Weihnachtsansprache: Köhlers Rede im Wortlaut

Bundespräsident Horst Köhler hat die Deutschen in seiner Weihnachtsansprache zu einer "Kultur der Achtsamkeit und Anerkennung" aufgerufen - SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Rede im Wortlaut.

"Liebe Landsleute, meine Frau und ich, wir wünschen Ihnen eine frohe und gesegnete Weihnacht.

Wir denken dankbar an die Geburt Jesu Christi, und wir freuen uns mit jedem, der Achtung davor hat, ganz unabhängig vom eigenen Glauben. In der weihnachtlichen Wärme und Geborgenheit kommen wir zur Ruhe, und wir blicken auf das abgelaufene Jahr.

Wir hatten gemeinsam Freude an der Erinnerung an den Mauerfall vor zwanzig Jahren. "Wir sind das Volk!" Der Ruf von damals ist bis heute Auftrag für jeden von uns. Denn die Demokratie, das sind wir alle. Und wir können alle etwas tun für unser Land.

Millionen von Bürgerinnen und Bürgern leben danach. Sie setzen sich ein für den Nächsten und für die Allgemeinheit. In Vereinen und Kirchengemeinden, in den politischen Parteien, in Bürgerinitiativen und in der Nachbarschaftshilfe. Auch in diesem Jahr habe ich das immer wieder erlebt. Dieses Engagement lässt uns zusammenhalten und macht unser Land reicher. Ich bin froh darüber.

Und doch haben wir auch Schutzlosigkeit erfahren in diesem Jahr. Der Amoklauf von Winnenden hat uns gezeigt, dass es keine Garantie gibt für unsere Sicherheit und Unversehrtheit, und er hat Fragen aufgeworfen, die jeden von uns verstören. 15 Kinder starben von der Hand eines Kindes, das ebenso sein Leben verlor. Wir fragen: Wie konnte das geschehen? Und in uns nagt das Gefühl, dass wir etwas Wichtiges übersehen haben müssen bei der Art, wie wir zusammenleben.

"Maßlosigkeit bei Finanzakteuren"

Dann der Schock im September. An einer Münchner S-Bahn-Station war einer wachsam, couragiert, hat wehrlosen Kindern beigestanden. Aber er hatte keine Chance.

Wir haben in diesem Jahr Taten erlebt, die uns an die Grenze des Verstehbaren geführt haben. Sie haben uns ratlos gemacht. Und doch steckt in ihnen auch eine Aufforderung. Die Aufforderung, nachzudenken über uns selbst und wie wir zusammenleben. Sind wir achtsam genug miteinander?

Da denke ich auch an unsere Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan.

Machen wir uns klar, was ihr Dienst bedeutet? Meine guten Wünsche sind bei ihnen und auch bei den Landsleuten, die sich fern der Heimat im Dienst der Polizei oder der Hilfsorganisationen für Sicherheit und friedlichen Aufbau einsetzen. Ihnen allen sende ich einen herzlichen Weihnachtsgruß.

Achtsam leben, das heißt auch, sich für eine gerechte Ordnung einsetzen, bei uns und in der Welt. Da gibt es noch viel zu tun. Wir haben gerade erlebt, dass Maßlosigkeit bei Finanzakteuren und Mängel bei der staatlichen Aufsicht die Welt in eine tiefe Krise gestürzt haben. Wir brauchen Ehrbarkeit und bessere Regeln in der Finanzwirtschaft. Wir brauchen das Verständnis dafür, dass Geld den Menschen dienen muss und sie nicht beherrschen darf.

"Wir müssen achtsamer mit den natürlichen Lebensgrundlagen umgehen"

Ich verlange Einkehr von den Verantwortlichen. So, wie ich sie mir selbst und uns allen abverlange. Wir leben in einer Welt, die wir selbst gestalten dürfen. Das ist ein Geschenk. Aber es verpflichtet uns auch, die Defizite unserer Welt zu erkennen und dagegen anzugehen.

Wir horchen staunend auf, wenn eine Nasa-Sonde Wasser auf dem Mars entdeckt haben soll - aber wir haben verlernt zu staunen über das Wasser, das bei uns so selbstverständlich aus dem Hahn fließt, wo doch anderswo die Menschen tagein, tagaus viele Kilometer laufen müssen, um an Trinkwasser zu kommen.

