Weisbands Rückzug aus Piraten-Führung: "Sie wollten nur mich"

Sie ist jung, charismatisch, redegewandt - und eine Hoffnungsträgerin für viele Piraten-Anhänger: Marina Weisband wurde zum Shootingstar der Partei, jetzt verabschiedet sie sich von ihrem Führungsposten. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht die 24-Jährige über die Gründe - und eine mögliche Rückkehr.

Piratin Marina Weisband: "Ich schaffe es nicht mehr" Fotos
Getty Images

SPIEGEL ONLINE: Frau Weisband, warum haben Sie sich entschlossen, die Parteispitze der Piraten zu verlassen?

Weisband: Das war eine Entscheidung, die lange gereift ist. Ich habe im Mai 2011 spontan für den Posten der Geschäftsführerin kandidiert. Schnell hat mir das Amt sehr viel Spaß gemacht. Auch die Partei hat festgestellt, dass ich gut auf diesem Posten bin - und mich gebeten, weiterzumachen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in den vergangenen Monaten in Talkshows aufgetreten, haben Interviews gegeben, im SPIEGEL die Vision ihrer Partei verteidigt - warum gehen Sie ausgerechnet jetzt, im Umfragehoch?

Weisband: Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich nur 30 Stunden pro Woche der Partei widmen kann, doch in Wahrheit geht viel mehr Zeit drauf. Ich stehe unter enormem Druck, mache zwei Jobs gleichzeitig. Einmal die interne politische Arbeit, dann die Öffentlichkeitsarbeit. Nebenbei mache ich mein Diplom. Ich bekomme das auch gesundheitlich nicht mehr unter einen Hut. Ich kann schlichtweg physisch nicht mehr weitermachen.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie das näher erklären?

Weisband: Es ist richtig, dass ich im Moment öfter mal Krankheitsphasen habe. Weiter möchte ich darauf nicht eingehen. Das ist für die Partei aber ein Unsicherheitsfaktor. In dieser Situation ist es mir erst einmal wichtiger, eine Grundlage für mein Leben zu schaffen und meinen Abschluss zu machen - und in einem Jahr zu gucken, wie es aussieht. Ein Jahr möchte ich mindestens Pause machen und mich von der Doppelbelastung erholen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Alltag einer Politikerin generell zu hart? Sie haben über Twitter die Piraten darauf hingewiesen, dass Sie gern Hilfe dabei hätten, bestimmte Aufgaben zu erledigen.

Weisband: Ich habe viel Hilfe bekommen, aber es gibt einiges, was ich nicht abgeben kann. Ich kann die Entscheidungen der Bundesvorsitzenden nicht wegdelegieren, ebensowenig meine Medienauftritte. Es ist teilweise so gewesen, dass ich in eine Sendung eingeladen wurde - und wenn ich Ersatz angeboten habe, wurde er nicht genommen. Sondern sie wollten nur mich.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie das am Ende überfordert?

Weisband: Für diese ganzen Interviews und Anfragen musste ich mich natürlich in alles einarbeiten. Sei es Urheberrecht, die Politik der Nato, die Programme der anderen Parteien - das ist, als hätte ich zehn Studiengänge gleichzeitig. Der Posten der Geschäftsführerin ist ein Job für sich. Und ich glaube einfach, dass jemand anderes diesen Job zuverlässiger machen kann als ich. Außerdem kann man sich schnell an ein Amt, eine Position, die Prominenz gewöhnen. Ich möchte mich davon unabhängig machen und auch immer als Psychologin arbeiten können.

SPIEGEL ONLINE: Ohne Sie dürfte es für die Piraten schwerer werden, die kommenden Wahlen zu gewinnen.

Weisband: Natürlich sehe ich, dass meine Medienpräsenz auch den Piraten gut tut. Aber ich lehne mich nicht aus dem Fenster und sage, dass der Erfolg der Piraten an mir hängt.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es jetzt weiter?

