Von Philipp Wittrock
Berlin - Den Jahreswechsel und die Weihnachtsfeiertage dürfte Angela Merkel ziemlich entspannt verbracht haben. Ihre Popularitätswerte sind spitze, die CDU liegt in den Umfragen über der 40-Prozent-Marke, und Peer Steinbrück müht sich nach Kräften, möglichst keinen Fettnapf auszulassen. Danach, dass der SPD-Herausforderer ihr im Herbst den Schreibtisch im Kanzleramt streitig machen könnte, sieht es derzeit wirklich nicht aus.
Alles bestens also für die Bundeskanzlerin? Kann sie sich ihres Sieges nicht fast schon sicher sein - ganz gleich, ob ihr am Ende nun die FDP oder ein anderer Partner den Machterhalt sichert? Die Versuchung ist jedenfalls groß, den Vorsprung nur noch zu verwalten, gerade für Angela Merkel. Bloß nicht festlegen, bloß kein Risiko eingehen, keine Angriffsfläche bieten - die CDU-Chefin hat das Abwarten und Durchwurschteln zum Politikstil erkoren. Und warum sollte sie ausgerechnet jetzt etwas daran ändern, wo es doch so gut läuft? Einfach unauffällig bis zum Wahltermin weiterregieren, das sollte reichen.
Die Frage ist nur, ob die Wähler ihre Regierungschefin tatsächlich so einfach davonkommen lassen. Schließlich gäbe es einiges, was Merkel trotz oder gerade wegen des bevorstehenden Wahlkampfs beherzt anpacken oder ändern müsste.
SPIEGEL ONLINE nennt fünf Dinge, die sich die Kanzlerin für 2013 fest vornehmen sollte:
"Wer Mut zeigt, macht Mut." Mit diesem Satz von Adolph Kolping lobte Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache das Engagement vieler Menschen im Land. Schön wäre es, wenn sich die Kanzlerin die Worte des Sozialreformers auch selbst zu Herzen nimmt.
Merkel lässt Debatten gerne über Monate laufen, ohne einen klaren Standpunkt zu beziehen. Die NPD findet sie scheußlich - aber soll sie verboten werden? Gegen Altersarmut muss man etwas tun - aber was genau? Die steuerliche Gleichstellung der Homo-Ehe muss nicht unbedingt sein - aber eigentlich sollen das Richter entscheiden.
Merkel ist die Meisterin des Ungefähren. Sie wartet ab und schwenkt, wenn überhaupt, erst kurz vor knapp auf die Mehrheitsmeinung ein. So tut sie möglichst wenigen weh und entzieht sich selbst der Gefahr einer Niederlage. Ein bisschen mehr klare Kante darf man von einer Bundeskanzlerin aber schon erwarten. Gerade 2013 wollen die Bürger schließlich wissen, was sie nach der Wahl erwartet.
Eine begnadete Rednerin ist Merkel nicht, das ist kein Geheimnis. Ihre Sprache wirkt oft hölzern, ihr verrutschen Sätze, was manchmal zwar unfreiwillig komisch klingt, aber nicht gerade mitreißend ist. Dabei ist die Kanzlerin durchaus ein emotionaler Mensch - nur sollte sie es öfter zeigen.
Sicher, dass das Volk Merkel so vertraut, hat auch mit ihrer unaufgeregten Art zu tun. Die Menschen vertrauen ihr in der Krise. Doch mit verbalen Beruhigungspillen und gepflegter Langeweile lässt sich auf Dauer niemand für Politik begeistern. Ein bisschen mehr Leidenschaft täte dem Land auch im Kanzleramt gut.
Angela Merkel hatte große Erwartungen an den letzten EU-Gipfel des Jahres geschürt. Unbedingt wollte sie mit ihren europäischen Amtskollegen die Weichen für den Umbau der Wirtschafts- und Währungsunion stellen, mögliche Vertragsänderungen inklusive. Doch als die 27 Staats- und Regierungschefs im Dezember in Brüssel zusammensaßen, war auch bei Merkel der Reformeifer erlahmt. Ein Fahrplan muss reichen. Große Ziele? Fehlanzeige.
Dafür mag es Gründe geben. Der stotternde deutsch-französische Motor etwa oder die Tatsache, dass der reiche Norden ganz andere Vorstellungen von "mehr Europa" hat als der arme Süden. Vielleicht aber auch der Bundestagwahlkampf. Viele Wähler reagieren allergisch, wenn sie hören, dass Brüssel mehr zu sagen haben soll. Sich den Vorbehalten zu fügen, wäre allerdings fahrlässig und traurig. Nur weil die Krise eine Pause macht, ist sie noch längst nicht vorbei. Gerade diese Pause sollte die Kanzlerin nutzen, damit Europa nicht auf halbem Weg stehen bleibt. Mehr wirtschafts- und finanzpolitische Koordinierung, strengere Haushaltskontrollen, Finanztransaktionsteuer, die Aufgaben sind gewaltig - und Merkel sollte sie angehen.
Warum sollte sich Merkel Gedanken über einen Nachfolger machen? Es läuft doch ganz gut, außerdem will die Kanzlerin ja noch mal vier Jahre regieren. Alles richtig, dennoch lohnt es sich gerade für die amtierende CDU-Chefin langfristig zu planen, auch wenn es mit der Wiederwahl im Herbst klappen sollte.
Irgendwann wird die Frage laut gestellt werden: Wer kommt eigentlich danach? Seit Merkel vor fast 13 Jahren den Parteivorsitz übernommen hat, sind fast alle einflussreichen Konkurrenten verschwunden. Übrig sind ihre Stellvertreterin Ursula von der Leyen, die gerade auf dem Parteitag mit einem schwachen Ergebnis abgestraft wurde, und Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, der Ende Januar aus dem Amt fliegen könnte. Helmut Kohl hatte es sich einst auf seinem Chefsessel so bequem gemacht, dass er darüber die Stabübergabe vergaß. Merkel sollte einen möglichen Nachfolger lieber persönlich aufbauen, bevor der sich selbst in Position bringt.
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich kennen laut jüngster SPIEGEL-Umfrage 42 Prozent der Wähler nicht. Bildungsministerin Annette Schavan schafft es höchstens in die Schlagzeilen, weil sie sich gegen Plagiatsvorwürfe im Zusammenhang mit ihrer Doktorarbeit wehren muss. Familienministerin Kristina Schröder sorgt mit einer Geschlechterdebatte über der/die/das Gott für Aufregung.
Nein, mit Glanzlichtern ist das Kabinett von Angela Merkel nicht gesegnet. Als Stars gehen schon Routinier Wolfgang Schäuble oder der bodenständige Verteidigungsminister Thomas de Maizière durch. Nun mag der Kanzlerin eine unauffällige Regierungsmannschaft recht sein. Wenn aber Loyalität alles ist, bleiben Kreativität und Visionen auf der Strecke. Man muss sich keinen Blender wie Karl-Theodor zu Guttenberg zurückwünschen, aber Merkel sollte in diesem Jahr darüber nachdenken, ob sie im Fall ihrer Wiederwahl nicht ein paar frische Köpfe in ihre Ministerrunde beruft.
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