Wertewelten Türken fühlen sich unerwünscht

Kopftuch, Keuschheit und Koran: Immer mehr junge Türken in Deutschland wenden sich traditionellen türkischen Werten zu. Viele fühlen sich hierzulande abgelehnt, ein großer Teil will in seine frühere Heimat zurückkehren.

Von Lisa Hemmerich

Mädchen mit Kopftuch in einer Grundschule in Lichtenfels: Deutsch oder Türkisch?
DPA

Mädchen mit Kopftuch in einer Grundschule in Lichtenfels: Deutsch oder Türkisch?


Berlin - Es ist ein Ergebnis, das aufhorchen lässt: Gerade junge Türken in Deutschland wenden sich im privaten Bereich stärker den traditionellen Werten zu. Während sie gesellschaftlich immer besser integriert sind, was Berufstätigkeit und Bildung angeht, befürworten sie im Privaten Jungfräulichkeit vor der Ehe oder traditionelle Rollenverständnisse von Mann und Frau - und zwar stärker als ältere Generationen.

Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Studie zum Thema deutsch-türkische Wertewelten. Befragt wurden insgesamt 1000 Personen - zu einem Drittel jeweils Deutsche sowie in der Türkei oder Deutschland lebende Türken. Die Fragen behandelten allgemeine Wertvorstellungen, soziale und gesellschaftliche Toleranz und Freizeitaktivitäten.

Ursache für die Rückbesinnung auf traditionelle Werte sei gesellschaftliche Ablehnung: 45 Prozent der Befragten fühlten sich laut der Studie in Deutschland unerwünscht. "Jüngere denken, die wollen mich hier nicht, dann will ich lieber eine türkische Identität", sagte Holger Liljeberg, Geschäftsführer der Meinungsforschungsinstitute Info GmbH und Liljeberg Research International am Donnerstag. Ältere Menschen sähen das eher gelassener, so sein Fazit.

Viele Türken hadern mit ihrer Identität

Anwesend bei der Vorstellung der Studie war die CDU-Politikerin und ehemalige Ausländerbeauftragte Berlins, Barbara John. Sie sieht in unterschiedlichen Wertvorstellungen kein Problem und verglich die traditionellen Werte der Türken mit denen im Deutschland der sechziger Jahre. "Welche Werte man vertritt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Für ein Zusammenleben im Rechtsstaat ist das unbedeutend. Wir sind keine Gesinnungsgesellschaft", sagte sie.

2,7 Millionen Türkischstämmige leben in Deutschland, 30 Prozent von ihnen haben einen deutschen Pass. Viele Türken in Deutschland, so ein Ergebnis der Studie, haderten mit ihrer Identität. So sagten zwei Drittel, sie fühlten sich hier als Türken und in der Türkei als Deutsche. 42 Prozent wollen dorthin zurückkehren, wenn auch nicht sofort. Dabei zieht es deutlich mehr junge als ältere Deutschtürken in die Türkei.

Damit Integration besser gelinge, forderte Liljeberg, den Anpassungsdruck zu senken. Zwischen Bewahrung traditioneller Werte und Integration bestehe kein Widerspruch: "Die Umfrage zeigt, dass es eine Assimilation der Deutschtürken so schnell nicht geben wird, Integration schon." Diese könne besser gelingen, wenn Deutschland den Druck zurücknehme. Wie er forderten 82 Prozent der Befragten, die deutsche Gesellschaft solle stärker auf Gewohnheiten und Besonderheiten der türkischen Einwanderer Rücksicht nehmen.

Türkischunterricht an Schulen gefordert

Eines der Hauptprobleme seien laut Liljeberg Sprachbarrieren. "Das Problem ist, dass viele keine Sprache perfekt können", sagte er. Zur besseren Integration empfiehlt er ein Konzept, das seit Jahren debattiert und hoch umstritten ist: Er plädiert dafür, eine mögliche Einschulung auf Türkisch zumindest wahlweise anzubieten. Das befürworteten in der Umfrage auch 83 Prozent der türkischen Migranten in Deutschland, 94 Prozent der Türken in der Türkei, dagegen nur 31 Prozent der befragten Deutschen.

