Beschwerde-Rekord Bundeswehrreform frustriert Soldaten

So viele Beschwerden wie nie zuvor hat der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus 2013 registriert. Die hohe Unzufriedenheit in der Truppe führt er auch auf die Bundeswehrreform zurück: "Viele fühlen sich von ihrem Dienstherrn alleingelassen."

Bundeswehrsoldaten in Amberg (Archivbild): "Wir haben keine echte Besserung"
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Bundeswehrsoldaten in Amberg (Archivbild): "Wir haben keine echte Besserung"


Berlin - Die Unzufriedenheit unter deutschen Soldaten wächst, zumindest gemessen an der Zahl ihrer Eingaben beim Wehrbeauftragten. Bis zum 23. Dezember registrierte Hellmut Königshaus 5061 Beschwerden und damit 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Gemessen an der Zahl der Soldaten ist das der höchste Stand seit Beginn der Erfassung 1959.

Königshaus führte die Unzufriedenheit unter anderem auf die Bundeswehrreform zurück. Die sehr ehrgeizige Planung und das hohe Tempo bei Grundsatzentscheidungen hätten dazu geführt, dass die individuellen Bedürfnisse der Soldaten zu wenig berücksichtigt worden seien. "Die Soldaten fragen sich: Was ist eigentlich die positive Veränderung gegenüber dem vorhergehenden Zustand?", sagte der Wehrbeauftragte des Bundestags der Deutschen Presse-Agentur. "Es geht auch nicht nur um Kommunikationsmängel. Es sind die Inhalte selbst, die zumeist Anlass der Verärgerung sind."

Als weiteren Grund für den Frust in der Truppe nannte Königshaus die häufigen Versetzungen. Inzwischen gebe es bei der Bundeswehr weit mehr als 50 Prozent Pendler. "Viele fühlen sich von ihrem Dienstherrn alleingelassen. Die Anlässe für Versetzungen müssen reduziert werden", forderte Königshaus.

Viele Beschwerden betreffen auch Verzögerungen bei Beihilfezahlungen für Arztrechnungen durch personelle Umstrukturierungen im Zuge der Reform. "Die Situation ist besonders schwierig, weil die Patienten in Vorleistung gehen müssen, teilweise Überziehungskredite in Anspruch nehmen müssen", sagte Königshaus.

Der Wehrbeauftragte hatte bereits in seinen letzten beiden Jahresberichten auf die Unzufriedenheit über die Reform hingewiesen "Wir haben keine echte Besserung, was dieses Thema angeht", sagte er. "Eine Beruhigung hat sich dadurch ergeben, dass eine gewisse Gewöhnung an die Situation eingetreten ist, aber das Grundproblem bleibt ja bestehen."

Der Wehrbeauftragte gilt als Anwalt der Soldaten. Seine Aufgabe ist es, Beschwerden von Soldaten zu prüfen und auf Missstände bei der Bundeswehr auch öffentlich hinzuweisen. Einmal im Jahr veröffentlicht er einen umfassenden Bericht über seine Arbeit.

Kernpunkte der Bundeswehrreform sind die Aussetzung der Wehrpflicht, die Verkleinerung der Truppe von 250.000 auf 185.000 Soldaten und die Schließung von 32 Bundeswehrstandorten. Rund 90 weitere Standorte werden teils drastisch verkleinert. Im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD darauf verständigt, dass es keine "Reform der Reform", aber gegebenenfalls Nachbesserungen geben werde.

Der Chef des Bundeswehrverbands, André Wüstner, mahnte bereits, angesichts zahlreicher Probleme gelte für die neue Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nicht die übliche Schonfrist. "Sie wird sich sicherlich schnell einarbeiten und durchsetzen", sagte Wüstner. "Aber eigentlich hat sie keine 100 Tage, weil eben so viele Herausforderungen vor der Tür stehen: Afghanistan, die Neuausrichtung selbst und vieles mehr."

