Weiß-blaue Ministerpäsidenten-Suche CSU-Spitze will Machtkampf beenden

Um die Nachfolge von Ministerpräsident Beckstein soll es keine Kampfabstimmung geben: Am Rande der Gedenkfeier zum 20. Todestag von Parteipatriarch Franz Josef Strauß bemühten sich die Kandidaten um Einvernehmen. Schon in Kürze soll es Klarheit geben. Die besten Aussichten hat derzeit Horst Seehofer.

Aus Rott am Inn berichtet


Rott am Inn - Da stehen sie vor der Gruft des CSU-Mythos. Der Regen strömt vom Himmel; links auf die Familie Strauß, rechts auf die Parteispitze. Es ist der 20. Todestag von Franz Josef Strauß ("FJS"). Drinnen, in der katholisch-pompösen Pfarrkirche von Rott am Inn hat die CSU gerade ihres Patriarchen, der "geschichtlich großen Person" (Erzbischof Reinhard Marx) gedacht.

Ausgerechnet jetzt. Nur eine Woche nach dem 43-Prozent-Debakel bei der Landtagswahl. Noch bis kurz vor seinem plötzlichen Tod im Jahr 1988 schrieb Strauß an seinen Memoiren. Darin der Satz: "Es ist meine große Sorge, dass nach mir der Abstieg der CSU unter die 50-Prozent-Grenze kommen könnte."

Kandidat Herrmann, CSU-Oberbayern-Chef Schneider, Kandidat Seehofer: "Wir brauchen eine einvernehmliche Lösung"
DPA

Kandidat Herrmann, CSU-Oberbayern-Chef Schneider, Kandidat Seehofer: "Wir brauchen eine einvernehmliche Lösung"

Exakt 20 Jahre später ist es geschehen. Einstige Weggefährten können es nicht fassen. "Was soll man da sagen?", schüttelt FJS-Ziehsohn Peter Gauweiler den Kopf. Es würde, meint er, nur die Atmosphäre vergiften. Also schweigt Gauweiler.

Ein paar Meter weiter Gerold Tandler. Der war Generalsekretär unter Strauß. Jetzt ist er wütend. "Durch eigene Schuld" habe man die absolute Mehrheit verloren, sagt er. Da sei die "überzogene Reformwut" Stoibers gewesen, und zuletzt "ein dämliches Rauchverbotsgesetz".

"Diese Woche hätte es mit Franz Josef Strauß nicht gegeben", sagt der designierte CSU-Chef Horst Seehofer. Der hätte eine Politik gemacht, "die uns nicht in diese Situation gebracht hätte". Und Edmund Stoiber? Der CSU-Ehrenvorsitzende diskutiert gestikulierend mit Parteifreunden, doch nähern sich Journalisten, hebt er die Hand: "Nein."

Die CSU will ihren 50-Prozent-Nimbus zurück. Mit Seehofer an der Parteispitze, so viel ist klar. Wer aber macht den Ministerpräsidenten?

Nachdem Landtagsfraktionschef Georg Schmid seine Kandidatur zurückgezogen hat, bleiben noch drei Bewerber. Sie stehen jetzt gemeinsam an der Gruft: Wissenschaftsminister Thomas Goppel hält einen großen blauen Schirm über Seehofer. Dahinter steht Innenminister Joachim Herrmann.

Derzeit hat Seehofer die besten Karten. Der mächtige oberbayerische Bezirksverband wird sich am Samstag wohl hinter ihm versammeln, die Niederbayern stehen bereits seit Donnerstagabend. Die Oberpfalz kann auch auf Seehofers Konto gebucht werden. Pro Herrmann könnten einige Franken votieren. Goppel hat Anhänger in Unterfranken, gilt aber als Kandidat mit den geringsten Chancen.

Seehofer oder Herrmann, das scheint somit die Frage der nächsten Tage. Noch am Wochenende werden alle Bezirke ein Stimmungsbild, vielleicht auch Beschlüsse bringen. Damit habe man den Politikstil verändert, sagt Seehofer: "Unsere Basis ist jetzt in wichtige Entscheidungen der Partei eingebunden." Es sei "vorbei mit Basta", sagt er: "Hinterzimmer? Das wollen wir nicht wiederhaben." Es ist auf eine Anspielung auf Kreuth 2007, wo die Landtagsfraktion Stoiber stürzte – ohne die Parteibasis, ohne die Berliner um den Agrarminister Seehofer.

Goppel rechnet im neuen Machtpoker mit schneller Klärung. Er gehe davon aus, "dass wir Sonntag eine Entscheidung haben".

Offiziell ist Seehofer, der Mann in der Pole-Position, nur Edelreservist. Allein falls sich die Landtagsfraktion nicht auf einen Bewerber aus ihren Reihen einigen kann, dann soll er einspringen. So der eigentliche, am Mittwoch verabredete Modus. Seehofer hat intern klar gemacht, dass er den MP machen kann – aber nicht muss.

Doch längst geht es nicht mehr um die Eitelkeiten der Fraktion, sondern um die strategische Aufstellung 2009, dem Jahr der Europa- und Bundestagswahlen.

