S.P.O.N. - Im Zweifel links Der selbstsüchtige Riese

Vor 30 Jahren wurde Helmut Kohl Kanzler. Jetzt ist eine umfassende Biografie des Oggersheimers erschienen. Und je besser man beim Lesen versteht, wie Kohl Deutschland geführt hat, desto größere Sorgen muss man sich über den Weg Angela Merkels machen.

Eine Kolumne von


Es gibt ein Märchen von Oscar Wilde: "Der selbstsüchtige Riese". Der will seinen Garten nicht mit den Kindern teilen. Darum hält der Winter bei ihm Einzug und geht nicht mehr weg, und es bleibt nur die Einsamkeit. Da helfen ihm alle Kraft und Größe nicht. Dieses Märchen kommt einem in den Sinn, wenn man die tausend Seiten zur Hand nimmt, die Hans-Peter Schwarz über Helmut Kohl geschrieben hat. Die erste wissenschaftlich-gründliche Biografie über den Altkanzler. Helmut Kohl ist uns noch nahe, aber seine lange Reise ins Historische hat ja schon begonnen.

"Der Riese", so ist der Prolog übertitelt. Passend zur Gestalt Helmut Kohls, der physischen und politischen, in all ihrer Massigkeit und Größe. Aber Riesen sind nicht glücklich. Und Kohl war so ein selbstsüchtiger Riese wie in Wildes Märchen. Ihn selbst hat ein ähnliches Schicksal ereilt: Wegen seiner Spendenaffäre erlebte er einen "Abschied mit Schimpf und Schande" - so lautete der letzte SPIEGEL-Titel des 20. Jahrhunderts. Seine Frau nahm sich das Leben, seine Söhne wandten sich von ihm ab.

Für sein Land jedoch hat er besser gesorgt. In der Politik entspricht der Einsamkeit des Riesen die Isolation der Vormacht. Kohl hat dafür gekämpft, dass das für europäische Verhältnisse riesenhafte Deutschland unter seinen Nachbarn nicht einsam wurde. Das war sein Ziel und seine Leistung. Kohl wusste noch, dass ein selbstsüchtiges Deutschland in Europa unglücklich werden muss.

Der Autor zweifelt an Europa

Aber der Biograf ist nicht überzeugt. Kohl, das hat Schwarz schon früher über den Kanzler geschrieben, "gehört zu den großen Willensmenschen und fühlt sich als solcher berufen, die Deutschen und deren Nachbarn ein für allemal vor Dummheiten zu bewahren - ein schöner, aber recht kühner Gedanke".

Hans-Peter Schwarz, selber 78 Jahre alt, hat sich ein Historikerleben lang mit der deutschen Nachkriegsgeschichte und ihrem Weg aus den steinernen und moralischen Trümmern des Zweiten Weltkriegs befasst. Dieser Weg führte über Europa und war nur durch Europa möglich. Und obwohl Schwarz bereits die bedeutende Biografie Konrad Adenauers geschrieben hat, dieses großen Europäers, zweifelt er selbst offenbar an Europa. Das Ziel der europäischen Einigung nennt er "völlig unerprobt" und findet: "Die vielfache jahrhundertealte Eigenentwicklung von Politik, Wirtschaft und Kultur der europäischen Staaten steht dem ebenso entgegen wie die aktuellen Interessen."

Da ist dieses Buch auf traurige Art und Weise ganz modern. Es bahnt sich nämlich ein neuer Zug der Zeit an. Man hört ihn kommen, wenn man das Ohr auf die Schienen legt. Die Bundeskanzlerin ist in China zu Besuch, und die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" schreibt mit Blick auf die Finanzkrise: "Für Berlin ist das eine ungewöhnliche Erfahrung: Es findet sich in einer zentralen Frage nicht mehr an der Seite seiner Verbündeten in Europa und Amerika, sondern - Chinas!" Und die "Bild-Zeitung" findet gar: "Wir sollten von China lernen - stolz, kaltschnäuzig und zielstrebig unsere Interessen verfolgen."

Merkel hat keine Idee

So viele TV-Dokus konnte Guido Knopp offenbar gar nicht produzieren, dass die Deutschen die Lehren aus ihrer Geschichte ziehen: Denn wann immer sie meinten, ihre Interessen "kaltschnäuzig und zielstrebig" verfolgen zu müssen, hat dies ihnen in Wahrheit geschadet.

