Feierlichkeiten in Weimar Im Kreißsaal der Republik

Es war nicht alles schlecht: Bundespräsident Steinmeier gibt am 100. Jahrestag der Weimarer Verfassung erst den Geschichtenonkel - um dann in einer großen Rede die Geburtsstunde der deutschen Demokratie zu würdigen.

Frank-Walter Steinmeier, Schülerin in Weimar
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Frank-Walter Steinmeier, Schülerin in Weimar

Aus Weimar berichtet


Elke Büdenbender macht die Kinder fertig. Da haben sie in Physik gewissenhaft Referate zur Geschichte der Nachrichtenübermittlung vorbereitet, und nun will die Gattin von Frank-Walter Steinmeier alles wirklich ganz genau wissen.

Wie lange haben Postkutschen für die Strecke von Weimar nach Berlin gebraucht? Warum durften frühe Fernmeldekabel nicht länger als 300 Meter sein? Die Schüler drucksen mit roten Ohren, befangen, bis der Bundespräsident mit onkeligen Einwürfen wie "Keine Sorge, es gibt keine Noten heute!" das Eis bricht. Er ist ganz entspannt an diesem historischen Nachmittag und lässt seine Frau machen.

Entspannt wirkt auch Weimar selbst. Anders als am 6. Januar 1919, als die Reichswehr mehrere Verteidigungsringe um die thüringische Kleinstadt legen musste, sichern nur 1500 Polizeikräfte den Festakt "aus Anlass der 100. Wiederkehr des Zusammentritts der Verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung und der Entstehung der Weimarer Reichsverfassung", wie es in korrektem Regierungsdeutsch heißt.

Steinmeier in Weimar
THÜRINGEN PRESS/POOL/EPA-EFE/REX

Steinmeier in Weimar

Als Steinmeier am Mittag das Hotel Russischer Hof verlassen hat, um ein paar bürgerliche Hände zu schütteln, gibt es aus dem wartenden Publikum heraus sogar Applaus. Einfach, weil sich das bei einem Staatsoberhaupt so gehört - und es nicht alle Tage vorkommt, dass sich die Spitze des politischen Deutschland in eine Stadt wie Weimar verirrt. Aber was heißt schon eine Stadt wie Weimar?

Schon beim Blick auf den Stadtplan und den kürzesten Weg vom Hauptbahnhof zum Nationaltheater fällt auf, wie besonders, wie geschichtsträchtig dieser Ort ist. Es geht über einen Arthur Schopenhauer aus Kopfsteinpflaster und einen nach dem SPD-Politiker August Baudert benannten Platz sowie dem Wettiner Großherzog Carl August gewidmete Allee hinab, links grüßt Ernst Thälmann mit erhobener Faust, es kreuzen Walther Rathenau und Buchenwald, bis man endlich im Zentrum der Klassik und der Wiege der Demokratie angekommen ist. Deutscher geht's nicht.

Ein wenig wirkt es an diesem Tag mit den bewimpelten Limousinen (Kennzeichen: "0-1", "0-2", "1-1" und so weiter), als besuche ein elegisch gestimmtes Deutschland den Kreißsaal, in dem 1919 sein leider viel zu früh gestorbenes Geschwisterchen zur Welt kam. Bundeskanzlerin, Bundespräsident, Bundesratspräsident, Bundestagspräsident, Verfassungsschützer, Verfassungsgerichtspräsident - alle sind sie gekommen, um die Demokratie zu feiern, sich selbst als deren Funktionsträger und das Volk als ihren Souverän.

Und so ruft auch aus dem versammelten Volk niemand, Merkel müsse weg. Und niemand schwenkt eine Deutschlandfahne. Alle wollen nur gern ein Foto und nach Möglichkeit selbst mit aufs Bild. "Hab' alles!", meldet ein Vater zufrieden, als er sich mit Kind auf den Schultern aus der vordersten Front wieder zurückgekämpft hat. Nachdem die Menge sich zerstreut hat, stehen ein paar syrische Jungs gebannt um das Handy des Kleinsten herum. Ihm ist es gelungen, im Tohuwabohu einen Haarschopf aufs Bild zu bekommen. Verwackelt, aber silbern.

In Begleitung seiner neugierigen Frau und flankiert von vier ernsten Männern mit flinken Augen und weißen Knöpfen im Ohr ist Steinmeier da bereits in der Parkschule eingetroffen: "So, und was habt ihr erarbeitet?" Die Schule wurde 1919 geräumt, damit hier das ambulante Telegrafenamt der Nationalversammlung seinen Betrieb aufnehmen und die Provinz mit Berlin und dem Reich verbinden konnte.

Büdenbender und Steinmeier in der Parkschule
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Büdenbender und Steinmeier in der Parkschule

Daher im Physiksaal die Postkutschen, daher im Kunstraum die Pop-Art-Porträts von Matthias Erzberger oder Gustav Scheidemann. In der Aula steht auf einer Schautafel unter einem Bild von Paul von Hindenburg: "Ersatzkaiser, machte Hitler möglich." Daneben ein Porträt von Steinmeier: "Staatsnotar, stürzt bereits bei Glaubwürdigkeitsverlust."

