Weihnachten Wie das Christkind Buddha besiegte

Die Flucht der Mittelschichten aus den Kirchenschiffen in fernöstlich inspirierte Fastenseminare oder schamanische Heilserfahrungen geht ihrem Ende entgegen. Steht das Christentum im postmaterialistischen Westen vor seinem Comeback?

Von Franz Walter


Göttingen - Das Jahr 2005 neigt sich dem Ende zu. Weihnachten steht vor der Tür. Besinnung ist gefragt, nachdenkliche Rückblicke und gute Vorsätze sind wohlfeil. Die Festtage sind die Hochsaison der Kader von Spiritualität, Ritualen und Sinndeutung. Sie sind die Feiertagsbühne für die Kirchen in einer sonst säkularisierten Republik. Nach wenigen Tagen wird die Bühne dann wieder abgebaut, die Priester ziehen sich in die Randständigkeit ihrer Sakristeien zurück, das individualisierte und entkirchlichte Volk widmet sich erneut dem utilitaristischen Tagewerk.

So prosaisch unsentimental hat man es jedenfalls in den letzten 40 Jahren regelmäßig erlebt. Doch gibt es einige Zeichen, dass es künftig anders wird, dass die schlimmste Depression des institutionellen Christentums in Deutschland vorbei sein dürfte. Das Jahr 2005 lief nicht schlecht für Katholiken und Evangelische. Die Papst-Renaissance, das Kölner Jugendevent, der heitere Evangelische Kirchentag - all das waren auch medial gefeierte Highlights, die den Ratsvorsitzenden im deutschen Protestantismus, Bischof Wolfgang Huber, von einem "Comeback des Christentums" schwärmen, zumindest hoffen ließen.

Flucht in die Esoterik

Ein bisschen überraschend kam das schon. Denn nirgendwo sonst war die Distanz der Mehrheit der Bürger zur institutionellen Religion, zum kirchlichen Christentum seit den 70er Jahren so stark angewachsen wie hierzulande. Nirgendwo sonst war das Vertrauen in die kirchliche Autorität im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts so drastisch zurückgegangen wie in der deutschen Nation. Die deutschen Mittelschichten kritisierten lange heftig den Papst und griffen begierig auf die literarischen und therapeutischen Angebote der New-Age-Produktion zurück. Die deutsche Mitte, vor allem ihr akademischer und weiblicher Teil, flüchtete aus den Kirchenschiffen in das fernöstlich inspirierte Fastenseminar, in die Transzendentale Meditation, in den schamanischen oder buddhistischen Kurs, in die Esoterik.



Heraus kam so etwas wie eine individualisierte Religion, kamen privat zusammengestellte und eigenhändig zubereitete Sinnmenüs aus verschiedenen religiösen und heilsversprechenden Zutaten. Die neue bundesrepublikanische Mitte bediente sich vor allem in den 80er Jahren aus dem ungeordneten Kramladen der Weltreligionen und Therapieschulen, nahm jeweils das experimentell mit, was gerade einleuchtend klang, und wechselte es kurzerhand aus, wenn es dann doch nicht das hielt, was es ursprünglich zu versprechen schien. Währenddessen entvölkerten sich die etablierten Kirchen Jahr für Jahr gleichsam um eine Großstadt, verloren also regelmäßig zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember weit mehr als 100.000 Mitglieder.

Die Qualen der Individualisierung

Die Soziologen hielten zur Erklärung dieses Prozesses die Kategorien der Individualisierung und Entstrukturierung bereit. Die soziale und kulturelle Entbindung wurde zum Kennzeichen des letzten Drittels im 20. Jahrhundert der modernen westeuropäischen Länder. Die Menschen in den mittleren Kernen der Gesellschaften lösten sich aus den überlieferten Traditionen, aus religiösen Dogmen, aus der sozialen Kontrolle dörflicher Gemeinschaften, aus dem Diktat lebenslanger Ehen. Und so weiter.

Und lange schienen die Betroffenen dieser Entwicklung den Vorgang durchaus zu genießen. Die Befreiung aus der Kollektivität löste von Zwängen und Konventionen; sie öffnete Räume und erweiterte Möglichkeiten. Die Lebensgeschichten der Einzelnen waren nicht mehr durch Herkunft und Weltanschauung starr vorgezeichnet, sondern zukunftsoffen, im Prinzip selbstbestimmter denn je in der Geschichte der Menschheit. Das Leben wurde dadurch unzweifelhaft facettenreicher, farbiger und eigenständiger, in einer gewissen Weise: abwechslungsreicher und aufregender.

