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24. September 2013, 07:00 Uhr

FDP-Spitzenpolitiker

Dann halt Augenarzt

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Wohl dem, der ein zweites Standbein hat: Nach der verheerenden Wahlniederlage müssen sich viele FDP-Politiker beruflich neu orientieren. Wer nun was machen wird - der Karrierecheck.

Berlin - Der Schock stand Philipp Rösler ins Gesicht geschrieben. Mit maskenhaftem Ausdruck, die Hand seiner Frau fest umklammert, versuchte er, Haltung zu bewahren, als er am Sonntagabend auf der Bühne stand. Was sich zu Beginn des Abends im Berliner Congress Center abzeichnete, wurde am Ende deprimierende Gewissheit. Fast 90.000 Stimmen fehlten den Liberalen, um die Hürde für den Einzug in den Bundestag zu überspringen - erstmals seit Gründung der Bundesrepublik ist die FDP im Bundestag nicht mehr dabei.

Aber auch für die 93 Mitglieder der FDP-Fraktion und die Mitarbeiter bricht eine neue Zeitrechnung an. Sie müssen sich beruflich neu orientieren. Zwar hatten die meisten ohnehin mit ihrem Ausscheiden rechnen müssen, weil bereits die Wahlumfragen im Vorfeld herbe Verluste vorausgesagt hatten, doch jedenfalls für die Top-Riege ist die Wahlschlappe eine kalte Dusche. Sie stehen nahezu ausnahmslos vor dem Ende ihrer politischen Laufbahn. Und im Ernstfall sogar vor dem Abstieg in die berufliche Bedeutungslosigkeit.

Einigermaßen gelassen sieht Johannes Vogel in die Zukunft. Als Bundestagsabgeordneter und Mitglied des FDP-Bundesvorstands hat der 31-Jährige bereits eine ansehnlichere Vita als viele seiner Altergenossen, und er ist noch jung genug, neu anzufangen. Erst jüngst ließ er durchblicken, dass er sich auch vorstellen könnte, einen Master auf sein Politikstudium draufzusatteln. Danach wird man sehen.

Rainer Brüderle und sein Parteifreund Jürgen Koppelin müssen sich ebenfalls keine Sorgen um eine berufliche Zukunft machen. Beide können sich in den wohlverdienten Ruhestand verabschieden. Der Übergang wird nur überschattet von der Häme und dem Spott, mit dem die Wahlniederlage der Liberalen in Blogs, Foren und Kommentaren im Internet begleitet wurde.

Als Fraktionschef wird Brüderle noch einige Wochen damit zu tun haben, den Auszug aus den Büros im Bundestag zu organisieren und die Verträge mit Lieferanten abzuwickeln. Er wird sich auch um die Fraktionsmitarbeiter kümmern müssen.

Glück im Unglück haben auch diejenigen, die sich neben ihrer politischen Tätigkeit ein zweites Standbein sichern konnten - Guido Westerwelle, 52, etwa, oder Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, 62, und Otto Fricke, 48. Die drei sind als immer noch als Rechtsanwälte zugelassen und können die in ihrer politischen Laufbahn geknüpften Kontakte nutzen, um lukrative Mandate an Land zu ziehen.

Doch auch für sie dürfte die Fortsetzung ihrer Karriere auf früherem Niveau kein Selbstläufer sein. Denn für Ex-Politiker gelten im Prinzip die gleichen Regeln, die auch das Geschäft im Profifußball oder beim Film bestimmen: Nur sehr wenige starten wirklich durch und verdienen gutes Geld, wie zum Beispiel Ex-Grünen-Chef Joschka Fischer oder Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder.

In einer anderen Liga dürften FDP-Obere spielen. Cornelia Pieper zum Beispiel ist von Haus aus Diplom-Übersetzerin für Polnisch und Russisch. Nach der Wende stieg sie im FDP-Landesverband Sachsen-Anhalt auf. Den Höhepunkt ihrer Karriere erreichte sie als Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Doch außerhalb der Politik nahm sie nur einige ehrenamtliche Engagements wahr. Sie ist allerdings seit Jahren sehr im Kulturbereich engagiert.

Weniger Optionen bleiben für den amtierenden Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel. Nach einigen Stationen bei der Bundeswehr - laut eigenen Angaben mit Schwimmabzeichen in Gold und Sportabzeichen in Silber - heuerte der 50-Jährige als Vermittler bei der Arbeitsagentur Heidelberg an. Sein Aufstieg zum Bundesminister führte über die FDP.

Zu den Verlierern des Wahldebakels zählt auch Birgit Homburger. Die Diplom-Verwaltungswissenschaftlerin arbeitete vor ihrer politischen Karriere als Personalreferentin bei einem mittelständischen Betrieb. Schwer vorstellbar, dass sich dieser Faden wieder aufnehmen lässt. Oder Patrick Döring, dessen Zukunft als Generalsekretär der FDP nach der Wahlniederlage ebenfalls ungewiss ist. Immerhin hatte der 40-Jährige nach eigenen Angaben bis 2011 noch ein Standbein in der Versicherungswirtschaft, als Mitglied im Vorstand der Haustierversicherung Agila AG und Geschäftsführer der Wertgarantie Management GmbH. Doch von dem Renommee seines derzeitigen Amtes dürften diese Posten weit entfernt sein.

Um Daniel Bahr machen sich Beobachter hingegen weniger Sorgen. Der noch amtierende Gesundheitsminister gilt als smart und umgänglich. Für eine Karriere in der Pharmaindustrie dürfte es womöglich nicht reichen, dafür hat er den Unternehmen während seiner Amtszeit zu sehr zugesetzt. Doch der Bereich Gesundheit ist groß, und gut verdrahtete Berater sind gefragt. Parteifreunde halten es aber für möglich, dass Bahr zunächst einige Zeit verstreichen lässt, bevor er in die Wirtschaft wechselt. Bahr hatte damals den schnellen Wechsel von Altkanzler Schröder zu Gazprom immer wieder kritisiert.

Konkurrenz könnte er ausgerechnet von Philipp Rösler bekommen. Anders als Bahr verfügt der über eine medizinische Ausbildung, auch wenn er seinen Facharzt für Augenheilkunde einst seiner politischen Karriere opferte. Die beiden FDP-Politiker zählen deshalb zu denen, die wohl die größten Chancen haben, noch einmal neu anzufangen.

Christian Lindner hingegen dürfte seine politische Laufbahn mit Erfolg fortsetzen. Von den Mitgliedern des FDP-Präsidiums gilt allein der nordrhein-westfälische Fraktionschef als Hoffnungsträger. Im Deutschlandfunk sprach sich Koppelin indirekt für den Jungstar aus - im Duo mit dem schleswig-holsteinischen Spitzenkandidaten Wolfgang Kubicki. "Wenn die beiden wollen, auf jeden Fall", sagte Koppelin auf die Frage, ob diese beiden das Tandem der liberalen Partei der Zukunft bilden könnten.

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