Wenn wir wollen, dass unsere Erde, und wir haben nur die eine, auch morgen noch eine gastliche Heimat sein soll, dann müssen wir achtsamer mit den natürlichen Lebensgrundlagen umgehen. Das bedeutet, bewusster zu leben. Für eine bessere Lebensqualität in besserem Einklang mit der Schöpfung.

Es geht darum, mit Ideen, Vernunft und Einsatz den Weg für eine gute Zukunft zu finden. Trauen wir uns etwas zu! Es geht um eine Politik, die über den Tag hinaus denkt und handelt. Es geht um eine Kultur der Achtsamkeit und Anerkennung, überall.

Das schafft Vertrauen. Und jeder von uns kann dazu beitragen. Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr Ihnen allen."

hen/ddp

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insgesamt 8 Beiträge
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1. Bei dieser Weihnachtsnasprache, ...
do_aus_ob 24.12.2009
die in Ansätzen das übliche Blabla hinter sich lässt, stellte sich in mir die Frage: Was ist eigentlich, wenn wir uns diese Worte sehr zu Herzen nehmen und danach handeln würden? Wäre eine Konsquenz nicht ein Schritt in demokratische Anarchie? Müsste dann nicht ein Aufbegehren folgen, das die Verantwortlichen zur Verantwortung-fürs-eigene-Tun, inklusive der Konsquenz, zwingt? Viele Fragen, deren Antworten ich nicht erkenne. Mag man mich deshalb einen Dümmling schimpfen, aber: Gab es eine demokratische Möglichkeit, diesem im Vorfeld Einhalt zu bieten? Herr Bundespräsident: Was soll ich tun, um wirklich etwas zu bewirken?
2. Horst Köhler scheint ein Buddhsit zu sein
haltetdendieb 24.12.2009
"Achtsamkeit" ist die wichtigste Tugend im Leben. Leider wird sie im Kapitalismus nicht sehr hoch geschätzt. Wir leben in einem reichen Land und haben keine Probleme, wenn wir sie mit denen in Afrika vergleichen. Achtsamkeit wäre vielen Menschen zu wünschen. Fröhliche Weihnachten!
3. Wie recht er doch hat ,
twister1 24.12.2009
wenn er die Maßlosigkeit der Finanzakteure anprangert; Aber versucht irgendjemand diese Hassadeure daran zu hindern mit "unseren" Bürgschaften das gleiche Spiel neu zu beginnen? Auf deren Einsicht sollte man sich besser nicht verlassen! Wie recht er doch hat, wenn er zittiert :"Wir sind das Volk!" Aber leider beziehen das zu viele Politiker nur auf sich und die Finanzelite diese Landes! Wie recht er doch hat, wenn er sagt : Wir müssen achtsamer mit den natürlichen Lebensgrundlagen umgehen; Auf der IAA ließen sich unsere Politiker nur zu gerne vor "umweltschonenden" Elektro-Autos ablichten. Aber bei mir kommt der Strom noch immer aus der Steckdose! Und der so erzeugte Strom belastet die Umwelt zum Teil mehr wie ein moderner Kleinwagen mit Verbrennungsmotor. Zuerst muß doch wohl für umweltfreundliche Energiegewinnung gesorgt werden ! Und damit meine ich keine AKW´s deren Restmüll noch Jahrtausende eine Gefahr darstellt! Denn, wie recht er doch hat, wenn er sagt : Es geht um eine Politik , die über den Tag hinaus denkt und handelt !
4. Interpretationshilfe
the don 24.12.2009
Zitat von do_aus_obein Schritt [zur] demokratische[n] Anarchie
