Berlin - Bundespräsident Joachim Gauck hat die Deutschen zu mehr Solidarität aufgerufen. Ein Teil der Menschen in Deutschland sei "verunsichert angesichts eines Lebens, das schneller, unübersichtlicher, instabiler geworden ist", sagte Gauck in seiner ersten Weihnachtsansprache als Bundespräsident. Die Rede wird am Dienstag nach der "Tagesschau" ausgestrahlt. (Hier finden Sie die Rede im Wortlaut.)
"Die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander, der Klimawandel erfordert ebenso neue Antworten wie eine alternde Gesellschaft", sagte Gauck. "Sorge bereitet uns auch die Gewalt: in U-Bahnhöfen oder auf Straßen, wo Menschen auch deshalb angegriffen werden, weil sie schwarze Haare und eine dunkle Haut haben." Angesichts dessen brauche Deutschland "nicht nur tatkräftige Politiker, sondern auch engagierte Bürger".
Gauck wünscht sich eine Rückbesinnung auf die menschliche Zuwendung zueinander. "In der Sprache der Politik heißt das: Solidarität. In der Sprache des Glaubens: Nächstenliebe. In den Gefühlen der Menschen: Liebe." Deutschland wolle ein Land sein, in dem Alte und Junge, Alteingesessene und Neuzugezogene miteinander leben können. "Ja, wir wollen ein solidarisches Land", sagte Gauck.
"Radikale Parteien haben nicht von der Verunsicherung profitiert"
Der Bundespräsident ging in seiner Ansprache auch auf die steigende Zahl von Asylbewerbern ein. "Kürzlich hat mir eine afrikanische Mutter in einem Flüchtlingswohnheim ihr Baby in den Arm gelegt. Zwar könne Deutschland nie alle Menschen aufnehmen, die kommen. "Aber Verfolgten wollen wir mit offenem Herzen Asyl gewähren und wohlwollend Zuwanderern begegnen, die unser Land braucht."
Zur Schuldenkrise in Europa sagte der Bundespräsident, die "europäische Idee" habe mehr als 60 Jahre lang den Frieden in Europa gesichert. "Jetzt aber ist die Frage: Wird unser politischer Wille zusammenhalten können, was ökonomisch und kulturell so unterschiedlich ist?" Deutschland habe die Krise bisher "gut gemeistert", sagte Gauck. Zudem sei Deutschland politisch stabil: "Radikale Parteien haben nicht davon profitiert, dass ein Teil der Menschen verunsichert ist."
Der frühere Pfarrer Gauck nahm in seiner Ansprache mehrfach Bezug auf die Bibel. Für Christen sei Weihnachten "das Versprechen Gottes, dass wir Menschen aufgehoben sind in seiner Liebe". Aber auch für Muslime, Juden, Menschen anderen Glaubens und Atheisten sei es "ein Fest des Innehaltens, ein Fest der Verwandten und Wahlverwandten, ein Fest, das verbindet, wenn Menschen sich besuchen und beschenken".
Stilwechsel im Vergleich zu vorigen Präsidenten
Anders als sein Vorgänger Christian Wulff, der bei seinen beiden Weihnachtsansprachen im Berliner Amtssitz Schloss Bellevue jeweils eine große Gruppe ehrenamtlicher Helfer und viele Kinder um sich scharte, hatte sich Gauck für einen Soloauftritt vor der Fernsehkamera entschieden. Auch hinter dem Schreibtisch sitzend - wie einst Horst Köhler oder Roman Herzog - wollte er sich nicht präsentieren. Es sollte ein wenig lockerer wirken, aber korrekt und dem Amt des ersten Mannes im Staat angemessen. Stehend - hinter einem kleinen Adventsschmuck und vor der deutsche Fahne - sprach der Präsident also die mahnenden Worte.
cte/AFP/dpa
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