Parallel dazu solle Deutsch verpflichtend erlernt werden. "Man kann keine Kultur und Bildung mit 30 Prozent des Wortschatzes beherrschen", sagte Liljeberg. "Deutsch lernt sich dann zum Teil von selbst."

Dem widersprach die ehemalige Berliner Ausländerbeauftragte John. "Die Annahme, man müsse erst eine Muttersprache beherrschen, ist sprachtheoretisch widerlegt", sagte sie. Sie sieht darin eher ein soziales Phänomen. Das Problem von Einwandererfamilien sei doch nicht, dass zu Hause nur die Muttersprache gesprochen werde, konstatierte sie. Es werde "überhaupt zu wenig gesprochen".

Mit Material von dpa/AP/ddp/AFP



Forum - Kopftuch, Keuschheit und Koran - Sind junge Türken schlecht integriert?
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schneewolf, 19.11.2009
1.
ist das eine Frage? anscheinend ist es besser, bei Wien den Zuzug wieder zu begrenzen!
SaT 19.11.2009
2. Integrationsversuche sind hier zwecklos
Wobei die Rückkehr in die Heimat so einige Überraschungen parat halten könnte. Die Istanbuler Jugend scheint mir weitaus aufgeklärter und moderner zu sein als so mancher Deutschtürke. Wer natürlich in ein ostanatolisches Bergdorf auswandern möchte – bitte schön. Ein in Deutschland lebender Türke der prinzipiell nicht bereit ist, dass seine Schwester oder Tochter einen deutschen Freund hat, sollte tatsächlich gehen. Integrationsversuche sind hier zwecklos.
isnogud75 19.11.2009
3.
Zitat von sysopKopftuch, Keuschheit und Koran: Immer mehr junge Türken in Deutschland wenden sich traditionellen türkischen Werten zu. Viele fühlen sich hierzulande abgelehnt, ein großer Teil will in seine frühere Heimat zurückkehren. Sind junge Türken schlecht integriert?
Diese jungen Türken, die der sysop mal wieder anspricht, sind weder hier noch dort zu Hause. Wer etwas gebildeter ist, der weiß, daß Kopftuch und Koran im laizistischen Staat Türkei absolut verpönt sind. Und Keuschheit ist keine Sache der Türken allein. Nur bei uns nennt man es "oversexed and underfucked", wenn ich es mal so bezeichnen darf. Diejenigen Türken, die also ihren romantisierenden Vorstellungen von "traditionellen türkischen Werten" nachhängen, sind meiner Meinung ach wirklich schlecht integriert. Wenn sie aber, die oft hier geboren worden sind, in ihre "frühere Heimat" zurückkehren wollen, wird sie wohl niemand aufhalten wollen. Sie werden dort aber genauso auf die Nase fallen wie sie es hier tun. Das Problem für uns wird es aber sein, daß gerade die integrationswilligen Akademiker abwandern wollen, während die Hartz IV-Empfänger hier bleiben und eine Parallelgesellschaft bilden werden.
nici2412 19.11.2009
4. Lächerliche Forderungen
"Damit Integration bessere gelinge, forderte Liljeberg, den Anpassungsdruck zu senken" Soll das ein Witz sein? Noch weniger anpassen? Sollen die Deutschen jetzt die türkische Identität annehmen oder soll es weiter gehen wie gehabt?
newright 19.11.2009
5. Wo ist das Problem?
Es zwingt sie doch niemand zu bleiben, wenn sie meinen das es in der Türkei schöner ist, dann sollen sie dahin zurückkehren. Wenn es mir in Deutschland nicht mehr gefällt, wandere ich auch aus, also wo ist das Problem?
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