Wahlwerbung Werben aus dem Stand

Die Neuwahlen zum Bundestag haben auch die Werbeagenturen überrascht: Nun müssen sie ihre kreativen Attacken im Hauruck-Verfahren vorbereiten. Die Partner stehen in fast allen Fällen schon fest. SPD, Grüne und FDP machen aufgrund der Zeitknappheit mit ihren Agenturen aus dem NRW-Wahlkampf weiter.

Von


Kontrahenten Schröder, Stoiber 2002: "Die Parteien müssen jetzt auf bestehende Verbindungen bauen"
DDP

Kontrahenten Schröder, Stoiber 2002: "Die Parteien müssen jetzt auf bestehende Verbindungen bauen"

Berlin - Es ist schwer, in diesen Tagen einen politischen Kreativdenker ans Telefon zu bekommen: Allesamt sitzen sie ständig in Besprechungen mit den Wahlkampfstäben der Parteien. Ihre Planungen für die Wahlkampagnen hatten sie auf den Herbst 2006 ausgerichtet. Nun sind sie genauso überrascht von den nach Bundeskanzler Schröders Vertrauensfrage anstehenden Neuwahlen wie die Parteien selbst. Jetzt muss alles ganz schnell gehen.

Deshalb machen einige Agenturen einfach da weiter, wo sie vergangenen Sonntag nach den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen aufgehört haben. Die Düsseldorfer Werbeagentur "Butter" steht in engen Verhandlungen mit der SPD. Sie hatte zuvor die Parteiwerbung an Rhein und Ruhr gemacht. "Kritik an unserer handwerklichen Art gab es von der SPD - trotz des Wahlergebnisses - nicht", sagt Frank Stauss, der "Butter"-Kreativchef. Er war Assistent bei Bill Clintons Kampagne zu den US-Präsidentschaftswahlen 1992. Nun würde Stauss "sehr gerne weitermachen für die SPD", es gebe aber "noch keine abschließende Erkenntnis": Nächste Woche wolle die Kanzlerpartei entscheiden. Aber alles sieht nach einem Zuschlag aus, das weiß auch Stauss: "Wir sind aufgestellt, wir haben uns eingearbeitet, wir können sofort loslegen." Deshalb hat er auch schon mal vorsorglich bei seinem Reisebüro angerufen. Der gebuchte Sommerurlaub "lässt sich absagen, das habe ich geprüft".

Die FDP macht ebenfalls mit ihrer NRW-Agentur weiter und bleibt "von Mannstein political communication" treu: Rund 50 Wahlkämpfe hat die Solinger Agentur bereits bestritten, darunter auch den zur Wiederwahl Boris Jelzins in Russland. Für die FDP ist sie in der letzten Europawahl und in Nordrhein-Westfalen an den Start gegangen: "Wir gehen jetzt nahtlos von der Landes- auf die Bundesebene über", sagt Chef Coordt von Mannstein. Das sei kein Problem, denn "der NRW-Wahlkampf hatte bundespolitische Bedeutung, Programme ändern sich ja nicht von heute auf morgen". Am Donnerstag hatte von Mannsteins Agentur Besuch von FDP-Generalsekretär Dirk Niebel. Der brachte den Wahlkampfauftrag mit. Jetzt müsse ein "Hochleistungszentrum für Kommunikation" zwischen FDP und Agentur entwickelt werden, sagt von Mannstein.

"In diesem Wahlkampf keine Zeit für spielerische Ideen"

Die FDP müsse profiliert werden: "Einerseits müssen wir die Partei von der CDU abgrenzen, andererseits die Koalitionsabsicht aber nicht in Frage stellen." Alles laufe auf die Lagerfrage hinaus: "Die Rot-Grünen oder wir." Von Mannsteins Vorgängeragentur bei der FDP brachte Spiel und Spaß in den Bundestagswahlkampf 2002: Von der mittlerweile geschluckten "ECC Advertising" stammten Guidomobil und die "18" unter Westerwelles Schuhen. Coordt von Mannstein: "In diesem Wahlkampf ist keine Zeit für spielerische Ideen." Das werde ein besonders harter Kampf, "für das übliche Abtasten fehlt die Zeit".

FDP-Wahlkampf 2002: Parteichef Westerwelle präsentiert die umstrittene "18"
DPA

FDP-Wahlkampf 2002: Parteichef Westerwelle präsentiert die umstrittene "18"

Als die Wahlen 2002 knapp verloren gingen, bat die CDU-Vorsitzende Angela Merkel ihre Agentur um weitere Zusammenarbeit: "Wir haben dann auf niedrigem Niveau bis heute weiter gearbeitet", sagt Günter Sendlmeier, der Kreativchef von "McCann-Erickson" in Berlin. Am Mittwoch war CDU-Generalsekretär Volker Kauder da und gab den "offiziellen Auftrag" für die Wahl 2005: "Wir legen los", so Sendlmeier. In der nächsten Woche treffe man sich mit der CDU-Spitze, um die Inhalte der Kampagne festzulegen.

