Wasserhövel-Berufung Müntefering entmachtet SPD-Generalsekretär

Der SPD bleiben weitere Personalwechsel erspart, hatte Franz Müntefering versprochen - doch nun beruft der designierte Parteichef seinen Intimus Kajo Wasserhövel zum Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfchef. Ein klares Misstrauensvotum gegen Generalsekretär Hubertus Heil.


Berlin - Als am Sonntag bei der SPD-Klausur am Schwielowsee sich die Nachricht von Münteferings Rückkehr unter den wartenden Journalisten verbreitete, war als eine der ersten Reaktionen zu vernehmen: "Dann kommt ja auch Wasserhövel wieder."

Was da noch im Scherz gesprochen war, ist nun amtlich.

Müntefering, Steinmeier, Heil: Nein zum selbsternannten Wahlkampfchef
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Müntefering, Steinmeier, Heil: Nein zum selbsternannten Wahlkampfchef

Kajo Wasserhövel, bisher Staatssekretär im Arbeitsministerium, wird neuer Bundesgeschäftsführer der SPD. Das teilte Generalsekretär Hubertus Heil am Dienstag mit. Den Posten hatte der Münsterländer schon einmal inne - von 2004 bis 2005, als Müntefering zum ersten Mal Parteichef war.

Der 46-Jährige löst Martin Gorholt ab, der bereits seit längerem intern als "unfähig" bezeichnet wird. Gorholt war mit dem Kurzzeitvorsitzenden Matthias Platzeck aus Potsdam gekommen und von dessen Nachfolger Kurt Beck nicht ausgetauscht worden. Gorholt war neben Heil einer der Hauptgründe dafür, warum die Mitarbeiter der Parteizentrale mit Sorge auf den anstehenden Wahlkampf blickten.

Wasserhövel: Bekennender Online-Fan und Parteistratege
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Wasserhövel: Bekennender Online-Fan und Parteistratege

Generalsekretär Heil darf bleiben - wird aber entmachtet. Er hatte sich im Juni als Wahlkampfleiter ausgerufen, was in der Partei umgehend kritisiert wurde, weil er noch nie einen Wahlkampf organisiert hat. Den Job des Wahlkampfleiters übernimmt nun Wasserhövel.

Der Müntefering-Vertraute genießt einen legendären Ruf im Willy-Brandt-Haus. Von einigen Mitarbeitern wird er regelrecht verehrt - ähnlich wie Müntefering. Er hat alle drei Schröder-Wahlkämpfe organisiert und trägt den Titel "Kampagnenmanager des Jahres 2005" - für die furiose Show, die Schröder fast noch ein drittes Mal ins Kanzleramt gebracht hätte.

Dreiecksbeziehung Wasserhövel, Nahles, Heil

Mit Wasserhövels Rückkehr wird die SPD-Geschichte nun endgültig drei Jahre zurückgedreht. Denn Wasserhövel war der Grund, warum Müntefering im November 2005 den Parteivorsitz hinwarf. Müntefering wollte seinen Vertrauten damals zum Generalsekretär machen, der Parteivorstand verweigerte ihm jedoch die Zustimmung und wählte stattdessen Andrea Nahles. Das Votum für Nahles kam zustande, weil Heil die entscheidenden Stimmen des "Netzwerks" besorgte.

Müntefering trat zurück, Nahles verzichtete, und Generalsekretär wurde Heil. Seitdem gilt das Verhältnis zwischen Müntefering und Heil als angespannt. Darum wurde in den vergangenen Tagen auch darüber spekuliert, ob Müntefering vielleicht Heil als Generalsekretär entlässt. Das Recht dazu hätte er, doch offensichtlich will er nicht noch mehr Unruhe in die Partei tragen. Es werde keine personellen Veränderungen an der Parteispitze geben, verkündete Müntefering in seiner ersten Pressekonferenz als designierter Parteichef am Montag.

Doch dürfte Heil über die neue Personalie nicht allzu glücklich sein. Mit Wasserhövel bekommt er einen Mann an die Seite gestellt, der das blinde Vertrauen des Parteichefs genießt und sich dem formal höhergestellten Generalsekretär kaum unterordnen wird.

Wasserhövel war 1995 als Redenschreiber in Münteferings Dienste getreten und in den folgenden Jahren zu seinem Schatten geworden. So eng sind die beiden, dass böse Zungen irgendwann die Geschichte erfunden haben, Wasserhövel habe seinen Sohn nach Müntefering benannt. Der Sohn heißt tatsächlich Franz, wurde aber bereits 1990 geboren.

Wo immer Müntefering hinging, Wasserhövel folgte. Arbeitsministerium NRW, Bundestagsfraktion, Willy-Brandt-Haus, Bundesarbeitsministerium. Nach Münteferings Rücktritt als Arbeitsminister im November 2007 war Wasserhövel von dessen Nachfolger Olaf Scholz übernommen worden - und seitdem im Exil.

Das Vizekanzleramt wanderte ins Auswärtige Amt zu Frank-Walter Steinmeier, und Wasserhövel war nur noch gewöhnlicher Staatssekretär in einem gewöhnlichen Ministerium. Er war in einer ähnlichen Lage wie Müntefering in seinem Bonner Haus: Ohnmächtig musste er mit ansehen, wie die SPD immer tiefer in die Krise rutschte. In der Beck-SPD war seine Mitwirkung im Wahlkampf nicht erwünscht. Generalsekretär Heil hatte klargemacht, dass er Wahlkampfleiter sein werde. Zuletzt hatte Wasserhövel sich um einen eigenen Bundestagswahlkreis bemüht, aber war noch nicht fündig geworden.

Müntefering holt den kaltgestellten Strategen nun wieder ins Zentrum der Macht. Jetzt muss Wasserhövel zeigen, dass er auch ohne Schröder Wahlkampf machen kann.

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