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Wege aus der Wirtschaftkrise: "Wir brauchen Preußen!"

Politik ohne Herz - und eine Kanzlerin, die die Krise nur verwaltet, statt ihr einen Sinn zu geben: Im SPIEGEL ONLINE-Interview spricht der Politologe Herfried Münkler über die Lässigkeit der Deutschen in der Wirtschaftskrise, die Sehnsucht nach Mythen und den Neid auf Barack Obama.

SPIEGEL ONLINE: Herr Münkler, laut den neuesten Zahlen zum Konsumklima sind die Bürger bester Laune, sie kaufen ein, als ginge sie die Krise nichts an. Sind die Deutschen besser für schwere Zeiten gerüstet, als alle dachten?

Herfried Münkler: Sie haben recht, unsere Landsleute reagieren auf die größte Wirtschaftskrise seit Bestehen der Bundesrepublik mit einer mürrischen Gelassenheit, wie man sie eigentlich eher den Briten zuschreibt. Diese Haltung ist den Deutschen allerdings gar nicht so fremd, auch wenn das viele denken. Sie ist vielmehr, wenn man einen Blick auf frühere Jahrhunderte wirft, eher typisch für dieses Volk.

SPIEGEL ONLINE: In vergangenen Jahrhunderten haben sich die Deutschen im Kaiser Barbarossa wiedererkannt, der im Kyffhäuser schläft und wartet, bis seine Zeit gekommen ist.

Münkler: Gelassenheit kann in schweren Zeiten genau das Richtige sein, solange man dann nicht alle guten Gelegenheiten verpennt und vertrödelt. Leider weiß man vorher nicht immer so genau, wann handeln besser ist als stillhalten.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Bundeskanzlerin hatte zu Beginn der Krise etwas von Barbarossa an sich.

Münkler: Sie verhielt sich abwartend, beinah attentistisch, Finanzminister Peer Steinbrück übrigens ebenso. Die beiden haben einfach die globale Dimension der Krise unterschätzt und gedacht, der westeuropäische Wirtschaftsraum könne sich von den USA unabhängig machen. Im Moment allerdings mag es durchaus richtig sein, erst einmal die Effekte der Konjunkturpakete abzuwarten, bevor man gleich wieder ein neues auflegt.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind also ganz zufrieden mit der Arbeit der Bundesregierung?

Münkler: Mich stört, wie sie ihre Arbeit vermittelt. Dauernd heißt es, irgendetwas sei "alternativlos". Das ist mir zu technokratisch, und außerdem glaube ich es auch nicht. Merkel verwaltet die Krise lediglich, anstatt ihr einen Sinn und dem Land eine Perspektive zu geben. Wenn uns der Konsum nicht mehr antreiben kann, brauchen wir neue Ziele, die ergeben sich aber nicht einfach von selber.

SPIEGEL ONLINE: Sollten wir nicht im Gegenteil froh sein, dass Merkel und Steinmeier uns jetzt nicht auch noch mit großen Reden malträtieren, sondern dafür sorgen, dass das Gemeinwesen läuft, dass die Polizei weiterhin kommt, wenn wir sie rufen, und die Straßen sauber sind?

Münkler: In Zeiten der Normalität reicht das durchaus, aber gerade in Krisen bedarf es mehr. Wie wollen Sie sonst Menschen im Wahlkampf für sich begeistern? Firma pleite, Arbeitsplatz weg, Mallorca-Urlaub gestrichen, die bleiben doch einfach zu Hause.

SPIEGEL ONLINE: Nur, weil es dem politischen Personal derzeit an Charisma fehlt?

Münkler: Wir haben weder Mythen noch Mythenerzähler, das ist bedrohlich in einer Zeit wie dieser. Eine Politik, die ohne Emotionen daher kommt, die Herzen der Menschen nicht erreicht, kann auf Dauer nicht funktionieren. Genau besehen ist auch der demokratische Bestellungsprozess, nämlich der Wahlkampf, ohne Parteimythen und den Appell an emotionalisierende Großerzählungen, die einen zur Wahlurne treiben, nicht denkbar.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben gerade ein Buch vorgelegt, in dem Sie die Bedeutung von Mythen für das Selbstbewusstsein von Nationen beschreiben. Aber wie sollen Mythen bei der Krisenbewältigung helfen können?

Münkler: Heldengeschichten rufen alte Erfolge ins Gedächtnis, sie zeigen, welche Krisen man schon gemeistert hat. Mythen schaffen Zutrauen, zu sich selbst und in die eigene Leistungsfähigkeit. Welche Kraft ein Nationalmythos entfalten kann, lässt sich gut in den Vereinigten Staaten beobachten, wo Präsident Barack Obama nicht müde wird, die Amerikaner an ihre Gründerväter zu erinnern, die unter widrigsten Umständen das Land besiedelten.

SPIEGEL ONLINE: Und an welchen Heldengeschichten können wir Deutsche uns aufrichten?

Münkler: Die großen Erzählungen der Vergangenheit wie die der Nibelungen taugen für heute nicht mehr. Sie sind zu kriegerisch, und damit im Ernst nicht mehr anschlussfähig. Im Nachkriegsdeutschland gibt es natürlich die auch von Politikern und Intellektuellen weitergetragene Erzählung vom Wirtschaftswunder - der Kern dieser Vorstellung ist, dass sich über bestimmte ordnungspolitische Entscheidungen die Leistungsbereitschaft der Menschen entfesseln lässt. Aber dieser Mythos begeistert nur, wenn ein Aufschwung in Sichtweite ist. Davon kann man zurzeit nicht sprechen.

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