Doch Abwechslung und Aufregung als Dauerzustand ist nicht jedermanns Sache. Daher spricht einiges dafür - und etliche Erhebungen von Soziologen und Psychologen belegen es bereits -, dass alsbald die Lobgesänge auf die individualisierte Gesellschaft verstummen werden, dass stattdessen das Bedürfnis nach Loyalitäten, Zugehörigkeiten, auch nach der Sicherheit einer stabilen Deutungs- und Sinnperspektive zunehmen wird. Die Moderne hat in den letzten vierzig Jahren viel von solchen Traditionen aufgezehrt. Insofern werden diese knappen Ressourcen - um es im gefälligen marktwirtschaftlich Jargon zu formulieren - sehr wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten massiv nachgefragt werden. Nach allen Erfahrungen mit historischen Zyklen von Generations- und Mentalitätswechseln werden demnächst neue Generationen die Schattenseiten und Nachteile bislang dominierender Einstellungen erkennen und sodann neue soziale und politische Präferenzen ausbilden.

Und so mögen wir tatsächlich vor einer Zäsur stehen. Schon jetzt illustrieren die Erhebungen aus der Jugendforschung, dass die Optionsgesellschaft zu Erschöpfungen, zu Rat- und Orientierungslosigkeiten geführt hat. Man muss sich ständig selbst entscheiden; verfügt indessen kaum mehr über die Sicherheit eines stabilen Wertefundaments. Psychologen berichten von einem dramatischen Anstieg neuer "Grübelkrankheiten", in die man hinein gerät, wenn man sich unaufhörlich selber festlegen muss, orientierende Kriterien und Maßstäbe dafür seit dem Verlust von Weltanschauungen und Glaubensüberzeugungen allerdings nicht mehr selbstverständlich besitzt. Der individualisierte Mensch empfindet es allmählich nicht allein als Chance, kreativ, authentisch und originär sein zu dürfen, sondern oft genug als herrischen Zwang, all dies jederzeit sein zu müssen. Lebenslanges Lernen in der Wissensgesellschaft ist eben nicht nur ein verlockendes Versprechen, sondern oft eine fast bedrohliche Belastung.

Renaissance von neuen Suchbewegungen?

Rundum glücklich und befreit also wirken die entbundenen Individuen am Ende der Individualisierung nicht. Die Soziologie bemerkt eine Reorientierung zahlreicher, vor allem auch junger Menschen an Ordnungs- und Gemeinschaftswerten; Politologen verzeichnen ein Bedürfnis auch gebildeter Bürger nach einfachen politischen Lösungen; die Zukunfts- und Trendforscher melden einen erhöhten Bedarf an Sinn, Identität, auch an heilsstiftenden Gewissheiten. Da es in menschlichen Gesellschaften ganz offenkundig einen elementaren und existenziellen Sinn- und Gemeinschaftstrieb gibt, ist die bevorstehende Renaissance einer neuen Suchbewegung nach Alternativen zur Individualisierung und Entzauberung der bürgerlichen Gesellschaft in der Tat nicht ausgeschlossen.

Schließlich gelangen in den nächsten Jahrzehnten jugendliche Kohorten an die Gymnasien und Hochschulen, die dann nicht mehr von ökopazifistischen 68er Lehrern ideologisch geschulmeistert werden, sondern die Tag für Tag einzig die dürren Merksätze einer rein pragmatischen Pädagogengeneration zu hören bekommen. Allein diese Konstellation garantiert, nach allem was wir historisch von Generationenrhythmen und -folgen wissen, spätestens mit dem nächsten Jahrzehnt eine neue Jugendkultur, die dem prosaischen Pragmatismus wieder das Zukunftsleuchten bildreicher Erzählungen und kühner Transzendenzversprechen entgegenhält.

Infolgedessen würde es mit der "Entzauberung" des Religiösen in der säkularisierten Gesellschaft erst einmal nicht weitergehen. Die Voraussetzungen für die Erosion der Spiritualität - der Sinnverschleiß der Moderne - wären zugleich, gewissermaßen zeitversetzt, die Bedingungen ebenfalls für ihre Wiederauferstehung. Und das könnte dann auch die ganz klassischen Produzenten und Mittler von Sinn und Heilsversprechen wieder beleben und kräftigen: die christlichen Kirchen. Zumindest sind die Aggressionen ihrer Gegner erkennbar abgeflaut. Militante Kirchenfeindschaft ist auch unter Intellektuellen kaum mehr anzutreffen.

