Münchhausen-Check: Wie gerecht sind Einkommen und Vermögen verteilt?

Von Hauke Janssen

"Einkommens- und Vermögensverteilung driften auseinander", sagt SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück. Kanzlerin Merkel verkündet: "Die Einkommensungleichheit ist gesunken." SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Münchhausen-Check: Wer sagt die Wahrheit?

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dapd

Merkel und Steinbrück im Bundestag: Wer sagt die Wahrheit?

Am 11. November erklärt Peer Steinbrück in einem offenen Brief, weshalb die Regierung abgelöst werden muss. Er stellt die soziale Frage:

"Die gesellschaftliche Spaltung vertieft sich: Die Einkommens- und Vermögensverteilung driftet auseinander, Parallelgesellschaften verfestigen sich. Nicht nur unten, sondern auch oben: Es gibt Spitzenverdiener und Vermögende, die kein Interesse mehr an öffentlichen Leistungen haben - an sozialen Sicherungssystemen, an guten Schulen und Kitas und vielem mehr. Weil sie sich das alles privat kaufen können."

Zehn Tage später, in der großen Haushaltdebatte, nutzt die Kanzlerin die Gelegenheit, darauf zu antworten. Erst lobt sie kräftig ihre eigene Wirtschaftspolitik, dann stellt sie fest, dass "in den letzten Jahren die Einkommensungleichheit gesunken" sei.

Steinbrück wie Merkel können sich zum Zeitpunkt ihrer Äußerungen auf ein Papier gleichen Namens stützen, nämlich auf den 4. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Diese "Bestandsaufnahme der sozialen Lage in Deutschland" erscheint alle vier Jahre. Seit dem 17. September 2012 kursiert ein "vorläufiger" Bericht, über 500 Seiten stark, und seit dem 21. November, also dem Tag, als Frau Merkel ihre Haushaltsrede hält, gibt es eine abgestimmte Kabinettsvorlage. Merkel hat also einen Informationsvorsprung.

Liegt Merkel deshalb richtig? SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Faktencheck:

Dem Presse-Echo nach sind Zweifel angebracht. Die Kabinettsvorlage sei, wie Kritiker meinen, "entschärft" und "schöngefärbt". Die Regierung habe kritische Passagen zur Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung auf Wunsch des Wirtschaftsministeriums getilgt bzw. "geglättet".

In der nun entfachten Debatte um angebliche "Fälschungen" im Armutsbericht geraten einige Begriffe und Sachverhalte durcheinander. Steinbrück spricht von der Einkommens- und Vermögensverteilung. Er spricht damit von zwei verschiedenen Dingen: Einerseits von Einkommen - also einer Stromgröße, etwas, das man laufend (z. B. monatlich) in bestimmter Höhe bezieht - und andererseits Vermögen, also einer Bestandgröße, etwas, das man anhäuft (früher auf der Bank, heute unter der Matratze), ein Bestand der über die Jahre hin wächst oder abnimmt.

Auf die Frage, warum aus dem Bericht die Aussage gestrichen worden sei, die Privatvermögen in Deutschland seien sehr ungleich verteilt, antwortete die Sprecherin des Wirtschaftsministeriums am 28. November, weil die "Ungleichheit der Einkommen" einem neuen DIW-Bericht zufolge abgenommen habe. Das ist natürlich kein Argument.

Nimmt man die DIW-Studie "Einkommensentwicklung und Armutsrisiko" vom 25. Oktober 2012 zur Hand, sieht man schnell, dass dort von Vermögen - wenn überhaupt - nur am Rande die Rede ist.

Schauen wir uns den ursprünglichen, diesbezüglichen Wortlaut im Armutsbericht an:

"Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt. So verfügen die Haushalte in der unteren Hälfte der Verteilung nur über gut ein Prozent des gesamten Nettovermögens, während die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich vereinen. Der Anteil des obersten Dezils ist dabei im Zeitverlauf immer weiter angestiegen."

Verteilung des Privatvermögens in Deutschland Zur Großansicht

Verteilung des Privatvermögens in Deutschland

In der Kabinettsvorlage vom 21. November heißt es dann nur noch:

"Zur Verteilung der Privatvermögen in Deutschland liegen für den Berichtszeitraum Daten aus dem Jahr 2008 vor. Danach verfügen die Haushalte in der unteren Hälfte der Verteilung nur über gut ein Prozent des gesamten Nettovermögens, während die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich vereinen. Der Vermögensanteil des obersten Dezils ist dabei im Zeitverlauf immer weiter angestiegen."