Weisband: Ich habe in letzter Zeit für die Piraten gelebt. Was ich sehr gern getan habe, ich habe auch alle Piraten lieb. Jetzt warte ich erstmal ab, wer im Mai für meinen Posten kandidiert. Bisher waren die Leute sehr zurückhaltend, aus Respekt vor mir. Ich hoffe, dass sich jetzt mehr Kandidaten finden. Ich werde auch weiter mit dem Bundesvorstand eng zusammenarbeiten, zumindest in der Übergangszeit.

SPIEGEL ONLINE: Was geben Sie Ihrer Partei mit auf den Weg - und wollen Sie irgendwann wieder eine Führungsrolle übernehmen?

Weisband: Ich wünsche mir, dass sich die Piraten auf Inhalte konzentrieren und weniger auf Skandälchen, die von den Medien gepusht werden. Sie sollen gute, handfeste, inhaltliche Positionen ausarbeiten. Ich habe nicht vor, mich aus der Partei zurückzuziehen. Ich werde als Basispirat meine Meinung möglicherweise sogar freier sagen können, weil man als Vorstandsmitglied zur Neutralität verpflichtet ist, wenn Positionen noch nicht beschlossen sind. Mein Schwerpunkt ist die Bildungspolitik, den werde ich weiter vertreten.

Das Interview führte Annett Meiritz

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insgesamt 90 Beiträge
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1.
Kaworu 25.01.2012
Das gibt gleich mal 5 Punkte nach oben auf der Sympathieskala. Beruf vor Partei hört man heute zu selten von unseren Politikern.
2. Jeder hat nur 24 Stunden/Tag.
Woogpirat 25.01.2012
Zitat Marina Weisband: "Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich nur 30 Stunden pro Woche der Partei widmen kann, doch in Wahrheit geht viel mehr Zeit drauf." ***************** Auf dem Bundesparteitag im Mai 2011, als sie kandidierte, sprach sie nach meine Erinnerung sogar von "20 Stunden"! Dafür gab es dann vereinzelte Pfiffe, was ich unmöglich fand. - Aber dann wurde sie mit überwältigender Mehrheit gewählt. Vom Fernsehen ist es ein starkes Stück, das kein Ersatzvorschlag für eine Sendung akzeptiert wird. Zur Erinnerung: Wir sind alle Hobbypolitiker; viele Piraten stecken unglaublich viel Zeit in die politische Arbeit. Bei Marina Weisband und in ähnlicher Form auch den anderen Mitgliedern des Bundesvorstandes nimmt das dann schon extreme Formen an. Marina Weisband hat offenbar die -letztlich auch für ihre Partei- richtige Entscheidung getroffen, denn was nützt es, wenn sie ihre Gesundheit ruiniert?
3. .
callistonairi 25.01.2012
Als Psychologin weiß sie vermutlich am besten, wann der eigene Körper und Geist nicht noch mehr leisten kann. Ich finde den Schritt aktuell nur richtig, sich erstmal ne Verschnaufpause zu gönnen.
4. Jetzt wähle ich auch Piraten
K.H. Guttermann 25.01.2012
Klasse die Frau und Recht hattse. Sich für ein bißchen Eitelkeit von den Medien zerfressen lassen. Aber es gibt ja noch genug Egobonzen für die Talkshows. nur wählen brauch wir se nicht mehr... es gibt ja Piraten..
5. Naiv
weltoffener_realist 25.01.2012
Zitat von KaworuDas gibt gleich mal 5 Punkte nach oben auf der Sympathieskala. Beruf vor Partei hört man heute zu selten von unseren Politikern.
Mit Verlaub, aber diese Forderung nach einer Art bekennendem "Teilzeitpolitiker" finde ich naiv. Auch im Artikel klang an, dass z.B. der zeitliche Aufwand für grundlegende Vorbereitungsarbeiten vor Medienauftritten immens ist. Wer auf Bundesebene durch die Medien tingelt, wird bei der kleinsten Unsicherheit von Medien und Wählern zerrissen. Dieser Ausleseprozess führt eben dazu, dass sich dort nur 24/7-Vollprofis halten können. Der Rest tritt eben ins zweite Glied und macht was anderes.
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