Wehrbericht Guttenbergs Problemtruppe

Alkoholexzesse, Waffenspielereien, Offiziersversagen: Immer weitere peinliche Enthüllungen bringen die Bundeswehr in die Bredouille. Verteidigungsminister Guttenberg steht vor einer Bewährungsprobe - kann er die Truppe reformieren?

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Berlin - Plötzlich hatte die Bundeswehr so etwas wie Glamour. Den Guttenberg-Glamour. Da stapft kein dröger Verteidigungsminister mehr durch afghanischen Staub. Sondern ein Mann, der selbst am Hindukusch für coole Bilder sorgt. Der irgendwie lässig wirkt, schneidig und entschlossen. Mit verspiegelter Sonnenbrille. Ein neues Image für die alte Armee.

Doch jetzt fragt sich das Land: Was ist eigentlich los mit dieser Bundeswehr? Da werden Alkoholexzesse an Bord des einstigen Vorzeigeschiffs "Gorch Fock" enthüllt; in Afghanistan gibt es Hinweise auf weitverbreitete Waffenspiele unter deutschen Soldaten.

Es zeigt sich: Nichts ist gut bei der Truppe. Minister Guttenberg droht die Entzauberung.

Am Dienstagmittag präsentiert Hellmut Königshaus, der Wehrbeauftragte des Bundestags, seinen Jahresbericht, seinen ersten im Amt. Auf 72 Seiten hat der FDP-Mann bemerkenswerte Vorfälle und Fehlentwicklungen in der Truppe zusammengetragen. Vor allem über Defizite in der inneren Führung hat es Klagen gegeben - wieder einmal.

Bei der Vorstellung bemüht sich Königshaus, kein zu düsteres Bild vom Innenleben der Truppe zu zeichnen. Er versteht sich schließlich als Anwalt der Soldaten. Nein, grundsätzliche Verrohungstendenzen oder gar ein System will er nicht erkennen - der Wehrbeauftragte spricht von unappetitlichen "Einzelfällen". Natürlich, eine Dunkelziffer schließt auch er nicht aus. "Es kann aber keine Rede davon sein, dass die Prinzipien innerer Führung grundsätzlich in Gefahr sind."

Zunächst keine "Auffälligkeiten" auf dem Schulschiff

Es stellt sich allerdings die Frage, wie genau das Bild ist, das der Bericht des Wehrbeauftragten zeichnet, wenn zum Beispiel die "Gorch Fock" mit keinem Wort darin erwähnt wird. Natürlich kann Königshaus darauf verweisen, dass es im vergangenen Jahr zunächst keine "Auffälligkeiten" auf dem Schiff gab. Oder dass er bei einem Besuch vor Ort einen "guten Eindruck" hatte.

Aber nun werden immer mehr abstoßende Berichte über das bizarre Treiben an Bord bekannt - offenbar nur, weil im November eine junge Offiziersanwärterin auf dem Schiff zu Tode kam und es anschließend Spannungen gab?

Da berichten Soldaten dem Wehrbeauftragten in Anhörungen Anfang des Jahres von Alkoholexzessen an Bord des Schiffs. Ein Offiziersanwärter musste das Erbrochene der Offiziere von Deck schrubben, ein Besatzungsmitglied soll den Kadetten im Rausch sogar mit dem Tod gedroht haben. Der mittlerweile abgesetzte Kommandant Norbert Schatz sei besonders häufig in Badehose gesehen worden, heißt es in einem Bericht, der SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Rituale und Mutproben

Was im aktuellen Wehrbericht ebenfalls fehlt: die neusten Erkenntnisse über den Tod eines jungen Soldaten in Afghanistan. Was noch als Unfall beim Waffenreinigen dargestellt wird, war offenbar das Ergebnis von Waffenspielen, bei denen sich ein tödlicher Schuss gelöst hat. Weit verbreitet soll dieses gefährliche Posing mit Pistolen und Gewehren angeblich sein, erzählen Kameraden nun.