Den sachlichen Befund, nämlich dass sich 50 Prozent der Bevölkerung zusammen ein Prozent der Besitztümer teilen, während die oberen zehn Prozent mehr als die Hälfte des "Volksvermögens" ihr Eigen nennen, kann auch die Kabinettsvorlage nicht wegreden, lediglich die Wertung "sehr ungleich verteilt" ist getilgt.

Das hat nur mit Politik - etwa der Furcht vor der von der SPD geforderten Vermögensteuer - und nichts mit neuen Erkenntnissen aus der genannten DIW-Studie zur Einkommensverteilung zu tun.

Zwischenfazit: Auch der bereinigte Armutsbericht konstatiert eine zunehmende Ungleichverteilung der Vermögen. Punkt für Steinbrück.

Wie sieht es bei den Einkommen aus? Auch hier enthält der September-Entwurf des Armutsberichts eine Passage, die Steinbrücks These einer zunehmenden Ungleichverteilung stützt:

"Während die Lohnentwicklung im oberen Bereich in Deutschland positiv steigend war, sind die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken. Die Einkommensspreizung hat damit zugenommen. … Eine solche Einkommensentwicklung verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung und kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden."

Es bleibt allerdings unklar, was hier unter Einkommen verstanden wird. Erst ein Blick in die Quelle (DIW 45/2011) macht klar: Es geht um die Entwicklung der Brutto-Monatslöhne vollzeit-beschäftigter Arbeitnehmer.

Ansonsten befasst sich der Armutsbericht aber mit der Entwicklung des bedarfsgewichteten Netto-Einkommens, egal ob in Teil- oder Vollzeit, ob arbeitslos, selbständig, ob Rentner oder Arbeitnehmer, und zwar über alle Einkunftsarten abzüglich Sozialleistungen und Steuern, einschließlich der Kapitalerträge, öffentlicher oder privater Sozialtransfers, einem fiktivem Einkommen aus selbstgenutztem Wohnraum, alles bedarfsgerecht gewichtet nach Art und Stellung im jeweiligen Haushalt. Und aus dieser Sicht stellt sich die Einkommensentwicklung anders dar.

Beide Betrachtungen haben ihre Berechtigung: Das Konzept der bedarfsgewichteten verfügbaren Einkommen ist umfassender und deshalb theoretisch befriedigender, es entspricht zudem den EU-Vorgaben. Es ist aber auch komplizierter und bietet in der Erhebungspraxis mehr Fehlermöglichkeiten. Wie auch immer: Der Satz über die zunehmende Einkommensspreizung in der Lohnentwicklung, und damit eine mögliche Stütze für Steinbrücks Argument, fiel der Glättung zum Opfer.

Der Armutsbericht misst die Ungleichheit der Einkommensverteilung anhand des sogenannten Gini-Koeffizienten, benannt nach dem italienischen Statistiker Corrado Gini (1884-1965). Bei einem Gini-Koeffizienten von 0 bezögen alle ein gleich hohes Einkommen, bei 1 fiel das gesamte Einkommen auf nur eine Person.

Wie die Grafik zeigt, nimmt die Ungleichheit bis 2005 zu und bleibt dann in etwa konstant. Es wirkt sich dabei vor allem die ab 2005 zunehmende Beschäftigung positiv aus.

Ungleichheit der Einkommensverteilung in Deutschland, 2000-2010 (Gini-Koeffizient) Zur Großansicht

Ungleichheit der Einkommensverteilung in Deutschland, 2000-2010 (Gini-Koeffizient)

In der neuen DIW-Studie messen die Forscher für den Westen Deutschlands von 2005 bis 2010 sogar eine Abnahme der Ungleichheit der Einkommen. Im Osten dagegen nimmt die Entwicklung der Ungleichheit der verfügbaren bedarfsgewichteten Haushaltseinkommen "wegen des weiteren Auseinanderklaffens der Einkommensschere am unteren Rand weiter zu".