Damit argumentiert auch Joachim Herrmann für sich: "Soll der Parteivorsitzende in Berlin oder in München sein? Ich bin davon überzeugt, dass er in Berlin eine günstigere Position hat." Doppelspitze oder Ein-Mann-Spitze – das müsse man in den nächsten Tagen besprechen. Übrigens schade diese Diskussion "dem Erbe von Franz Josef Strauß überhaupt nicht", bemerkt Herrmann.

Jene, die für den Mann aus dem mittelfränkischen Erlangen trommeln, verweisen auf das künftige Spannungsverhältnis zwischen einer sich abzeichnenden schwarz-gelben Koalition in München und Schwarz-Rot im Bund. Ein Ministerpräsident Seehofer müsse in einer solchen Situation stets lavieren.

Schließlich ziehen sich die drei Kandidaten mit Oberbayerns CSU-Bezirkschef und Kultusminister Siegfried Schneider in ein Séparée im Gemeindehaus von Rott zurück, wo die CSU den Empfang nach der Gedenkfeier gibt. Einer nach dem anderen im Saal bemerkt, dass die drei verschwunden sind. "Ein Geheimtreffen", macht es die Runde.

Machen sie es just am 20. Todestag von Franz Josef Strauß unter sich aus?

Nein. Man wolle jetzt in den Bezirken die eigene Mehrheitsfähigkeit testen, sagt Goppel nachher: "Da sind wir uns einig." Seehofer habe die beiden anderen soeben ermuntert, "unsere Positionen darzustellen". Klar sei: "Wir brauchen eine einvernehmliche Lösung." Heißt: Keine Kampfabstimmung in der Fraktion am Mittwoch. Wenn Goppel und Herrmann in den nächsten 72 Stunden merken, dass sie keine Chance haben, dann werden sie wohl zurückziehen. "Wir bleiben im Gespräch", sagt Herrmann.

Sie wollen ein zweites Kreuth verhindern. Noch-CSU-Chef Erwin Huber hat zuvor von einem "geordneten, urdemokratischen Verfahren" gesprochen, das man jetzt durchziehen werde. Was wohl Strauß jetzt sagen würde?, sinniert dessen einstiger Generalsekretär Huber – und gibt die Antwort: Einerseits Diskussionen nicht unterdrücken, andererseits "Geschlossenheit und Einigkeit als Grundlage jeden politischen Erfolgs" verstehen.

Als er das sagte, waren Seehofer, Goppel und Herrmann übrigens noch im Raum.



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Seite 1
mbberlin, 30.09.2008
1.
Viel Auswahl bleibt ja sonst nicht und einer muss es ja machen. Immerhin hat Seehofer in Bayern anscheinend keinen besonderen Ruf, den er noch irgendwie großartig verspielen könnte. Das ist doch ein klarer USP! :-)
Balu2 30.09.2008
2. Ist Seehofer der richtige Mann für die CSU
Zitat von sysop13 Monate war er im Amt - jetzt tritt Erwin Huber als CSU-Chef zurück. Er werde auf dem Sonderparteitag Ende Oktober sein Amt zur Verfügung stellen, sagte Huber auf einer Pressekonferenz. Bundesminister Horst Seehofer ist bereit, sein Nachfolger zu werden. Ist Seehofer der richtige Mann für die CSU-Spitze?
Die Südzucker wird schon genug Öffentlichkeitsarbeit leisten um Seehofer zu stärken.
Heidelerche, 30.09.2008
3.
Wozu braucht man eine CSU-Spitze? Soll die CDU die aufmüpfige "Schwsterpartei" doch integrieren. Hier in S-H oder in NRW gibt es ja auch keine Extrawürste!
Wabalu, 30.09.2008
4. Seehofer hätte gleich Parteichef werden sollen!
Das Schwergewicht im physischen und psychischen Sinne wird trotz seiner Einzelgängerattitüten zunächst einmal Ruhe in die CSU tragen. Er sitzt in Berlin am Kabinettstisch. Er steht für das S in der CSU. Viele sagen ja, Seehofer könnte auch in der SPD reüsieren. In der Bundespolitik mischt er seit 92 mit. Trotz Herzinfarkt und Schlammschlacht gegen ihn glaube ich, dass er jetzt der richtige Mann ist. Allerdings ist es immer wieder traurig ansehen zu müssen, dass die Personaldecke hinsichtlich jüngerer Kräfte für Spitzenpositionen in den Parteien so dünn ist.
Balu2 30.09.2008
5. Er steht für das S in der CSU
Zitat von WabaluDas Schwergewicht im physischen und psychischen Sinne wird trotz seiner Einzelgängerattitüten zunächst einmal Ruhe in die CSU tragen. Er sitzt in Berlin am Kabinettstisch. Er steht für das S in der CSU. Viele sagen ja, Seehofer könnte auch in der SPD reüsieren. In der Bundespolitik mischt er seit 92 mit. Trotz Herzinfarkt und Schlammschlacht gegen ihn glaube ich, dass er jetzt der richtige Mann ist. Allerdings ist es immer wieder traurig ansehen zu müssen, dass die Personaldecke hinsichtlich jüngerer Kräfte für Spitzenpositionen in den Parteien so dünn ist.
Wenn sie das .S. meinen wofür er steht können sie es auch ausschreiben.SÜDZUCKER
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