Genau wie eine Reihe skandalöser Rituale, von denen es in der Armee wimmelt, von Mutproben, Trinkspielen, Nötigungen. So berichten es Beteiligte und Gequälte. Da gibt es den "Fuxtest", bei dem Alkohol getrunken und dazu etwa rohe Schweineleber gegessen werden muss - bis zum Erbrechen. Beim "Rotarsch-Ritual" wird der Soldaten-Hintern mit der Borstenscheibe einer elektrisch betriebenen Bohnermaschine bearbeitet. Oder das "Anpimmeln": Ein Soldat schlägt einem Kameraden das entblößte Glied gegen Körper und Gesicht.

Die Berichte versprechen nichts Gutes, wenn der Verteidigungsminister jetzt die ganze Truppe durchleuchten will, um der oftmals immer noch geheimen Welt der Bundeswehr nachzuspüren. So könnten auch aus anderen Truppenteilen noch unangenehme Wahrheiten ans Licht kommen.

Ist es womöglich viel schlimmer um die Bundeswehr bestellt, als man bisher geglaubt hat? Schweigen viele Soldaten lieber, weil sie Repressalien fürchten?

Karl-Theodor zu Guttenberg wird viel zu tun haben, wenn er es ernst meint. Daran wird er gemessen werden.

Der Bericht des Wehrbeauftragten liefert da nur einen Vorgeschmack. SPIEGEL ONLINE gibt einen Überblick über die wesentlichen Ergebnisse.

insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
tlogor 25.01.2011
1. Bundeswehr
Dass die Bundeswehr kein Hort guter Sitten ist, weiss man doch schon lange. Auch wenn ich gar kein Freund von Guttenberg bin, ist es doch ganz klar, dass man dafür Guttenberg nun wirklich nicht verantwortlich machen kann.
Jemand03 25.01.2011
2. Chance
Das ist im Grunde DIE Chance für Guttenberg seinen Zweiflern (zu denen ich durchaus gehöre) zu beweisen, dass er auch noch andere Dinge kann, als für Boulevardblätter den Politdressman zu geben. Also los, ich bin gespannt.
tschort 25.01.2011
3. Es ist nicht "Guttenbergs Problemtruppe"
Karl Theodor zu Guttenberg ist nur seit dem 28. Oktober 2009 Verteidigungsminister. Es kann nicht wahr sein, dass Spiegel Online ihm implizit die ganze Schuld an den Pannen der Bundeswehr in die Schuhe schiebt. Es liegt auf der Hand dass die Zustände in unserer Bundeswehr auf eine langjährige Entwicklung zurückzuführen sind. Anstatt einer Hetzjagd gegen den Minister zu führen, erwarte ich eine sachliche Berichterstattung.
dolomiti51 25.01.2011
4. Lächerlich
Sicherlich enthält der Bericht des Wehrbeauftragten wieder einige Fälle, die nicht akzeptabel sind, wo aber die Verantwortlichen auch zur Rechenschaft gezogen wurden. Gleiches wird geschehen, wenn sich die Berichte über die Geschehnisse auf der Gorch Fock bewahrheiten. Die Treibjagd, die derzeit veranstaltet wird und bei der selbst Fälle auftauchen, die 20 Jahre zurückliegen, ist allerdings absolut lächerlich. Hier will die Opposition nur dem Verteidigungsminister an die Karre fahren und das leider auf dem Rücken der vielen Soldaten, die für diese Politiker, auch die der Opposition, den Kopf hinhalten. Es ist schade, dass sich auch seriöse Zeitungen oder auch spiegel online an dieser Schlammschlacht gegen die Soldaten beteiligen. Das haben diese nicht verdient.
Willie, 25.01.2011
5. -
Zitat von sysopAlkohol-Exzesse, Waffenspielereien, Offiziersversagen: Immer weitere peinliche Enthüllungen bringen die Bundeswehr in die Bredouille. Verteidigungsminister Guttenberg steht vor einer Bewährungsprobe - kann er die Truppe reformieren? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,741464,00.html
Es ist nicht Guttenberg's Problemtruppe -der hat sie vor einem Jahr die Fuehrung uebernommen, im Zustand wie sie da war- sondern sie ist Deutschland's Problemtruppe. Sie gehoert Deutschland zu 100%. Einschliesslich aller Angehoerigen, Fuehrungsmassgaben, Gesetzen, Personalvoraussetzungen und Haushaltsmittel.
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