Diesseits der großen Städte haben die beiden christlichen Kirchen ihre jahrhundertealtes Monopol auf Riten und Rituale an den freudigen oder traurigen Wendepunkten des menschlichen Lebens über alle Krisen bemerkenswert zäh hinweggerettet. Wenn die Menschen in Mitteleuropa heiraten, ihre Kinder in die Welt setzen, ihre Angehörigen zu Grabe tragen, bedienen sie sich nach wie vor dem kulturellen Erfahrungsreichtum der amtskirchlichen Ritenexperten. Auch die Professionalität und Organisationserfahrung der Kirchen wird geschätzt und in Notsituationen bevorzugt abgerufen. Sterben Menschen irgendwo in dieser Welt massenhaft an Hunger, kommen sie unter entfesselten Meeresfluten um, werden sie Opfer von Vulkanausbrüchen oder Erdbeben, dann vertrauen die spendenbereiten Mitteleuropäer in erster Linie den kirchlichen Hilfswerken.

Servicestationen oder charismatisches Christentum?

Als Servicestationen für überlieferte Rituale und soziale Dienstleistungen sind die Kirchen in der gesellschaftlichen Kultur also sicher verwurzelt. Indes: Vom missionarischen Eifer der Religion wollen die modernen Bürger weiterhin verschont bleiben. Einen Wahrheitsanspruch der Kirchen lassen sie nicht gelten. Im Grunde erwarten die säkularisierten Europäer mehrheitlich, dass das institutionelle Christentum sich ihres rein religiösen, also auch anstrengenden, zumutenden, provokativen, stacheligen, demonstrativ bekennenden und menschenfischenden Kerns entledigt, jedenfalls nicht fordernd an die Öffentlichkeit richtet. Und mehr oder weniger stillschweigend haben sich die beiden christlichen Amtskirchen dieser Erwartungsmentalität der individualisierten Gesellschaft im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts gebeugt, schließlich anverwandelt.

Die Kirchen haben ihre Dienstleistungsfähigkeiten noch fundamentiert, haben sie nach den Empfehlungen von McKinsey rationalisiert und säkularisiert. Als Vermittler von Heilsvisionen, als Künder der Erlösung traten sie lange nicht mehr - jedenfalls nicht mehr selbstbewusst - auf. In einer gewissen Weise ähneln die früheren Volkskirchen den vormaligen Volksparteien. Diese wie jene sind sich des eigenen Projekts und Zukunftsversprechens nicht mehr sicher, wirken so diesseits von Großevents wie dem Kölner Jugendtreffen im Alltag mutlos, verzagt, ängstlich, sprachlos, müde und ermattet.

Andererseits erleben wir gegenwärtig, wie sehr sich in den romanischen Ländern, vor allem in mehreren afrikanischen und südamerikanischen Gesellschaften ein erneuertes, vitales, authentisches Christentum massenhaft ausbreitet. Auch hat der charismatische Papst aus Krakau dem Katholizismus unzweifelhaft neue Schubkräfte verliehen. Ganz auszuschließen ist also nicht, dass einige dieser Vitalströme in die ermüdeten Kirchen der alten Wohlstandsgesellschaften hineinfließen mögen.

Viel hängt folglich davon ab, wie kräftig die spirituellen Energien und Leidenschaften des institutionalisierten Christentums noch sind. Eine reine Dienstleistungsorganisation jedenfalls wird den Kairos der historischen Gelegenheit ganz gewiss verpassen. Andererseits: In einer Zeit, in der verlässliche, kalkulierbare, weitflächige Großorganisationen und überindividuelle Strukturen erodieren bzw. aus wirtschaftlichen Rentabilitätserwägungen bewusst abgebaut werden, ist die zähe Beständigkeit kirchlicher Dienstleistungen und Sozialstrukturen von einigem Wert - gerade auch für diejenigen, die über eigene Mittel und Möglichkeiten nicht verfügen und um die sich Kirchen seit jeher zuvörderst zu kümmern haben: die Bedrängten und Beladenen der Gesellschaft.

Franz Walter lehrt Politologie an der Universität Göttingen



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