Allerdings sollte man sich der begrenzten Aussagekraft und Exaktheit solcher, letztlich auf Befragungen beruhenden Statistiken bewusst sein, daran erinnert der Leiter des DIW, Professor Gert Wagner. Und er fährt fort: Alle verfügbaren Statistiken zeigten, dass seit der Jahrtausendwende bis 2005 die personelle Ungleichheit der Einkommen in Deutschland gestiegen sei. Aber, so Wagner, die Veränderungen seit 2005 seien "so gering, dass man nicht sicher sagen kann, ob Ungleichheit und Armutsgefährdung wachsen oder sinken".

Fazit: Steinbrück gewinnt einen Zähler bei den Vermögen: Die verfügbaren Daten zeigen eine zunehmende Ungleichheit in der Vermögensverteilung. Bei den Einkommen gibt es ein leistungsgerechtes Unentschieden. Die Regierung Merkel kassiert zudem eine Gelbe Karte wegen Foulspiels in Sachen Armutsbericht.

Urteil: Sieger nach Punkten ist Peer Steinbrück (SPD)

Mitarbeit: Regina Schlüter-Ahrens

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insgesamt 346 Beiträge
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1. Wie gerecht ...?
snigg 04.12.2012
Wie gerecht ist eigentlich die Arbeit verteilt im Vergleich zum Vermögen? Geld will jeder haben aber nur die wenigsten wollten die Arbeit machen!
2. Ja und ?
BurtCocain 04.12.2012
ist doch nichts neues,nur der Bürger fragt sich wer ändert etwas dran?Die SPD stellt sich hin als wäre sie die arme Leute Partei,aber die Zeiten sind doch lange durch,alle gut genährt und bei Laune.Der gute Peer hat allein durch die Höhe seiner Nebenverdienste pro Jahr (mehr als was ein durchschnittlicher Arbeiter in seinem ganzen Leben verdient) kaum die Glaubwürdigkeit um sich den unteren der Gesellschaft als Interessenvertreter anzubieten.
3. So, so, der Herr Steinbrück
unixv 04.12.2012
War er es doch, mit dem Genossen der Bosse, der das ganze initiiert hat! Was für ein scheinheiliger Haufen von schein Sozen! Die SPD hat doch erst die Schere in Betrieb genommen, für die Genossen noch mal eXtra aufgelistet : Zeitarbeit, Leiharbeit, Minijobs, 1€ Sklaven, Werksverträge, Rentenkürzung! SPD = Altersarmut und Arbeiten das sich nicht lohnt! es sei den man heißt Steinbrück und bekommt reichlich Kohle für wenig bla, bla! ;-)
4.
f.b. 04.12.2012
Zitat von sniggWie gerecht ist eigentlich die Arbeit verteilt im Vergleich zum Vermögen? Geld will jeder haben aber nur die wenigsten wollten die Arbeit machen!
Wieso nur eine gelbe Karte für diese Regierung ? Rot muß sie sein, die Koalition der Trickser und Täuscher gehört vom Platz gestellt.
5. Schick, Schick,
ermanerich 04.12.2012
Zitat von sysop"Einkommens- und Vermögensverteilung driften auseinander", sagt SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück. Kanzlerin Merkel verkündet: "Die Einkommensungleichheit ist gesunken." SPIEGEL ONLINE und die Dokumentationsjournalisten des SPIEGEL machen den Münchhausen-Check: Wer sagt die Wahrheit? Was Steinbrück und Merkel über die Einkommensverteilung sagen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/was-steinbrueck-und-merkel-ueber-die-einkommensverteilung-sagen-a-870592.html)
nur vergisst man, dass es ein Genosse der Bosse war der erst dafür sorgte, dass Arbeit in diesem Lande immer weniger wert ist - und sich der Staat als munterer Subventionsgeber für offenbar unfähige Arbeitgeber darstellt. Das immer weiter zunehmende Aufstocken beweist letztlich nur, dass die Arbeitgeber sich den Lohn indirekt vom Staat zahlen lassen. Und dafür ist die SPD verantwortlich - nicht die CDU. Fazit - egal welchen von beiden man wählt - das traurige Ergebnis bleibt dasselbe.
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Zum Autor
Hauke Janssen (Jahrgang 1958) leitet seit 1998 die Abteilung für Dokumentation beim SPIEGEL. Er ist Sachbuchautor, insbesondere veröffentlichte er Werke zum Themenkomplex der Volkswirtschaft im Deutschland der dreißiger Jahre.



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