Hans-Peter Schwarz zitiert den Historiker Heinz Gollwitzer, der geschrieben hat, im 19. Jahrhundert sei Deutschland eine Großmacht ohne universell akzeptierte Idee gewesen. Anders als Frankreich oder Großbritannien. "Statt dessen ungeduldiges Drängen nach einem Platz an der Sonne und egoistische Machtpolitik. Kohls universelle, zumindest aber in weiten Teilen des Kontinents akzeptable Idee lautete: Europa."

Der große Gegensatz zu seiner Nachfolgerin kann beim Lesen nicht verborgen bleiben: Angela Merkel hat keine Idee. Und ihr Deutschland schickt sich wieder an, jenes des 19. Jahrhunderts zu werden, ungeduldig und egoistisch. Merkel hat in der Euro-Krise "das tiefe, eisige Misstrauen, das der Deutsche erregt, sobald er zur Macht kommt", ignoriert. Die Formulierung stammt von Nietzsche.

Oscar Wildes Märchen endet versöhnlich: Liebe und Verantwortung bringen dem Riesen Erlösung. Unter Kohl hat Deutschland seine Erlösung in Europa gesucht. Wo findet es sie unter Merkel?

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insgesamt 191 Beiträge
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Seite 1
toskana2 03.09.2012
1. unterhaltsam
Zitat von sysopAPVor dreißig Jahren wurde Helmut Kohl Kanzler. Jetzt ist eine umfassende Biografie des Oggersheimers erschienen. Und je besser man beim Lesen versteht, wie Kohl Deutschland geführt hat, desto größere Sorgen muss man sich über den Weg Angela Merkels machen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,853561,00.html
Das schafft nur ein Augstein: Nietzsche und Oscar Wildes zitierend unter einen Hut zu bringen und dabei sich Sorgen um Merkels und unsere Zukunft zu machen - unterhaltsam!
jan07 03.09.2012
2.
Also Herr Augstein, meit Verlaub, vom Egoismus ist Deutschland in Europa nun wirklich meilenweit entfernt. Kein Land gibt mehr Geld, bürgt mehr für andere Länder als gerade Deutschland. Nur hat Solidarität auch Grenzen. Finden Sie es zum Beispiel richtig, dass Deutschland in der EZB nur eine Stimme von 23 hat, aber gleichzeitig für fast ein Drittel aller EZB-Geschäfte bürgen muss? Nur ein Beispiel. Solidarität ist keine Einbahnstrasse, Herr Augstein!
H-Vollmilch 03.09.2012
3. Herr Augstein..
...Solidarität ist eine Strasse die in beide Richtungen befahren werden kann und soll. Derzeit ist es mehr eine Einbahnstrasse.
konvexspiegel 03.09.2012
4. Wo Deutschand seine Erlösung unter Merkel findet, fragen Sie?
Ich will es Ihnen sagen: Im Verlust aller Werte, in der irreparablen Beschädigung unserer Demokratie, und im Ruin einer einstmals austarierten Gesellschaft. Unter Merkel werden wir nämlich von allem erlöst, was uns als Gesellschaft zusammengehalten und als Nation ausgemacht hat.
el_europeo 03.09.2012
5. Und nun - Frau Merkel ?
Tja, so scheint es wohl wirklich zu sein. Herr Kohl hat seine Visionen umgesetzt, hatte Ziele und diese mit Weitblick für Gesamteuropa verfolgt. Sicherlich ist wahr, dass einige Dinge "unter den Tisch gefegt wurden" ... oder übereilt angegangen wurden. Aber ohne eine klare Vision ist kein Fortschtritt in Europa und dessen Zusammenwachsen möglich. Und nun - Frau Merkel? Ich habe den Eindruck, dass Sie versuchen mit deutscher Gündklichkeit und Strenge versuchen, Europa und den Euro zu erhalten - Aber es fehlt mir leider die Leidenschaft - wo soll es mit Europa hingehen ? Wo sollen wir in 2, 5 oder 10 Jahren sein. Ich glaube an Ihren Willen, Europa und den Euro zu verteidigen - das stellt sich gar keine Frage. Jedoch fehlt die Vision - ein Masterplan der uns europäischen Bürgern den Weg aufzeigt. Oder handelt es sich "nur" um ein Komunikationsproblem - und wir, die Bürger, verstehen Sie nicht? Nein - das glaub ich nicht - Es fehlt eine klare Vision und ein Befreiungsschlag für Europa - Springen Sie endlich über Ihren Schatten. Bitte.
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