Weltfrauentag Ein Tag gegen den Alltag

Viele Menschen glauben, in Deutschland seien Männer und Frauen längst gleichberechtigt. Zwei Beispiele zeigen: Das stimmt nicht.

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Heute wird in vielen Ländern der Weltfrauentag begangen. Auch in Deutschland. Was kümmert mich das, mögen viele Leser jetzt denken. In Deutschland sind Männer und Frauen doch längst gleichberechtigt, alles super also.

Doch leider ist hier längst nicht alles super. Ein Blick auf zwei Beispiele zeigt, wie wichtig die gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Gleichstellung von Frauen auch in Deutschland immer noch ist.

Hebammenversorgung

Schlechte Bezahlung, dramatisch gestiegene Haftpflichtprämien für freiberufliche Hebammen und immer schwieriger werdende Arbeitsbedingungen sorgen dafür, dass immer mehr ihren Beruf aufgeben. Die Folgen für werdende Mütter sind fatal. Denn oft sind es die Hebammen, die jungen Müttern wichtige Hilfestellungen geben und bei Problemen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Das Problem ist seit Jahren bekannt, trotzdem verschlimmert es sich immer weiter. Egal, ob Grüne oder Linke im Bundestag Anträge stellen oder Berufsverbände Alarm schlagen, an der Situation hat sich bisher nichts geändert.

Natürlich, Notlagen wie diese geraten oft erst in das eigene Blickfeld, wenn man selbst betroffen ist. Umso verwunderlicher, dass sich die Hebammenversorgung über die Jahre eher verschlechtert hat, kommen viele Frauen und Männer im Laufe ihres Lebens doch mindestens einmal mit Geburtshilfe in Kontakt. Könnte das etwas damit zu tun haben, dass in diesem Land oftmals Menschen entscheiden, die das schon längst vergessen haben?

Werbung für Schwangerschaftsabbrüche

Wann immer es um Frauen und ihre körperliche Selbstbestimmung geht, wird es in Deutschland kompliziert. Das zeigt sich unter anderem daran, dass es Frauenärzten und - ärztinnen aufgrund eines Paragrafen aus den Dreißigerjahren untersagt ist, öffentlich über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren. Einigermaßen absurd, wenn man überlegt, dass der Abbruch selbst - zum Glück - unter bestimmten Umständen straffrei ist. Mit welchem Recht wird den betroffenen Frauen, die sich in einer belastenden Situation befinden, der Zugang zu neutralen Informationen so erschwert?

Man muss es leider so sagen: der Gesetzgeber, die Krankenkassen, große Teile der Gesellschaft - sie alle lassen Schwangere in dem Moment im Stich, wenn sie Hilfe und Unterstützung am nötigsten hätten, nämlich wenn sie schwanger sind, egal, ob gewollt oder nicht. Frauen, so scheint es, können es in diesem Punkt niemandem Recht machen. Möchten sie die Pille danach, unterstellt man ihnen, sie nähmen Arzneimittel wie Smarties, wollen sie beim Gebären eine andere Frau als Unterstützung, müssen sie sich anstellen. Ständig wird ihnen hineingeredet, ihnen ein schlechtes Gewissen gemacht, über sie gesprochen wie über unmündige Kinder. Gleichberechtigung sieht anders aus.

Es gibt noch viel zu tun

Frauen leiden öfter unter Altersarmut als Männer, sind sie alleinerziehend, droht ihnen der gesellschaftliche Abstieg, Frauen werden öfter Opfer von häuslicher Gewalt als Männer, sie bekommen weniger Gehalt als Männer, auch bei gleicher Leistung. Beschweren sie sich, heißt es oft, sie seien selbst schuld, sie würden schlechter verhandeln, die falschen Berufe wählen, die falschen Männer heiraten. Dabei ist es die Gesellschaft, die sie alleine lässt.

So vieles gilt es noch zu ändern, bis wir von wirklicher Gleichberechtigung sprechen können. Eine ganze Kultur muss sich ändern. Wird ein einziger Tag im Jahr dafür ausreichen? Ganz sicher nicht. Aber gerade deshalb ist der Weltfrauentag ein guter Anlass, um daran zu erinnern, dass der Kampf noch lange nicht vorbei ist.



insgesamt 128 Beiträge
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Seite 1
heinrichhaine 08.03.2018
1. Gleichbereichtigt
"Gleichberechtigt" ist hier der falsche Begriff, denn nach dem Gesetz (Recht) sind sie gleich-be-recht-igt. Dass dieses Gesetz nicht immer und überall auch umgesetzt, angewandt wird, das ist eine ganz andere, eine gesellschaftlichte Frage -"gleichbehandelt" wäre me.E. der passendere Begriff. Und was die "Gleichbehandlung" betrifft, da genießen Frauen auch einige Vorteile gegenüber den Männern, das sollte man, auch wenn die Diskussion berechtigt ist, nicht vergessen. Frauen sollten undbedingt gleich -aber keinenfalls besserbehandelt werden als Männer.
c.PAF 08.03.2018
2.
"Möchten sie die Pille danach, unterstellt man ihnen, sie nähmen Arzneimittel wie Smarties, ..." Nun, dann lest doch mal in Foren wie z.B. gutefrage.net. Da merkt man, daß Viele denken, daß das ein nützliches Smartie ist, und wie wenig die Frauen aufgeklärt sind. Die eine will ein Vorratspack der Pille danach, weil es so umständlich ist, nach jedem GV sich die Pille danach zu holen. Eine Andere fragt, ob man die PD auch direkt vor dem GV nehmen kann, oder wirklich erst danach. Aber die PD ist wirklich ein eigenes Thema...
grabenkaempfer 08.03.2018
3.
Die schlechte Situation bei den Hebammen ist gewiss kein Ergebnis einer Ungleichbehandlung von Frauen und Männern. "Schlechte Bezahlung, dramatisch gestiegene Haftpflichtprämien für freiberufliche Hebammen und immer schwieriger werdende Arbeitsbedingungen sorgen dafür, dass immer mehr ihren Beruf aufgeben." Diese Umstände sind geschlechtsneutral. Das es ausschließlich Frauen trifft, liegt am Hebammenverband selbst: "Zumal der Hebammenverband klar zu verstehen gibt, dass die Zunft weiblich sei und es auch bleiben werde." (Zeit-Artikel vom 08.07.2010) Das Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche ist in Zeiten des Internets eh ein Witz.
entspannt 08.03.2018
4. Denkbar schlecht gewählte Beispiele
Ausgerechnet die Themen um Schwangerschaft als Gradmesser für (mangelnde) Gleichberechtigung anzuführen, ist doch sehr unglücklich. Ein direkter Vergleich zu Rechten von Männern in der gleichen Situation ist nicht möglich, ergo kann man sich über Unzulänglichkeiten beschweren - eine Forderung nach Gleichstellung führt hier ins Leere.
Kamatipura 08.03.2018
5. So ein Schwachsinn
die Gleichberechtigung von Mann und Frau an einer verkorksten Gesetzeslage und mangelnder Unterstützung für Hebammen auszumachen. Natürlich ist deren Beruf und deren Bedeutung für werdende Eltern immens wichtig. Aber sollten Gesetze nicht für Menschen da sein? Gesetzestexte kann man ändern und den Mindestsatz für eine Hebamme auch. Aber solange wir PolitikerInnen haben, die sich lieber um Kampftruppen in Afghanistan kümmern, wird sich für die Hebammen wohl nichts ändern.
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