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18. April 2017, 18:49 Uhr

Deutschtürken für Präsidialsystem

Aus Deutschland für Erdogan

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Sie leben in einer Demokratie - und wollen mehr Macht für Erdogan: Eine deutliche Mehrheit der Türken, die in Deutschland am Referendum teilgenommen hat, stimmte für die Verfassungsreform. Versuch einer Erklärung.

Die Aufregung in Deutschland nach dem türkischen Verfassungsreferendum ist groß. "Demokratie genießen, aber einen Despoten wählen", erregt sich die "Bild"-Zeitung. "Was, bitte, ist da los?", fragt die "Süddeutsche Zeitung". Und auch SPIEGEL ONLINE-Kommentator Hasnain Kazim wundert sich über "das merkwürdige Wahlverhalten der Deutschtürken".

Tatsächlich ist das Wahlergebnis bemerkenswert. Denn in Deutschland haben 63,1 Prozent der Türken, die an der Abstimmung teilgenommen haben, mit Ja gestimmt - also für ein autoritäres Präsidialsystem, das Recep Tayyip Erdogan noch mehr Macht gibt. In der Türkei waren es 51,4 Prozent.

Warum aber sympathisieren Türken in Deutschland offenbar stärker mit Erdogan als die Menschen in der Türkei? Warum ist hierzulande die Unterstützung größer als in Istanbul oder Izmir?

Zunächst muss klargestellt werden:

Trotzdem ist jetzt die Diskussion über die Ursachen des Wahlverhaltens in vollem Gange. Dass rund 416.000 Menschen, die in Deutschland in Freiheit und Demokratie leben, dafür stimmen, dass in einem anderen Land ein autoritäres System eingeführt wird, scheint schwer nachvollziehbar.

Wirklich belastbare Daten, die etwas über die Gründe für das Wahlverhalten aussagen könnten, gibt es nicht. Welche Altersgruppen haben mehrheitlich für Erdogans Machtplan gestimmt? Welchen beruflichen Hintergrund haben die Ja-Wähler? Solche Erhebungen, wie wir sie von Wahlforschern hierzulande kennen, liegen offenbar nicht vor.

Um Erklärungen zu finden, müssen andere Informationen helfen: Erfahrungswerte, soziokulturelle Studien, Einschätzungen aus der deutsch-türkischen Community. Der Umstand, dass viele der vor Jahrzehnten eingewanderten türkischen Gastarbeiter aus ländlichen, konservativen Regionen stammten, reicht dabei wohl kaum aus.

Welche Erklärungsansätze gibt es?

Das alles zeigt: Die möglichen Gründe für das Wahlverhalten sind vielschichtig - die politischen Reflexe aber sind bereits aktiviert. Wohl auch, weil sich Deutschland schon im Vorwahlkampf befindet. Unions-Innenexperte Stephan Mayer (CSU) mahnte umgehend strengere Regelungen beim Doppelpass an. Der Widerspruch folgt prompt: "Es interessiert mich nicht, dass die Menschen zwei Pässe haben, sondern dass es auch in der dritten Generation so autoritäre Einstellungen gibt", sagt Bilkay Öney (SPD), ehemalige Integrationsministerin in Baden-Württemberg. "Wir brauchen mehr Demokratieerziehung an Schulen."

Andere plädieren dafür, den Islamverband Ditib schärfer ins Visier zu nehmen, türkische Imame aus deutschen Moscheen zu verbannen oder dem AKP-Lobbyverband UETD die Gemeinnützigkeit zu entziehen.

CDU-Politikerin Giousouf nimmt aber auch die Parteien in die Pflicht. Diese müssten "auch im Bundestagswahlkampf die Deutschtürken stärker in den Blick nehmen, ansprechen und insgesamt offensiver in die deutsche Parteipolitik einbinden. Sie sollen ihre politische Heimat in den deutschen Parteien finden."

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