Früherer Bundespräsident (1974-1979) Walter Scheel ist tot

Er war Bundespräsident in einer der bewegtesten Phasen der Bonner Republik: Walter Scheel. Jetzt ist der FDP-Politiker im Alter von 97 Jahren gestorben.

MARCO-URBAN.DE

Trauer um Walter Scheel: Der frühere Bundespräsident ist tot. Er starb im Alter von 97 Jahren. Das Bundespräsidialamt und ein FDP-Sprecher bestätigten am Mittwoch, dass das einstige Staatsoberhaupt gestorben sei. Scheel hatte seit Jahren in einem Pflegeheim in Bad Krozingen bei Freiburg gelebt.

Scheel war von 1974 bis 1979 Bundespräsident und damit viertes Staatsoberhaupt der Bundesrepublik. Er hatte sich bei der Wahl in der Bundesversammlung gegen den CDU-Kandidaten Richard von Weizsäcker durchgesetzt. Nach der ersten Amtszeit trat er wegen der Mehrheitsverhältnisse in der Bundesversammlung nicht noch einmal an.

Zuvor war er in der sozialliberalen Koalition von Willy Brandt dessen Vizekanzler und Außenminister.

An der Seite Brandts setzte Scheel die umstrittenen Ostverträge durch und vollzog eine Neuausrichtung der Ostpolitik. Annäherung war sein Ziel. Damals war diese neue Ostpolitik umstritten, heute wird sie als Grundstein angesehen für die Deutsche Einheit. "Willy Brandt konnte nur deshalb das Land verändern, weil er mit Walter Scheel einen kongenialen Partner hatte", sagt der heutige Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).

Von 1968 bis 1974 war Scheel als Nachfolger von Erich Mende zudem Parteichef der FDP.

Der gelernte Bankkaufmann und Wirtschaftsberater war fast 25 Jahre lang Abgeordneter des Bundestags. Er gehörte auch bei den CDU-Kanzlern Konrad Adenauer und Ludwig Erhard zum Kabinett, unter Adenauer war Scheel der erste Entwicklungshilfeminister der Republik.

Sehr bekannt wurde der volksnahe Politiker auch als Sänger des Volkslieds "Hoch auf dem gelben Wagen", das er 1973 zugunsten der Behindertenhilfsorganisation Aktion Sorgenkind zusammen mit zwei Düsseldorfer Männergesangsvereinen aufnahm. Bis Frühjahr 1974 wurde die Platte über 300.000 Mal verkauft.

Lindner und Baum würdigen Scheel

In den vergangenen Jahren hatte sich Scheel, gesundheitlich angeschlagen und unter Demenz leidend, nur noch selten in der Öffentlichkeit gezeigt.

Bundespräsident Joachim Gauck würdigte Scheel in einem Schreiben an Scheels Witwe Barbara als "hochgeschätzten Bundespräsidenten und einen Politiker, der die Geschicke unseres Landes viele Jahre in besonderer Weise mitgestaltet hat".

"Unser Land und wir haben ihm viel zu verdanken", erklärte der FDP-Vorsitzende Christian Lindner via Twitter. Ohne Scheel hätte es eine "neue Ostpolitik und mehr gesellschaftliche Liberalität nie gegeben".

Der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum würdigte gegenüber SPIEGEL ONLINE die Verdienste Scheels. Scheel habe mit dazu beigetragen, dass sich die FDP mit den 1971 verabschiedeten Freiburger Thesen modernisiert habe - gegen Widerstände in der Partei. Zugleich würdigte er dessen Verdienste zur Koalitionsbildung 1969. "Scheel gebührt der Verdienst, die historische Entscheidung für das Zustandekommen der sozialliberalen Koalition unter Kanzler Willy Brandt ermöglicht zu haben, obwohl die Partei damals tief gespalten und mit 5,8 Prozent eines ihrer schlechtesten Ergebnisse eingefahren hatte", so der FDP-Politiker.

Baum war in der SPD-FDP-Koalition von 1978 bis 1982 unter Brandts Nachfolger Helmut Schmidt (SPD) Bundesinnenminister. Baum erinnerte auch daran, dass Scheel als Außenminister der damaligen Koalition (Scheel wurde erst 1974 Bundespräsident) an der Seite der Sozialdemokraten Brandt und dessen Beraters Egon Bahr mit dafür gesorgt habe, dass "die Türen für eine neue Deutschland- und Ostpolitik geöffnet wurden".

als/sev/dpa/AFP



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