Die CSU setzt seit 2002 auf die Münchner Agentur "Serviceplan": bei der Wahl zum Bundestag, zum Landtag und zum EU-Parlament. "Wir haben sehr gute Wahlkämpfe für die CSU gemacht", sagt Geschäftsführer Florian Haller. Deshalb gebe es jetzt Gespräche über eine mögliche Zusammenarbeit für die "wahnsinnig spannende Aufgabe" Bundestagswahl 2005, so Haller. Seine Agentur sei bereit, "die Politik-Teams halten sich mit der Urlaubsfreigabe zurück".

"Kurz den Urlaub abgesagt und weitergemacht"

Politwerbung fürs linke Lager, so heißt es in der Kreativbranche, bleibe nicht immer ohne Folgen für den Kundenstamm. Da gehe schon manchmal ein anderer dicker Werbefisch durchs Netz. Unternehmer wollten eben Distanz nach links wahren, so ist zu vernehmen.

Andererseits sind die Linken dafür sehr treu. Die Grünen zum Beispiel arbeiten seit Jahren eng zusammen mit der Berliner Agentur "Zum goldenen Hirschen", die bei der Klientel der Ökopaxe mit ihren frechen Sprüchen zünden. Cornelis Stettner, der Kreativplaner des "Hirschen", hatte schon einen festen Vertrag mit den Grünen für die Bundestagswahl 2006 und hat auch die Kampagne in Nordrhein-Westfalen zu verantworten: "Jetzt geht's gleich weiter. Kurz den Urlaub abgesagt und weitergemacht." Die ersten Gespräche mit dem grünen Wahlkampfmanager Fritz Kuhn laufen schon und die Politsprüche werden jetzt mit Hochdruck erarbeitet. Verraten wird noch nichts.

"In aller Gelassenheit auf dem Sofa"

PDS-Plakat in Berlin: "Einen Ja-Wahlkampf führen"

PDS-Plakat in Berlin: "Einen Ja-Wahlkampf führen"

Die PDS ist die treueste Braut im Werbegeschäft. Seit 1994 arbeiten die Sozialisten mit der Agentur "Trialon" aus dem Berlin-Pankow zusammen. "Trialon"-Chef Reiner Strutz versuchte die PDS in der Vergangenheit mit kessen Plakaten aufzumöbeln: "Geil" und "Cool" war beim Bundestagswahlkampf 1998 darauf zu lesen. Dieses Jahr will Strutz einen "Ja-Wahlkampf führen". Das heißt "positive Kommunikation" rücke in den Vordergrund, "weil die Leute Antworten von der Politik wollen". Sicherlich würden auf den Plakaten nach wie vor "die Defizite von Hartz IV thematisiert", so Strutz. Darüber hinaus aber sollten auch "positive Angebote für eine andere Politik" gemacht werden. Die mögliche Kandidatur eines Oskar Lafontaine "spielt in den momentanen Überlegungen der Agentur keine Rolle", sagt Strutz. Allerdings sei eine Kampagne im Falle eines Linksbündnisses der PDS mit der Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit (WASG) "wegen der unterschiedlichen Kommunikationsgewohnheiten in Ost und West" komplizierter. Strutz kündigte an, dass "Trialon" in diesem Jahr gemeinsam mit der Berliner Agentur "DiG/Plus" am Wahlkampfkonzept der PDS arbeiten werde: "Mit der DiG kommt frischer Wind in die Kampagne".

Während seine Kollegen den heißen Herbst planen, gibt sich Detmar Karpinski ganz gelassen. Karpinski ist Geschäftsführer der Werbeagentur "KNSK". Er hat im Wahlkampf 2002 die Kampagne für die SPD und Kanzler Schröder entworfen: "Nein, die SPD hat nicht bei mir angerufen", sagt Karpinski, ein Wechsel der Agenturen sei aufgrund der knappen Zeit jetzt auch gar nicht möglich: "Die Parteien müssen auf bestehende Verbindungen bauen". Und da biete sich die Zusammenarbeit mit den Agenturen aus dem NRW-Wahlkampf an. Er sitze deshalb in den nächsten Monaten "in aller Gelassenheit auf dem Sofa" und schaue sich den Wahlkampf im Fernsehen an.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.