NRW-Wahl und Politikerkarrieren: Aufstieg oder Absturz

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Hält Angela Merkels Regierung, mischt Hannelore Kraft die Kandidatendebatte in der SPD auf, was wird aus Norbert Röttgen? Selten hatte eine Landtagswahl so große Bedeutung für die Karrieren von deutschen Spitzenpolitikern wie die Abstimmung in Nordrhein-Westfalen.

Spitzenpersonal für NRW-Wahl: Karrierekick oder Karriereknick? Fotos
DPA

Berlin - Ganz oder gar nicht. Das ist die Wahl, vor die sie Norbert Röttgen jetzt stellen. Seine eigenen Parteifreunde. Sie wollen, dass er sich als Spitzenkandidat auf den Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen konzentriert, mit vollem Einsatz, ohne Wenn und Aber. Doch der Bundesumweltminister ziert sich, Berlin den Rücken zu kehren. "Ich mache keinen Wahlkampf für Eventualitäten oder für Hypothesen", drückt er sich an diesem Freitag beim Auftritt in seinem Bonner Wahlkreis um ein klares Bekenntnis herum. Röttgen hält sich alle Optionen offen. Er weiß: In Düsseldorf lockt nicht unbedingt der Ministerpräsidentenposten - es droht vor allem die harte Oppositionsbank. Und die passt gar nicht in seine Zukunftspläne.

Das überraschende Scheitern der rot-grünen Minderheitsregierung in NRW hat den ehrgeizigen CDU-Mann in eine ziemlich unangenehme Situation gebracht. Und nicht nur ihn. Zwar galt das bevölkerungsreichste Bundesland politisch schon immer als Testlabor für den Bund. Doch selten zuvor hat eine Landtagswahl eine solche Bedeutung für die Karrieren von Spitzenpolitikern in Berlin gehabt wie diese.

Die Wähler an Rhein und Ruhr entscheiden am 13. Mai nicht nur darüber, ob Hannelore Kraft die Geschicke ihres Bundeslandes weiterhin bestimmen darf und damit auch in der Bundes-SPD weiter an Gewicht gewinnt. Sie können auch Bundeskanzlerin Angela Merkel das Regieren schwermachen und ihre Machtperspektiven schmälern. Sie können FDP-Chef Philipp Rösler stürzen. Und sie können den Ambitionen Norbert Röttgens einen herben Dämpfer verpassen.

Dass sich der 46-jährige Norbert Röttgen gut vorstellen kann, irgendwann einmal ins Kanzleramt einzuziehen, ist in der Hauptstadt kein Geheimnis. Ministerpräsident in NRW zu werden, wäre da keine schlechte Zwischenstation. Röttgen hätte die Herzkammer der Sozialdemokratie für die CDU zurückerobert, der CDU-Vize würde parteiintern seine Macht steigern, ohne an die Kabinettsdisziplin gebunden zu sein. Und als Chef einer womöglich schwarz-grünen Koalition in Düsseldorf könnte er die Union für neue Bündnisse öffnen. Bündnisse, die er später auch auf Bundesebene selbst realisieren könnte - nicht 2013, aber vielleicht 2017 oder noch vier Jahre später.

Trübe Aussichten lassen Röttgen zögern

Dumm nur, dass die tatsächlichen Aussichten weitaus trüber sind. Die Umfragen sehen Rot-Grün in NRW vorn. Und eine Wahlniederlage und der Job des Oppositionsführers gelten nicht unbedingt als Sprungbrett für künftige Top-Jobs. Also doch lieber Wahlkampf mit Rückfahrticket nach Berlin? In der Union wächst der Druck. "Voll für NRW", fordert CSU-Chef Horst Seehofer offen, andere schließen sich an. Ihre Sorge: Ein Luxuskandidat, der nur wechselt, wenn es mit dem Spitzenposten klappt, verprellt die Wähler. Renate Künast lässt grüßen. Sie hielt sich den Vorsitz der Grünen-Bundestagsfraktion frei, verlor die Wahl in Berlin und kehrte zurück. An Einfluss hat sie so nicht gewonnen.

Angela Merkel weigert sich bislang, Röttgen öffentlich Ratschläge zu geben. Hinter den Kulissen aber wird sie Klarheit fordern. Denn wenn ihr Umweltminister nach Düsseldorf wechselt - ganz gleich, ob sofort oder nach der Wahl -, braucht die Kanzlerin einen guten Ersatz. Schließlich gilt es, die Energiewende voranzutreiben, eines der zentralen Projekte ihrer Regierung. Schon wird über mögliche Nachfolger spekuliert, Tanja Gönner etwa, einst Umweltministerin in Baden-Württemberg. Genannt werden auch Hermann Gröhe, derzeit CDU-Generalsekretär, oder Wirtschaftsstaatssekretär Peter Hintze. Beide sind Merkel-Vertraute und kommen aus NRW, sie brächten den Landesproporz im Kabinett nicht durcheinander.

