Waldmenschen von Reinhardswald Die einsamsten Wähler des Landes

Postleitzahl 00000, kein gewählter Bürgermeister, kein Stimmlokal: Reinhardswald ist eine Absurdität. Die Gemeinde ist die zweitgrößte Hessens, doch Koch und Schäfer-Gümbel machen hier keinen Wahlkampf - denn es gibt nur zwei Einwohner, und die werden von den Behörden ständig übersehen.

Aus dem Reinhardswald berichtet Sebastian Winter


Reinhardswald - Am Sonntag ist Landtagswahl in Hessen, doch Marlies Scheffel, 67, und Reinhold Heck, 64, müssen sich um ihre Gäste kümmern - für das Wirtspaar ist es unmöglich, an diesem Tag wählen zu gehen. Die Briefwahl haben sie auch verpasst. Es war zu viel los in ihrer "Waldgaststätte Tillyschanze" in den vergangenen Wochen. Zum Glück gibt es für sie eine Sonderregelung.

Scheffel und Heck nennen sich selbst "Waldmenschen". Sie sind die einzigen Bewohner des 180 Quadratkilometer großen Forstgutsbezirks Reinhardswald - abgesehen von Rotwild, Waschbären, Wölfen und anderem Getier.

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Das statistische Landesamt in Hessen nimmt an, dass auch im Reinhardswald an der Grenze zu Niedersachsen keine Menschenseele wohnt. Es hat die beiden Leute einfach vergessen. Im hessischen Wahlrecht wird das Gebiet aber wie eine Gemeinde behandelt - und bei einer Wahl darf es keine weißen Flecken auf der Landkarte geben.

So sind Scheffel und Heck die einzigen Wähler in der nach Frankfurt flächenmäßig zweitgrößten hessischen Gemeinde - und Hessens letzter Außenposten. "Wir haben 100 Prozent Wahlbeteiligung, wer kann das von sich behaupten?", sagt Heck.

Doch wo wählt man eigentlich, wenn man zu zweit völlig alleine mitten im Wald wohnt? "Wir müssen in den Nachbarbezirk Reinhardshagen ausweichen. Sonst verletzen wir das Wahlgeheimnis", sagt Heck. Bei zwei Stimmberechtigten wäre sofort klar, wer wem seine Stimme gibt. Reinhardshagen ist zehn Kilometer entfernt.

Das verlobte Paar bewirtet am Montagabend eine Gruppe Forstwissenschaftler. Zwei Mal im Jahr trifft sich die Burschenschaft im Reinhardswald. Eigentlich ist die Tillyschanze im Winter montags bis donnerstags zu, doch Gesellschaften empfängt das Wirtspaar gerne.

Die Studenten sitzen an einer langen Tafel, sie tragen weiße Mützen und die üblichen Schärpen. An der Wand hängen Geweihe von Hirschen und Rehen. Es wird ein langer Abend, die Burschenschaftler sitzen und trinken bis tief in die Nacht. Erstmal ausschlafen, sagten sich Scheffel und Heck, und dann wählen gehen.

Postleitzahl 00000

Immerhin dürfen sie überhaupt wählen - nach all den Versäumnissen der Politiker, der Behörden und des Landes Hessen, grenzt das fast an ein Wunder. "Meinen Sie, uns hätte hier je ein Politiker besucht, um Wahlkampf zu machen?", sagt Heck.

Der Wirt schmunzelt ein wenig. Er geht in sein Büro, ein zwei Quadratmeter großes Kabuff hinter der Bar, und holt ein paar Dokumente hervor. Im Fahrzeugschein steht die Adresse Tillyschanze 1, 00000 Reinhardswald. Die Straße gibt es gar nicht, die Hausnummer auch nicht, die Postleitzahl hat fünf Nullen, weil das behördliche Computersystem den Gutsbezirk Reinhardswald nicht erkennt. Die Post hatte ihn 1993 bei der Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen angeblich vergessen.

Weil es keinen Briefträger gibt und Bekannte die Hoffnung längst aufgegeben hatten, Briefe und Pakete an die Waldmenschen zu schicken - sie kamen meist wieder zurück - hat das Paar schon vor Jahren ein Postfach einrichten lassen. Es liegt in Niedersachsen.

Weit ist das nicht: keine fünf Meter vor der Tür der Gaststube markiert ein weißer Stein die Landesgrenze. Dahinter thront der Tillyturm, im Tal liegt schneebedeckt das Fachwerkstädtchen Hann. Münden, früher Hannoversch Münden.

Thorsten Schäfer-Gümbel? Roland Koch? Hessen scheint sehr weit weg hier oben.

Ein schmaler, verschneiter Pfad führt ins Zentrum, 15 Minuten dauert der Fußmarsch zur Post. Bald soll die Filiale geschlossen werden.

Einflugschneise über den Köpfen

Doch ein weit größerer Schatten fällt auf das Idyll: In wenigen Jahren könnten große Passagierflugzeuge Hann. Münden überfliegen, bereit zur Landung im zwanzig Kilometer entfernten Kassel-Calden. Der Ausbau des Regionalflughafens ist eines der großen Themen im hessischen Wahlkampf. Bürgerinitiativen wollen die Erweiterung verhindern, doch der Plan wird wohl verwirklicht. Die Einflugschneise führt direkt über den Reinhardswald. Vor allem deshalb interessiert Scheffel und Heck die Wahl. "Unser Grundstück ist doch kaum noch was wert, im Lärm der Jets."

Egal ob die Flieger kommen, das Paar will bleiben. Auch, weil Hann. Münden vermutlich mehr getan hat für das Paar als das ganze Land Hessen. Die Stadt stellte Wasser- und Stromleitungen bereit. Für die Müllentsorgung schloss Heck einen Privatvertrag mit einer niedersächsischen Deponie. "Hessen macht gar nichts. Selbst unseren Zufahrtsweg hat Münden gebaut."

Ganz uneigennützig ist das nicht, denn die Tillyschanze ist ein beliebtes Ausflugsziel. Außerdem liege der Weg zur Waldgaststätte auf niedersächsischem Gebiet, Hessen hätte kilometerlange Waldwege im Reinhardsforst ausbauen müssen. Und man könne doch nicht für zwei Leute die Müllabfuhr übernehmen, sagt Hecks Bürgermeister.

Ja, auch den gibt es im Reinhardswald. Norbert Teuwsen ist Leiter des Forstamts Reinhardshagen. Den Bürgermeister-Job macht er nebenbei. Er treibt Steuern ein, besorgt seinen beiden Schäfchen neue Personalausweise - mit der obligatorischen falschen Adresse - und stellt ihnen, falls sie noch heiraten wollen, auch eine Heiratsurkunde aus. Teuwsen wird vom Landrat ernannt, Scheffel und Heck dürfen ihn also nicht wählen.

Zur Stimmabgabe für die Landtagswahl fuhren sie mit dem Auto nach Reinhardshagen, Wahlbezirk 02, Wahllokal Kindergarten Veckerhagen. Ihre Kreuze wollten sie nicht ganz rechts setzen, auch nicht ganz links. Die großen Parteien? Sind für den Flughafen. Ihnen blieb nur eine Möglichkeit.

Die Beamtin im Wahllokal begrüßte sie wie immer, erzählt Heck: "Ach, die aus dem Wald kommen wieder."

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