiv. SPIEGEL ONLINE zeigt die Spaß-Poster im Berliner Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg.

Hamburg - Ein Bild, große Wirkung: Mit ihrem eigenen Wahlplakat hat Vera Lengsfeld, CDU-Direktkandidatin in einem linksalternativen Berliner Kiez, der gesamten Union die Show gestohlen. Während Generalsekretär Ronald Pofalla die offiziellen Motive der CDU-Kampagne vorstellte, die ab kommender Woche in ganz Deutschland hängen sollen, absorbierte Lengsfelds unkonventionelles Poster die öffentliche Aufmerksamkeit.

Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin ist darauf mit tiefem Ausschnitt neben einem Foto von Angela Merkel, ebenso freizügig dekolletiert, zu sehen. Motto von Lengsfelds Wahlplakat: "Wir haben mehr zu bieten." Man kann es schwerlich "platt" nennen, auch wenn die politische Botschaft gut versteckt ist.

Im Konrad-Adenauer-Haus gibt man sich am Dienstag schmallippig. Anruf in der CDU-Zentrale: Was man denn dort von dem Konkurrenz-Plakat halte? Kein Kommentar - nur so viel: Es war nicht abgesprochen. Offenbar möchte man der Bundestagskandidatin nicht in ihren ohnehin schwierigen Wahlkampf grätschen. Weniger zugeknöpft gibt sich die Landespartei. Man sehe das Plakat mit Humor, sagte der Berliner CDU-Chef Frank Henkel.

Schließlich muss man sich etwas einfallen lassen im Berliner Wahlkreis 84. Der Berliner Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg stellt mit dem einzigen Grünen-Direktkandidaten Christian Ströbele eine bundesrepublikanische Ausnahme dar. Ströbele wirbt zum wiederholten Male mit bunten Comic-Postern des Zeichners Gerhard Seyfried um Stimmen, die Kandidatin der Linken streckt der Wählerschaft ihr Hinterteil entgegen. "Halina Wawzyniak! Mit Arsch in der Hose in den Bundestag." Da kommt vielen das Busen-Plakat gerade recht.

Die Bundes-CDU kann mit ihren kreuzbraven Motiven für das ganze Land dagegen nicht ankommen. "Gute Bildung", steht auf einem Plakat - wer wollte da schon widersprechen. Die Aussagen bleiben unverbindlich und letztlich austauschbar. "Die Union wirbt heute mit dem Slogan der SPD von gestern - und umgekehrt", sagt Christina Holtz-Bacha. Die Professorin für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erlangen-Nürnberg beschäftigt sich mit Wahlkampfstrategien, die vagen Worte auf den CDU-Plakaten findet sie nicht weiter überraschend.

"Das ist die gängige Strategie, die großen Parteien wollen möglichst viele Menschen ansprechen", sagt Holtz-Bacha. Diese Beliebigkeit werde aber zum Problem. Dass sich Wähler, frustriert von leeren Phrasen, von den Volksparteien oder gleich von der Politik abwenden, sei wenig verwunderlich. "Die Wähler wollen endlich wieder ernst genommen werden."

Schwammige Ansprache für breite Massen

Die Linke zieht hingegen mit klaren Forderungen in den Wahlkampf. "Reichtum besteuern!" oder "Raus aus Afghanistan!" steht groß auf den jetzt vorgestellten Plakaten. Während die großen Parteien auf die breite Masse zielen, sprechen kleinere Parteien konkrete Themen an und mobilisieren so ihre Wählerschaft. "Kleine Parteien gehen stärker über Inhalte, weil ihnen meist populäre Politiker fehlen", sagt Holtz-Bacha.

So stehen den sechs Plakaten der Linken mit knallharten Forderungen auch nur zwei Poster mit den Spitzenkandidaten Oskar Lafontaine und Gregor Gysi gegenüber: ganz klassische Studioporträts auf rotem Hintergrund mit etwas Text, der etwas zu klein und zu lang ist, um ihn aus einem fahrenden Auto zu erfassen. Die Linkspartei setzt mit ihren Plakaten auf eine bewährte Strategie: Weniger auf Personal und mehr auf Parolen.

Bewährten Mustern folgt auch die Bildsprache der CDU-Plakate. Die Kanzlerin und die Unions-Minister sind nicht im Studio abfotografiert, stattdessen scheint es so, als hätte ein Reporter die Regierenden bei ihrer Arbeit begleitet. "Wir sollen Politiker sehen, die nah am Volk sind, die sich auch etwas sagen lassen", sagt Holtz-Bacha.

Zuspitzung auf Merkel erwartet

Mit ähnlichen Motiven warb schon die SPD für Gerhard Schröder, der sich auf grobkörnigen Bildern ernst dreinblickend rund um die Uhr um die Republik zu kümmern schien. Die Hamburger CDU setzte im letzten Landtagswahlkampf auf Fotos im Reportage-Stil, der Fotograf Andreas Herzau inszenierte anspruchsvolle Schwarzweißbilder, die nicht weiter von Textbotschaften gestört wurden: Weniger Inhalt, mehr Form. Herzau hat jetzt auch die die Porträts von Merkel, Guttenberg und Aigner fotografiert.