Die Röttgen-Nachfolge aber wäre wohl Merkels kleinstes Problem. Härter träfe sie ein deutlicher rot-grüner Sieg am Rhein. SPD und Grüne nähmen den Schwung für die Bundesebene gerne mit, verlöre die CDU auch das Saarland und Schleswig-Holstein, wäre die Signalwirkung für die Koalition, die Kanzlerin und ihre persönliche Machtperspektive bei der Bundestagswahl 2013 verheerend. Umso mehr, sollte die FDP aus allen Landesparlamenten fliegen. Umgehend hätten die Liberalen eine neue Personaldebatte am Hals, FDP-Chef Philipp Rösler wäre kaum noch zu halten, weder an der Spitze seiner Partei noch als Wirtschaftsminister und Vizekanzler. Ein verlässlicher, berechenbarer Koalitionspartner sieht anders aus.

Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet Christian Lindner Rösler retten könnte. Lindner trat im Clinch mit dem Parteichef erst vor drei Monaten als Generalsekretär zurück, Gelingt ihm die "Mission Düsseldorf", würden sie den 33-Jährigen als Retter feiern. Scheitert er, wäre das Turbo-Comeback zwar gebremst, die Pleite dürfte man dem Helfer in der Not aber kaum anlasten. Zudem hat sich Lindner hat den Vorsitz des NRW-Landesverbandes zusichern lassen, er könnte weiter am Wiederaufbau mitarbeiten - Rösler wohl nicht.

Krafts Scheitern als Machtverstärker?

Eine Wahl voller Unwägbarkeiten. Die besten Chancen, aus der NRW-Neuwahl als Gewinnerin hervorzugehen, hat derzeit paradoxerweise die Ministerpräsidentin, deren Regierung gerade geplatzt ist. Glaubt man den Demoskopen, könnte sich das Scheitern für Hannelore Kraft am Ende als Machtverstärker entpuppen und aus der wackligen rot-grünen Minderheits- eine stabile Mehrheitsregierung werden.

Fährt Kraft einen satten Sieg ein, steigert das ihren Marktwert in den eigenen Reihen. Dann dürften auch die Rufe nach einer SPD-Kanzlerkandidatin lauter werden - wenn nicht für 2013, dann möglicherweise für 2017. Vorerst sieht Kraft ihren Platz "klipp und klar" in NRW. Das Bekenntnis zur Heimat stärkt ihre Glaubwürdigkeit vor dem Wahlvolk, ihr Image als unprätentiöse, authentische Lokalmatadorin ist ein Trumpf gegen den weltläufigen Röttgen, den sich in der Rolle des Landesvaters so recht niemand vorstellen kann.

Muss Kraft doch zurück auf die Oppositionsbank, wäre das der erste herbe Rückschlag in ihrer politischen Karriere. Allerdings ist sie in der Partei beliebt genug, um auch das abzupuffern. Beim letzten Bundesparteitag holte die SPD-Vize das mit Abstand beste Ergebnis. Ein zweiter Anlauf in NRW oder ein Posten in einem künftigen Bundeskabinett wären für die 50-Jährige allemal eine Option.

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insgesamt 90 Beiträge
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1. röttgens neue wahlkampfbrille ...
blitzunddonner 16.03.2012
... verändert nicht die aussicht auf die realität.
2.
alangasi 16.03.2012
Absturz!
3. macht und karrieren
zynik 16.03.2012
Zitat von sysopHält Angela Merkels Regierung, mischt Hannelore Kraft die Kandidatendebatte in der SPD auf, was wird aus Norbert Röttgen? Selten hatte eine Landtagswahl so große Bedeutung für die Karrieren von deutschen Spitzenpolitikern wie die Abstimmung in Nordrhein-Westfalen. NRW-Wahl und Politikerkarrieren: Aufstieg oder Absturz - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821734,00.html)
Blöde Frage: Gehts irgendwo auch mal um Inhalte und nicht den Machterhalt? Der Apparat Merkel inkl. der Karrieristen aus Union und FDP scheinen die ganze Republik völlig gelähmt zu haben. Aber wir haben ja sonst keine Probleme...
4.
paradigm 16.03.2012
Ich finde es bezeichnend, dass sich die Berichterstattung fast nur noch um die sogenannten "Politikerkarrieren" dreht, was die Wahl auf Bundesebene bedeutet und wie das ganze Strategisch und Taktisch gesehen wird. Als ob Wahlen und Politik ein reiner Selbstzweck wären...
5.
karl&karl 16.03.2012
Zitat von sysopHält Angela Merkels Regierung, mischt Hannelore Kraft die Kandidatendebatte in der SPD auf, was wird aus Norbert Röttgen? Selten hatte eine Landtagswahl so große Bedeutung für die Karrieren von deutschen Spitzenpolitikern wie die Abstimmung in Nordrhein-Westfalen. NRW-Wahl und Politikerkarrieren: Aufstieg oder Absturz - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821734,00.html)
Warum werden diese Superstars, die nur das Wohl des Wahlvolks im Sinn haben, nicht nach Wahlbeteiligung bezahlt?
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