Wasserwerfer-Opfer Ein Video und viele neue Fragen

Er wurde zum Sinnbild für die Gewalteskalation bei der Stuttgart-21-Demo: Der Strahl eines Wasserwerfers verletzte den Rentner Dietrich Wagner aufs Schwerste an den Augen. Nun ist ein Video aufgetaucht, das ihn beim Wurf mit kleinen Gegenständen zeigt.

REUTERS

Stuttgart/Berlin - Wer hat die Gewalteskalation bei den Protesten gegen Stuttgart 21 am vergangenen Donnerstag ausgelöst? Mit Bildern und Videos versuchen Polizei und Demonstranten, jeweils der anderen Seite die Verantwortung zuzuweisen. Diese Schlacht um die Wahrheit wird nun auch um den Rentner Dietrich Wagner geführt.

Er wurde zum Sinnbild für das harte Vorgehen der Polizei. Wagner wurde am 30. September im Stuttgarter Schlosspark vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Auf Bildern sind seine deutlich sichtbar schwerverletzten Augen zu sehen, das Blut läuft ihm übers Gesicht.

Nun ist ein Video aufgetaucht, das den 66-Jährigen frontal bei einem Wurf mehrerer kleiner Gegenstände zeigt. Der Sender Sat.1 präsentierte es in seinen Nachrichten am Mittwochabend. Dem Sender zufolge handelt es sich um Aufnahmen der Polizei. Mit was genau der Mann wirft, ist nicht zu erkennen, ebenso wenig ein mögliches Ziel.

Der verletzte Wagner hatte dem Magazin "Stern" gesagt, er habe versucht, Jugendlichen zu helfen, die vom Strahl des Wasserwerfers weggefegt worden waren. Deshalb habe er die Arme hochgerissen und den Polizisten gewunken, um ihnen zu bedeuten, sie sollten aufhören, berichtete der Ingenieur im Ruhestand. Dann habe ihn selbst der Wasserstrahl mit solcher Wucht direkt ins Gesicht getroffen, dass er ohnmächtig geworden sei. "Es fühlte sich an wie der Schlag von einem Riesenboxer", zitierte ihn das Magazin.

Bereits am Dienstag hatte die Polizei den Vorwurf zurückgewiesen, sie sei verantwortlich für die Eskalation der Demonstration im Schlossgarten. Die Aggression sei von den Demonstranten ausgegangen, hieß es. Auch der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech hatte den Einsatz gegen die Stuttgart-21-Demonstranten als "erforderlich, rechtmäßig und verhältnismäßig" verteidigt.

Laut "Stern" ist unklar, ob Wagner je wieder wird sehen können. Derzeit ist er erblindet. Der behandelnde Arzt diagnostizierte bei dem 66-Jährigen "schwerste Augenverletzungen". Am schlimmsten seien die "beidseitig schweren Prellungsverletzungen", sagte Egon Georg Weidle, Chefarzt am Stuttgarter Katharinenhospital. Die Lider seien zerrissen, der Augenboden eines Auges gebrochen, die Netzhaut vermutlich eingerissen. Die Linsen sind zerstört, sie müssen durch Kunstlinsen ersetzt werden.

Wagner hat Strafanzeige gegen den baden-württembergischen Innenminister Heribert Rech wegen Körperverletzung gestellt. Er verstehe nicht, "wie man gegen die Stuttgarter Bevölkerung ein solches Inferno anrichten kann", sagte er.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus will nun den CDU-Politiker Heiner Geißler als Schlichter im Streit um das Bahnprojekt ins Boot holen.

mmq

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insgesamt 879 Beiträge
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Seite 1
johndoe2 07.10.2010
1. Er hat mit Sandkastenförmchen geworfen....
Das ist wirklich erbärmlich, wie krampfhaft die herrschende Front nach Argumenten der Ursachenforschung ringt.
johan83 07.10.2010
2. tt
wer an einem nicht genehmigten teil der demo mitwirkt, mehrfachen aufforderungen der polizei nicht nachkommt und das androhen von diversen maßnahmen ignoriert und zusätzlich - wie dieser herr hier - gewalt ausübt, muss sich über dieses ende eigentlich nicht wundern. die verletzungen im gesicht hätten natürlich wirklich vermieden werden können und müssen, aber ob die polizisten absichtlich in augenhöhe gezielt haben oder ob dieser heroisch linke revoluzzer einfach unglücklich in den strahl geraten ist wird sich schwer klären lassen. im übrigen verstehe ich die empörung über den ebschuss von kindern und alten nicht. wer an einer demi mitwirkt und oben genannten verhalten an den tag legt, musss sich über konsequenzen nicht wundern. selbst kinder sind in der lage, aufforderungen zu verstehen, dazu kommt - wo war die verantwortung der eltern, der schule? s21 ist in der tat ein projekt, über dass man streiten kann - aber mittlerweile nerven die s21-gegner und demos nurnoch. die meisten, die auf diese demo gehen, tun es doch ohnehin nur, um "etwas zu erleben", teilzuhaben an etwas aufregendem, sensationsgier und um etwas radau zu machen. hauptsache nachher sagen können : sehr, ich setze mich politisch ein. aber wehe der staat schlägt mal zurück, dann ist das gejammere groß.
topomoos, 07.10.2010
3. Recht auf Verzweiflung
Da wirft möglicherweise eine wütender, verzweifelter Mann mit 3 Kastanien gegen schwer gepanzerte SEK-Einsatztruppen und das ist dann die Rechtfertigung jemanden mit Wasserwerfern zu traktieren und ihm das Augenlich zu nehmen? Die Verhätnismäßigkeit der Mittel ist ein eherner Rechtsgrundsatz! Hier wurde aber regelrecht mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Ich war vergangenen Donnerstag im Schlossgarten und habe selbst erlebt, wie breits simple Sprechchöre à la "Aufhören, Aufhören" dazu geführt haben, dass die Polizei die Wasserwerferkanonen aktiviert hat. Da waren nicht einmal Wattebäuschchen im Spiel.
teenriot 07.10.2010
4. Und was ändert das?
Wenn er tatsächlich was geworfen hat ändert das nichts an der Unverhältnissmässigkeit der Zwangsmassnahmen. Leben wir in einem Staat in dem jemand an Ort und Stelle gerichtet wird durch Blendung mittels Wasserkanone? Iranische Verhältnisse? Sogar dort gibt es noch Scheinprozesse.
poetdale 07.10.2010
5. Huhuhu
Der alte Mann wirft ungelenk mit Kastanien. Eine böse Provokation, die als mildestes Mittel den Wasserwerfereinsatz rechtfertigt. Eigentlich liegen hier alle Rechtfertigungsmerkmale für den finalen Rettungsschuss vor. Ich hoffe das künftig kein Zwölfjähriger das Jagdgewehr aus dem unverschlossenen Waffenschrank des Vaters entwendet und dann beim herbstlichen Kastanienwerfen mit Freunden einem Kameraden die Knie wegschießt. Was jetzt schon alles zur Rechtfertigung eines überzogenen Einsatzes herhalten muss.
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