Horst Köhler hat ins Schwarze getroffen. Auch wenn seine Rede teils unglücklich formulierte Elemente enthält, sollte man sich an diesen nicht aufhalten sondern viel mehr die Essenz seiner Worte erfassen: "Wir sind das Volk" - das hat nichts mit anarchischem Wandel o.ä. zu tun, es soll einfach nur zeigen, dass unsere Politiker, auch wenn sie "offiziell" unseren Staat leiten, eben auch nur begrenzten Einfluss haben. Beispiel: Kopenhagen. Hier haben die Politiker Einfluss, betrachtet man deren Möglichkeiten, andere Energiequellen einzusetzen, Kohlekraftwerke stillzulegen, Alternativen zu finden; dieser Einfluss ist gewaltig. Im Endeffekt muss man jedoch immer den Grund hinterfragen, das "Warum". Warum sträubt sich China dagegen, die Kohlekraftwerke stillzulegen? -Es könnte nicht mehr so günstige Waren produzieren, Waren, die wir kaufen, ein Volk, das zwar ein Industrieland, ein reiches Land ist, jedoch zu geizig, um sich Produkte zu kaufen, auf denen nicht "Made in China" oder ähnliches steht... Das zeigt, was Köhler in seinem Schlussteil der Rede so ausdrückt: "Es geht um eine Kultur der Achtsamkeit [...]". Wir selbst, nicht nur unsere Politiker, entscheiden über unsere Zukunft. Das ist es doch, was uns erst ausmacht: Unsere Entscheidungsmöglichkeiten, unsere Fähigkeit zu differenzieren, unser Urteilsvermögen. Und eine Konsequenz wäre nicht sondern ein Schritt zur Verbesserung, unter Politikern, die, von uns gewählt, für unsere Repräsentation sorgen und für uns sprechen - denn das ist doch deren eigentliche Funktion, wenn man das Prinzip der Demokratie überdenkt. Der erste Schritt, etwas zu verändern, fängt also, wie oben erläutert, bei uns selbst an - und das ist immer mit Arbeit und eigenen Gedanken verbunden, wie auch die Interpretation einer Rede, die sich an Tausende Individuen richtet. Aus diesem Grund ist es Köhler unmöglich, eine konkrete Antwort auf die Frage zu geben. In diesem Sinne: Wir sind das Volk! Lasst uns endlich anfangen, miteinander mehr Demokratie zu leben und mehr Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen, auch wenn es unangenehm sein kann. Frohe Weihnachten.
5. Weihnachtsansprache
kkhmbbb 24.12.2009
Sie ist an die Allgemeinheit gerichtet und fordert eine Kultur der Achtsamkeit. Dazu müssen wir nicht nur umdenken, sondern auch sinnvolle Regeln aufstellen, wie sie Ehrhard gegen viel Widerstand unter dem mächtigen Adenauer in der Nachkriegszeit mit der sozialen Marktwirtschaft aufgestellt hat, die eine Basis für alle schuf, die damals Wohlstand hiess. Sie war so schmal, dass sie belächelt wurde: Der oder der lebt vom Wohlstand, aber es fanden sich für Alle damals Möglichkeiten, aus diesem Zustand wieder herauszukommen und bald war die Basis nur noch die Sicherheit, sich im Notfall auf die Gemeinschaft verlassen zu können aber darüber hinaus doch Chancen für die eigene Lebensgestaltung, und sei es im Dienst am notleidenden Mitbürger zu finden. Ein zweites Beispiel aus de damaligen Zeit der geregelten Solidarität war der Lastenausgleich für die Heimatvertriebenen. Heute leben wir in der Fülle, brauchen aber Reform, weil wir vor einer Herausforderung stehen, die teils aus dem Ungeist neoliberalistischer Ideologie, teils aus technischen Faktoren wie Automatisation, teils aus den Folgen einer Globalisationsdoktrin entstanden sind, die das Niederreissen der Grenzen zum Axiom gemacht hat. Alles das kann nur mit konstruktivem Umdenken bewältigt werden, für das eine Weihnachtsansprache eines Staatpräsidenten nur Anstoss sein kann. Er ist Herrn Köhler gelungen. Der Hinweis auf die Notwendigkeit für neue Regeln scheint allerdings etwas versteckt unter dem Bemerken, das Denken sei zu kurzfristig. Das stimmt allerdings und dagegen kann etwas geschehen. Man muss dabei den Anderen, die die Kurzfristigkeit in allen Dingen zum Lebensprinzip erhoben haben nicht den Vortritt lassen, im Denken meine ich. Wir sollten es selber tun, jetzt.
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