Zensus 2011 Der unheimliche Boom auf Wangerooge

Plötzlich sind es mehr als 1000 Einwohner. Laut dem jüngsten Zensus hat Wangerooge in den vergangenen Jahren einen wahren Bevölkerungsboom erlebt. Doch die Freude auf der Nordseeinsel hält sich in Grenzen. Gemeindevertreter wittern Rechenfehler.

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Aus Wangerooge berichtet


Wenn Bärbel Herfel sagt, sie liebe die Kommunalpolitik, glaubt man ihr das sofort. Seit mehr als 20 Jahren engagiert sich die 69-Jährige für Wangerooge, "diesen kleinen Sandhaufen", ehrenamtlich. Anfang der neunziger Jahre war sie Bürgermeisterin der Nordseeinsel, heute leitet sie den Gemeinderat. Wenn andere Menschen abends einen Roman zur Hand nehmen, liest Bärbel Herfel Verwaltungsvorschriften: "Ich muss ja immer sehen, dass ich einen Konsens zum Wohl der Gemeinde hinbekomme."

Geht es aber um die offizielle Einwohnerzahl der Inselbewohner und den Zensus, ist von ihrem zupackenden Optimismus nicht mehr viel zu spüren. Dann spricht Bärbel Herfel von "Zorn". Denn jahrzehntelang wurde die Größe des Inselvolks von der amtlichen Statistik unterschätzt: Demnach sollten weniger als 1000 Menschen dauerhaft auf Wangerooge leben, dabei wies das Melderegister der Insel über 300 Personen mehr aus.

Dieser Abstand führte zu absurden Situationen. So waren bei Wahlen deutlich mehr Insulaner wahlberechtigt als laut der offiziellen Zahlen überhaupt auf Wangerooge lebten. Doch an der Statistik war nicht zu rütteln, auch nicht als die Steuerbehörden das Melderegister 2007 überprüften und lediglich um fünf Einwohner korrigieren mussten. "Das ist für mich nicht nachvollziehbar. Irgendetwas stimmt da an unserem System nicht", sagt Bärbel Herfel. (Sehen Sie hier eine Übersicht, wie stark der Zensus die deutschen Gemeinden betrifft.)

75.000 Euro pro Jahr verloren

Für die CDU-Abgeordnete bedeutete die Falscheinschätzung auch mehr Arbeit: Als die Zahl der Einwohner in den dreistelligen Bereich abrutschte, schrumpfte auch der Gemeinderat. Aktuell teilen sich nur acht Kommunalpolitiker diverse Ämter. Bärbel Herfel sitzt in drei von fünf Ausschüssen als ständiges Mitglied, in einem weiteren ist sie stellvertretende Vorsitzende und vertritt die Insulaner unter anderem im Städte- und Gemeindebund.

Zu verwalten gibt es auf Wangerooge einiges, denn die Gemeinde ist hochverschuldet. Schuld daran ist auch die jahrelang zu geringe Einwohnerzahl, rechnet Bürgermeister Holger Kohls vor: "Weil wir angeblich so wenige Einwohner hatten, war die Steuerkraft pro Kopf vergleichsweise hoch - was dazu führte, dass wir in den kommunalen Finanzausgleich einzahlen müssen. Unterm Strich haben wir so etwa 75.000 Euro pro Jahr verloren." Besonders absurd: Als finanzschwache Gemeinde wird Wangerooge zugleich mit Bedarfszuweisungen aus dem kommunalen Ausgleichsfonds unterstützt.

Gegen die Schulden hilft nur Sparen. Gar nicht einfach auf einer Insel mit 8000 Gästebetten, die an guten Tagen weitere 2500 Besucher zählt. Dafür muss die Infrastruktur reichen, die Kläranlage etwa ist auf 15.000 Menschen ausgerichtet. Auch bei der Feuerwehr, die sich andere Gemeinden mit ihren Nachbarn teilen können, hat Wangerooge kaum Spielraum.

Zensus 2011: Korrektur um satte 46 Prozent

Also erhöhte die Gemeinde allerlei Abgaben, verkaufte Land und baute Personal ab. Die Miete für die Strandkörbe wurde teurer, ebenso stiegen Kurbeitrag, Fremdenverkehrsbeitrag und Grundsteuer. Demnächst zieht sogar die gesamte Verwaltung um, von einem Grundstück direkt an der Strandpromenade in die zweite Reihe - hinter ein neues Hotel mit 48 Apartments. "Aber man verkauft alles nur einmal", sagt Holger Kohls. "Irgendwo ist auch eine Grenze."

Immerhin dürfte sich die angespannte Finanzlage der Gemeinde in absehbarer Zeit entspannen. Denn der Zensus bestätigte, wovon man auf der Insel längst überzeugt war: Auf Wangerooge lebten am Stichtag im Mai 2011 weit mehr als die 900 Menschen aus der amtlichen Fortschreibung. Stattdessen sollten es 1311 Insulaner sein - ein Zuwachs von 46 Prozent, mehr als in allen anderen deutschen Gemeinden mit mehr als 1000 Einwohnern.

