Weiterstadt-Anschlag Ermittler suchen RAF-Trio

Haftbefehle gegen Ernst Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg gibt es seit Jahren - wegen Mitgliedschaft in der RAF. Nun bestätigen die Ermittler: Dem Trio wird längst konkret vorgeworfen, 1993 am letzten RAF-Anschlag auf das Gefängnis Weiterstadt beteiligt gewesen zu sein.

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Hamburg - Hat Ernst Volker Staub heute einen Vollbart? Haben sich ins Gesicht von Daniela Klette um den Mund tiefe Falten gegraben? Trägt Burkhard Garweg inzwischen ein Brille?

Burkhard Garweg, Ernst Volker Staub, Daniela Klette: Alte Fahndungsfotos des BKA
DPA/ BKA

Burkhard Garweg, Ernst Volker Staub, Daniela Klette: Alte Fahndungsfotos des BKA

Auf seiner Homepage versucht das Bundeskriminalamt (BKA), auf der Grundlage alter Fahndungsfotos Anhaltspunkte zu geben, wie die drei letzten Mitglieder der Rote Armee Fraktion (RAF) heute aussehen könnten, nach denen das Bundeskriminalamt per Haftbefehl fahndet. Sie gehören noch immer zu den meistgesuchten Personen in Deutschland: "Es ist davon auszugehen, dass die Gesuchten bewaffnet sind", warnt das BKA. Hohe Belohnungen sind ausgelobt, "im Einzelfall in Millionenhöhe".

Ernst Volker Staub, Daniela Klette und Burkhard Garweg gehören zur sogenannten dritten Generation der RAF. Die Morde an Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen, an Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder, sie alle gehen auf das Konto dieser letzten RAF-Generation vor der erklärten Selbstauflösung im Jahr 1998. Doch konkrete Täter konnten die Ermittler bislang bei keinem Verbrechen zuordnen, so war bislang der Eindruck.

Die Haftbefehle auf Staub, Klette und Garweg lauteten allgemein auf Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Staub und Klette warfen die Fahnder außerdem vor, an dem Millionen-Überfall auf einen Geldtransporter in Duisburg beteiligt gewesen zu sein. Ihre Täterschaft soll durch DNA-Spuren am Tatort zweifelsfrei nachgewiesen sein.

Haftbefehle erweitert

Erst jetzt wird bekannt, dass solches DNA-Material die Ermittler auch beim bislang als nicht geklärt geltenden letzten RAF-Anschlag aus dem Jahr 1993 weitergebracht haben soll. 200 Kilogramm Sprengstoff hatten am frühen Morgen des 27. März die gerade fertiggestellte Justizvollzugsanstalt im südhessischen Weiterstadt weitgehend zerstört. Ein "Kommando Katharina Hammerschmidt" der RAF bekannte sich: "Freiheit für alle politischen Gefangenen! Für eine Gesellschaft ohne Knäste!", hieß es in dem in einem Fahrzeug zurückgelassenen Selbstbezichtigungsschreiben.

Die Bundesanwaltschaft bestätigte heute zunächst einen Bericht des "Stern", dass Klette und Staub inzwischen konkret vorgeworfen wird, an der Sprengung des Gefängnisses in Weiterstadt beteiligt gewesen zu sein. Schon vor Jahren hätten der heute 49 Jahre alten Klette und dem 52-jährigen Staub am Tatort gefundene DNA-Spuren zugeordnet werden können, sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Sonja Heine. Verdächtig waren Klette und Staub den Ermittlern schon immer - dank der Erbinformationen konnte dieser Verdacht nun offenbar erhärtet werden.

Außerdem soll ein dritter der mutmaßlich fünf Täter von Weiterstadt identifiziert sein. Denn auch Burkhard Garweg, heute 39, wird ganz konkret wegen des Anschlags gesucht, wie die Sprecherin bestätigte. Ob auch in seinem Fall DNA-Spuren den Verdacht stützen, wollte sie nicht kommentieren. Die Haftbefehle gegen das Trio seien schon vor längerem um diesen konkreten Tatvorwurf erweitert worden.

Haare im Teppichfetzen

Wegen des Anschlags auf die Haftanstalt war bislang lediglich die RAF-Terroristin Birgit Hogefeld verurteilt worden, allerdings nur in erster Instanz. In der Revision wurde das Verfahren wegen dieser Tat dann eingestellt - die zu erwartende Strafe wäre angesichts der übrigen Verurteilungen nicht ins Gewicht gefallen. Hogefeld bekam 1996 unter anderem wegen Beteiligung an der Ermordung eines US-Soldaten und dem Anschlag auf die Frankfurter US-Airbase 1985 mit zwei Toten lebenslange Haft.

Hogefeld war im Juni 1993 auf dem Bahnhof von Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern festgenommen worden. Bei der Polizeiaktion starben ihr Komplize Wolfgang Grams und ein GSG-9-Polizist. Seinerzeit entgingen auch Klette und Staub ihrer Festnahme möglicherweise nur knapp. Sie hatten Grams zuvor offensichtlich begleitet, auf Gegenständen bei ihm wurden ihre Fingerabdrücke gefunden.

Die DNA der beiden war beim BKA gespeichert. Haare am Tatort Weiterstadt sollen sie als Urheber des Gefängnis-Anschlags entlarvt haben. Laut "Stern" fanden die Ermittler diese in Teppichfetzen, die die Täter zur Trittdämpfung auf die Sprossen von Leitern geklebt hatte, mit Hilfe derer sie die sechs Meter hohen Gefängnismauern überstiegen hatten.

Über Burkhard Garweg ist nur wenig bekannt. In Bonn geboren, zog er als Kind nach Hamburg, wurde dort in der linken Szene der Hafenstraße gesehen. Er ist der Jüngste, der je in die RAF-Fahndungsliste aufgenommen wurde. Über den Aufenthaltsort der Verdächtigen ist den Ermittlern nach eigenen Angaben nichts bekannt.

Die Sprecherin der Bundesanwaltschaft bestätigte heute zudem "Stern"-Informationen, nach denen den Fahndern auch DNA-Material von Tatorten weiterer Anschläge der dritten RAF-Generation vorliege. Allerdings hätten die Proben nicht alle bestimmten Verdächtigen zugeordnet werden können.



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