dab/dpa

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Indigo76 29.12.2013
1.
Zitat von sysopDPASo viele Beschwerden wie nie zuvor hat der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus 2013 registriert. Die hohe Unzufriedenheit in der Truppe führt er auch auf die Bundewehrreform zurück: "Viele fühlen sich von ihrem Dienstherrn alleingelassen." http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wehrbeauftragter-verzeichnet-beschwerderekord-bei-soldaten-a-941137.html
Da zitiere ich doch mal ein Asterix-Comic: "Je besser die Armee, desto schlechter das Essen - das hält die Krieger bei schlechter Laune." Mit anderen Worten ist also nur ein schlecht gelaunter Soldat ein guter Soldat. Es ist doch schön zu hören, dass die Bundeswehr immer besser wird :-)
Franke aus Hamburg 29.12.2013
2. Tja, die Reform...
... bezieht sich nach dem Verständnis der allermeisten Bürger nur auf die Soldaten. Die Bundeswehr ist aber mehr, als nur die Zahl ihrer Soldaten. Tausende von Beamten und Verwaltungsangestellten arbeiten ebenfalls in der Bundeswehr. Von den Problemen, die das Personal der Wehrverwaltung betreffen, liest man so gut wie gar nichts. Über 5.000 Beschwerden. Das liegt zum einen daran, dass es noch vor 15 Jahren ein "Highlight" war, wenn sich mal ein Soldat an den Wehrbeauftragten wandte. Nach dem immer mehr Soldaten hoffen, durch eine Eingabe ihre eigene, persönliche Situation zu verbessern (ich will nicht versetzt werden, denn meine Freundin wohnt doch hier) nehmen die Beschwerden zu. Der Hauptbeschwerdegrund soll aber in der mangelnden Bearbeitung von Beihilfeanträgen liegen. Dies ist auch richtig! Ein Teil der Bundeswehrreform, nämlich der Teil der Reform der Wehrverwaltung sieht vor, dass die Beihilfebearbeitung nicht mehr durch Bedienstete des BMVg, sondern durch Bedienstete dem BMI abzuwickeln sind. Zentralisierung ist das Schlagwort. Nun verteilt sich die Arbeit auf wenige Schultern mit der Folge, dass alles eben etwas länger dauert. Schade ist, dass die Reformer nur auf die Soldaten und nicht auch auf die Wehrverwaltung geguckt haben. Das haben sie nun davon!
j.f. Sebastian 29.12.2013
3.
Zitat von sysopDPASo viele Beschwerden wie nie zuvor hat der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus 2013 registriert. Die hohe Unzufriedenheit in der Truppe führt er auch auf die Bundewehrreform zurück: "Viele fühlen sich von ihrem Dienstherrn alleingelassen." http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wehrbeauftragter-verzeichnet-beschwerderekord-bei-soldaten-a-941137.html
Das hat System, genauso wie die systematische Austrocknung der Polizei. Das alles führt zu massiven Einschnitten in der jeweiligen Aufgabenbewältigung in Zeiten in denen die Anforderungen an beide Organe massiv gestiegen sind und weiter steigen werden. Das widerspricht jeder Logik und kann daher nur mit bösartiger Wilkür diverser politischer Kräfte in diesem Land erklärt werden.
fredadrett 29.12.2013
4. Was meinen denn die Herr Soldaten wie es im wahren Leben aussieht?
Das ist auch kein Zuckerschlecken. Budgetkürzungen, Rationalisierung, Einsatzortwechsel und schwieriges Arbeitsumfeld sind allgegenwärtig. Mit jeden neuen Artikel den liest macht sich mehr Skepsis gegenüber der Truppe breit. Man gewinnt das Gefühl eines völlig verweichlichten Haufens dem der goldene Löffel weggenommen wurde.
CONTRAST 29.12.2013
5. Bundeswehrreform "quo vadis"?
Zitat von sysopDPASo viele Beschwerden wie nie zuvor hat der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus 2013 registriert. Die hohe Unzufriedenheit in der Truppe führt er auch auf die Bundewehrreform zurück: "Viele fühlen sich von ihrem Dienstherrn alleingelassen." http://www.spiegel.de/politik/deutschland/wehrbeauftragter-verzeichnet-beschwerderekord-bei-soldaten-a-941137.html
Wen wundert noch der Zustand bei der Bundeswehr? Es ist alles nur noch Mittelmass. Ein unfähiger Minister wurde abgelöst, ein Greenhorn wurde der Nachfolger. So geht es nicht, wenn der Sachverstand fehlt und politische Besserwisser eine sogenannte Bundeswehrreform ohne Geld auf den Weg bringen wollen. Die Bundeswehr-Soldaten müssen im Ausland abgezogen werden, dann sollte eine Berufs-Armee aufgebaut werden. V.d.Leyen muss zurücktreten, denn Merkel hat sie nicht freiwillig mit diesem Amt betraut. Somit ist von Anfang an das Projekt Bundeswehr und v.d.L. zum Scheitern verurteilt gewesen.
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