Doch auch mit der neuen Einwohnerzahl ist man auf Wangerooge nicht zufrieden. "Wir haben 25 Personen mehr im Melderegister an diesem Stichtag und können uns nicht erklären, wie das zustande kommt", erklärt Bürgermeister Holger Kohls. Also zählte die Gemeinde noch einmal nach und überprüfte Wohnhäuser, die an zwei Straßen grenzen und möglicherweise doppelt hätten erfasst sein können. Aber der Verdacht war unbegründet, die rund 50 Einwohner waren richtig erfasst. Und das Melderegister lieferte korrekte Daten.

Noch sind neue Einwohnerzahlen nicht festgeschrieben

Wegen dieser Lücke will die Gemeinde möglicherweise sogar gegen das Zensusergebnis klagen, um nicht noch einmal denselben Fehler zu machen wie nach der Volkszählung 1987. Auch damals wurde die Einwohnerzahl der Insel deutlich berichtigt, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen - von knapp 1900 auf nur noch etwa 1100 Personen.

Die Wangerooger reichten weder Widerspruch noch Klage ein. Und musste fortan zusehen, wie die Fortschreibung diesen Wert immer weiter nach unten korrigierte. "Das war eine Kette ohne Ende", sagt Bärbel Herfel. Als nun endlich die Ergebnisse des Zensus 2011 bekanntgegeben wurden, brach die Gemeinderätin trotzdem nicht in Euphorie aus: "Das kann man ganz rational sehen, als Bestätigung, dass die es unter Umständen nun auch kapieren."

Bis die neuen Zahlen in die amtliche Statistik eingetragen werden, dürften zudem noch Monate vergehen. Derzeit läuft in Niedersachsen ein Anhörungsverfahren, einige Gemeinden dürften danach Klage einreichen. Damit gehört das verschuldete Wangerooge auch vorerst weiter zu den Kommunen, die in den Finanzausgleich einzahlen müssen. Den Bescheid dazu bekam Holger Kohls nur wenige Tage, bevor die neue Einwohnerzahl bekannt wurde. "Da fühlt man sich ja schon so ein bisschen veräppelt", sagt der Bürgermeister. Das Ringen um die amtliche Einwohnerzahl ist für die Nordseeinsel wohl noch längst nicht ausgestanden.

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Seite 1
ambergris 06.08.2013
1. .
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEPlötzlich sind es über 1000 Einwohner. Laut dem jüngsten Zensus hat Wangerooge in den vergangenen Jahren einen wahren Bevölkerungsboom erlebt. Doch die Freude auf der Nordseeinsel hält sich in Grenzen. Gemeindevertreter wittern Rechenfehler. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wangerooge-hat-mehr-einwohner-durch-zensus-2011-a-914037.html
Es gibt da einige seltsame Fälle beim Zensus. Zum Beispiel Deutschlands kleinste Gemeinde, die Insel Gröde. Vor dem Zensus hatte sie 5 Einwohner. Nach dem Zensus hatte sie 11. Wie kann man sich denn so sehr vertun wenn da doch jeder jeden kennt? Gerade bei den kleinen Gemeinden sind da sehr seltsame Fehler entstanden. Da wurde evtl. bei großen Gemeinden ausführlich gezählt, die Abweichungen gezählt und dann zu einheitlich auf die kleinen Gemeinden übertragen.
Floydpepper65 06.08.2013
2. Klappt noch irgendwas in Deutschland????
Wer hat denn die Volkszählung durchgeführt? Die Planer des Berliner Flughafens?
fleischwurstfachvorleger 06.08.2013
3. Spinnen die Wangerooger?
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEPlötzlich sind es über 1000 Einwohner. Laut dem jüngsten Zensus hat Wangerooge in den vergangenen Jahren einen wahren Bevölkerungsboom erlebt. Doch die Freude auf der Nordseeinsel hält sich in Grenzen. Gemeindevertreter wittern Rechenfehler. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wangerooge-hat-mehr-einwohner-durch-zensus-2011-a-914037.html
Wenn jedermann die Ergebnisse, die von hochqualifizierten Beamten erhoben wurden, anzweifelt, dann haben wir hier in Deutschland Chaos. Beamte wissen was sie tun. Beamte haben immer recht. Außer es ist Wahljahr, dann kommt sogar ein Mollath wieder frei. Würde er Modellautos herstellen, würde er wahrscheinlich immer noch einsitzen. Gell Frau Dr. Haderthauer?
xxbigj 06.08.2013
4. optional
"So waren bei Wahlen deutlich mehr Insulaner wahlberechtigt als laut der offiziellen Zahlen überhaupt auf Wangerooge lebten" Das erinnert mich ein bisschen an die Simpsons! Dort bekommen die Republikaner Ihre Stimmen von Toten. Kann es sein das bei der letzten Wahl auch scheintote Merkel gewählt haben. In Bayern z.B. dort gibt es immer wieder Fälle von Wahlbetrug. Aber um die CDU zu sein muss man auch ein lebendes Fossil sein.
EchoRomeo 06.08.2013
5. Die verwenden wohl die gleiche Software
wie die Welt-Klimaexperten. Kommt immer das gerade gewollte heraus.
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