Steinmeier als Mahner

Daher auch der Gesprächskreis mit Schülern einer zehnten Klasse. Den Jugendlichen geht es weniger um Demokratie, mehr um Ausbildungsplätze, Steuern, Mieten, die Akzeptanz von Homosexualität. Auch hier führt Elke Büdenbender das Wort, lenkt das informelle Geplauder geschickt auf die Möglichkeit der Mitbestimmung, während ihr Gatte mit präsidialer Glaubwürdigkeit den Blick schweifen lässt.

Steinmeier erwacht erst wieder, als die Sprache auf die Kommunalwahlen kommt. Für die Jugendlichen ist der Umstand, mit 16 schon wählen zu dürfen, "nichts Besonderes", was den Mahner auf den Plan ruft. In seiner Rede später wird er sagen, dass eine Demokratie angewiesen sei "auf das Engagement derer, die in ihr leben". Hier klingt das handlicher: "Wenn man drüber schimpft, sollte man auch bereit sein, mindestens zu wählen!", sagt er und fügt lauernd hinzu: "Und Europa? Findet ihr auch gut?"

Nach Beendigung der Schulpflicht geht es hinüber ins Nationaltheater, auf dessen abgesperrtem Vorplatz ein Goethe aus Bronze seinem Kollegen Schiller begütigend die Hand auf die Schulter legt. Gerade ist Angela Merkel angekommen, sie eilt das Spalier der Zaungäste ab, schüttelt Hände und erntet Applaus, weil sich das so gehört. In diesem Moment kommt es zur einzigen Protestkundgebung des Tages, als eine junge Frau ruft: "Informationsrecht für Abtreibungen nicht kriminalisieren!" Sie ruft es lächelnd.

Im Saal sind 800 Gäste versammelt, darunter 300 Bürger, bleiben 500 hochrangige Vertreter des politischen und gesellschaftlichen Lebens. Da sind Bischöfe und Brigadegeneräle, Richter, Abgeordnete, Anwälte, Diplomaten, Ministerpräsidenten. Norbert Blüm ist auch da. Wolfgang Schäuble schreibt mürrisch Autogramme.

Angela Merkel und Elke Büdenbender in Weimar
REUTERS

Angela Merkel und Elke Büdenbender in Weimar

Es gibt eine Begrüßung durch den Gastgeber, Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow, die Ouvertüre zu "Fidelio" von Beethoven und entzückendes Filmmaterial vom Februar 1919 - Friedrich Ebert nebst Gattin und Zigarre beispielsweise, Schnee auf Dächern und Atemwolken vor Mündern. Dann tut Frank-Walter Steinmeier, wofür er gekommen ist. Er setzt den Hauptprogrammpunkt. Und redet.

Ein Weimar, das bis heute leuchtet

Er redet gut, denn jetzt ist er im Steinmeier-Modus. Er redet einem "Patriotismus der leisen Töne" das Wort. Nicht als Fehlschuss, als Startschuss der Demokratie will er Weimar verstanden wissen. Er zieht eine Linie von Hambach über die Paulskirche bis zum Ort der Feierlichkeit: "Ist es nicht historisch absurd, wenn diese schwarz-rot-goldene Fahne heute am auffälligsten ausgerechnet von denen geschwungen wird, die einen neuen nationalistischen Hass entfachen wollen?"

Steinmeier-Rede bei Festakt
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Steinmeier-Rede bei Festakt

Er zitiert Heinrich Mann, Udo di Fabio und Carl von Ossietzky als Gewährsleute seiner These, dass Demokratie nicht an ihrer Verfassung scheitert - sondern an einem Mangel an wehrhaften Demokraten. Zur Selbstbesoffenheit taugt Weimar nicht, dazu war sein Erfolgsgehalt zu gering. Aber Steinmeier destilliert heraus, was an der Verfassung fortschrittlich und gut war. Gleichberechtigung. Soziales.

Am Ende erscheint Weimar nicht mehr als Menetekel. Sondern als eine Fackel, die damals nicht hoch genug gehalten wurde, aber bis ins Heute leuchtet.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof kommt uns, auf der Höhe von Walther Rathenau, Juso-Chef Kevin Kühnert entgegen. Er trägt Wollmütze und Ohrenschützer und ist auf dem Weg zu einer Podiumsdiskussion. Es geht vermutlich um Demokratie. Später, in der Regionalbahn 20 von Leipzig nach Eisenach ist Weimar plötzlich wieder eine Haltestelle. Zwischen Oßmannstadt und Hopfgarten.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels war von der Kreisstadt Weimar die Rede. Die Stadt ist allerdings kreisfrei. Apolda ist die Kreisstadt des Kreises Weimarer Land. Eine Straße in Weimar ist außerdem nach Walther und nicht nach Erich Rathenau benannt. Wir haben beide Stellen korrigiert.



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