Dass die CDU nicht nur auf Angela Merkel setzt, sondern auch auf den überaus beliebten Karl-Theodor zu Guttenberg, sei klar, sagt Holtz-Bacha. Beide seien schließlich populärer als ihre Parteien. "Es wundert mich aber, dass mit Annette Schavan und Wolfgang Schäuble Werbung gemacht wird", sagt die Professorin, schließlich sei deren Verbleib im Kabinett alles andere als sicher. "Ich weiß auch nicht, wie es um die Popularität des Verteidigungsministers bestellt ist", sagt sie und muss lachen.

Im Verlauf des Wahlkampfs rechnet sie mit einer deutlichen Konzentration der Wahlwerbung auf die Kanzlerin, so ähnlich, wie man es schon im letzten Wahlkampf mit Gerhard Schröder erleben konnte. Um Emotionen und Personen drehen sich die Wahlkämpfe der großen Parteien.

Die großen Merkel-Plakate kommen noch.

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Forum - Wie groß ist die Politikverdrossenheit der Deutschen?
insgesamt 519 Beiträge
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1. Rettungsringe für die SPD
Emil Peisker 11.08.2009
Zitat von sysopAm 27. September steht die Bundestagswahl an, doch das Interesse bei der Bevölkerung hält sich in Grenzen. Herrscht Wahlmüdigkeit bei den deutschen Wählern?
Bei mir nicht. Ich zumindest bemühe mich redlich, einen kleinen Teil der zur Linken abgewanderten Frustrierten, in der jetzigen Notlage der SPD zur Abgabe des dringend benötigten "Rettungsringes" zu ermuntern. Manche wollten der SPD ja einen "Dämpfer" verpassen, aber so richtig "umbringen" wollten sie die alte Tante sicher nicht. Die SPD wird mobilisieren müssen, wie es in den letzten 50 Jahren nicht passiert ist.
2.
gg art 5 11.08.2009
Zitat von sysopAm 27. September steht die Bundestagswahl an, doch das Interesse bei der Bevölkerung hält sich in Grenzen. Herrscht Wahlmüdigkeit bei den deutschen Wählern?
Na, lässt sich sehr leicht beantworten. Wie viele waren das letzte mal wählen? Wie viele meinen dass sie dieses Mal wählen gehen? Politiker machen ja danach sowieso was sie wollen. Wozu zur Wahl gehen? Kann man sich doch schenken wenn keine der Parteien einen repräsentiert. Bin ich gegen Krieg, müsste ich die Linke wählen. Was aber wenn mir andere Themen die diese Partei vertritt nicht überzeugt? Also dann Finger weg. Wie mir wird es viele geben. Schätzung von mir: zur Wahl gehen nicht mehr als 60% (und das ist noch optimistisch). Ergo 40% füht ich durch keine der Parteien vertreten.
3. ich...
plafit1 11.08.2009
gehe nicht mehr zur Wahl. Wahl kommt von wählen können und ich sehe nur politischen Einheitsbrei, grottenschlechte Politiker , miserable Politik, faule Kompromisse. Ich habe die Schna..e gestrichen voll. Nur noch Stimmvieh zu sein, im Würgegriff der Parteien, die eh machen , was sie wollen. Gute Nacht Demokratie!!!!
4.
delta058 11.08.2009
Natürlich, es ist nur ein Wunder, das sie nicht bereits Amiverhältnisse erreicht hat (dort wählen z.B. nur 50% den Präsidenten). Unsere Politiker machen doch inzwischen keinen Hehl mehr daraus, was sie von den Bürgern halten, schon der erste Kanzler der BRD sagte: "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern". Entscheidungen werden inzwischen offen noch Lobbyinteressen und ohne jeden Sachverstand getroffen und selbst gesetzlich erlaubte Mitsprachrechte des Volkes (BVerG und Petitionen) werden konsequent ignoriert. Das Schlimmste aber sind die Bürger selbst, wieso wählen Sie diese Parteien immer wieder? Blendet doch einfach mal die ersten 5 Zeilen auf dem Wahlzettel aus und wählt eine andere Partei, irgendeine! Die etablierten Parteien haben zusammen gerade mal 1,5 Millionen der Wahlberechtigten als Mitglieder. Selbst bei nur 70% Wahlbeteiligung sind das gerade mal 4%, der Rest kann völig frei entscheiden.
5. Resignation
liborum 11.08.2009
Wahlmüdigkeit ist es eher nicht. Es ist die Erkenntnis: 1. nicht zu bekommen was man gewählt hat (Partei/Koalition) 2. im Grunde keine "Wahl" zu haben, es wird wie gehabt weitergehen 3. mehr noch als in anderen Jahren das sichere Gefühl vera..... zu werden (Steuersenkung, 4 Mio. Arbeitsplätze, Investitionen in Bildung etc.) obwohl jedermann weiß, daß große Zähneknirschen kommt nach der Wahl.
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