Ex-Außenminister Westerwelle kritisiert Merkel in Homosexuellen-Debatte

Ex-Außenminister Guido Westerwelle findet in einem Interview deutliche Worte zur Homosexuellen-Debatte. Die Gleichstellung sei bislang am Unwillen der Kanzlerin gescheitert. Der FDP-Politiker sieht eine "große Koalition der Spießigkeit" am Ruder.

Westerwelle (links) mit Partner Mronz (2011 bei den Festspielen Bayreuth): "Momente der Selbstverleugnung"
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Westerwelle (links) mit Partner Mronz (2011 bei den Festspielen Bayreuth): "Momente der Selbstverleugnung"


Berlin - Lange sprach Guido Westerwelle öffentlich gar nicht über sein Schwulsein. In den vergangenen Jahren wurde er bei dem Thema dann entspannter. Jetzt hat der FDP-Politiker dem "Stern" gleich ein ganzes Interview zur Gleichstellung von Homosexuellen gegeben.

Darin fordert der frühere Außenminister von Angela Merkel, dass sie die Gleichstellung von schwulen und lesbischen Lebenspartnerschaften mit der Ehe vorantreiben solle. Auf die Frage, ob die vollständige Gleichstellung bislang am Unwillen der Kanzlerin gescheitert sei, sagte der Ex-Außenminister: "Ja. Aber nun hat sie es in der Hand."

Er würde es begrüßen, wenn sie den Worten ihres Sprechers politische Taten folgen lassen würde. Dieser hatte das Coming-out des früheren Fußballspielers Thomas Hitzlsperger vergangene Woche ausdrücklich gelobt.

Westerwelle regierte bis Ende vergangenen Jahres gemeinsam mit Merkel in der schwarz-gelben Koalition. Dazu sagte er: "Mir wäre es lieber, wenn das, was in unserer Regierungszeit so gut vorangekommen ist, jetzt auch vollendet würde, nämlich die völlige rechtliche Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften mit der Ehe."

"Große Koalition der Spießigkeit"

Deutschland ist in den Augen des früheren FDP-Chefs trotz allem noch immer keine ausreichend aufgeklärte Gesellschaft. "Die SPD war doch meist nicht besser. Wenn es um Spießigkeit geht, gab es in Deutschland von jeher eine wirklich ganz große Koalition." Westerwelle lebt seit September 2010 mit dem Veranstaltungsmanager Michael Mronz in eingetragener Partnerschaft.

Westerwelle wies in dem "Stern"-Interview Vorwürfe zurück, er habe in seiner Zeit als Vizekanzler und Außenminister nicht laut genug auf die Diskriminierung von Homosexuellen in arabischen und osteuropäischen Ländern hingewiesen. "Das habe ich stets, wo es nötig war. Ich war aber zunächst Außenminister und erst in zweiter Linie ein schwuler Außenminister."

Auch in Saudi-Arabien, wo Homosexuellen die Todesstrafe droht, habe er ausführlich über Bürgerrechte und innere Liberalität gesprochen - "in angemessener und diplomatischer Weise, wie es bei Kontroversen international üblich ist".

Westerwelle würde nach Sotschi reisen

Zum Streit über die Olympischen Spiele im russischen Sotschi nahm Westerwelle ebenfalls Stellung. Im Gegensatz zu Bundespräsident Joachim Gauck, der die Winterspiele nicht besuchen will, würde Westerwelle eine solche Reise antreten. Wäre er noch Außenminister, so würde er hinfahren, "und zwar nicht allein", sagte er. Russland steht wegen der schwulenfeindlichen Politik des Kreml in der Kritik.

Westerwelle hatte den Großteil seiner politischen Karriere nicht öffentlich über seine Homosexualität gesprochen. "Die Momente der Selbstverleugnung gab es, ja", sagte er im Interview. "Aber da war ich viel, viel jünger." Allgemein werde es noch dauern, bis das Thema Homosexualität zu einer allgemein akzeptierten Tatsache geworden sei. Allerdings sei er optimistisch: "Ich sage Ihnen: Bevor ich den Löffel abgebe, ist Schwulsein eine Selbstverständlichkeit."

fab

insgesamt 92 Beiträge
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vbhfgdl 15.01.2014
1. Herr Westerwelle ...
Zitat von sysopAFPEx-Außenminister Guido Westerwelle findet in einem Interview deutliche Worte zur Homosexuellen-Debatte. Die Gleichstellung sei bislang am Unwillen der Kanzlerin gescheitert. Der FDP-Politiker sieht eine "große Koalition der Spießigkeit" am Ruder. Westerwelle im stern-Interview über Merkel, Schwulsein, Gleichstellung - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/westerwelle-im-stern-interview-ueber-merkel-schwulsein-gleichstellung-a-943670.html)
… tut so, als gäbe es nicht das Lebenspartnerschaftsgesetz, das den berechtigten (!) Interessen Homosexueller nach einer Verrechtlichung ihrer Partnerschaften angemessen Rechnung trägt. Den Rest hat - bis auf die Fremdadoption - das BVerfG erledigt. Wie vor diesem Hintergrund von "Spießigkeit" (was immer das sein mag) die Rede sein kann, erschließt sich nicht.
astrobyte 15.01.2014
2. Ich hoffe, dass es mal so alltäglich ist,
schwul zu sein, dass sich niemand mehr "outen" muss. Heterosexuelle outen sich ja schließlich auch nicht, obwohl es so viele verschiedene Arten gibt, Heterosexualität zu leben. Aus unseren Köpfen muss der Begriff "normal" verschwinden, weil es keine Normen mehr gibt.
anton.007 15.01.2014
3. vor der eigenen Türe kehren
Westerwelle war der schwächste Außenminister in der Geschichte der Bundesrepublik. Er war maßgeblich am Niedergang der FDP beteiligt. Nun gegen Merkel nachzutreten, zeigt sein diplomatisches Geschick! Und ja, ich fand es nicht gut, dass er auf offiziellen Reisen seinen Partner mit in die arabischen Länder mitgenommen hat!
flug430 15.01.2014
4. Westerwelle und seine Homosexualität!
Guido hat sich geoutet und dies ist auch gut so aber er sollte nicht jeden Tag über die Medien dies nochmals kund tun. Jeder soll leben, wie es ihm passt. Erst dann wird die Homosexualität auch mehr und mehr in allen seinen möglichen Formen anerkannt.
Randycalifornia 15.01.2014
5. Überraschende Aussagen
Zugegeben hat Westerwelle keinen einfachen Stand bei mir. Nicht weil er schwul ist, sondern wegen seiner Art und seinen politischen Ansichten. In all den Jahren als er in der Opposition war oder jetzt in der Regierung, hat er sich noch nie für homosexuelle Belange eingesetzt. Jetzt als er mit der gesamten FDP Mannschaft untergangen ist, kommt er mit solchen Äußerungen. Selbst bei einer erneuten Schwarz Gelben Regierung, hätte er nichts gemacht. Dies scheint aber kein Einzelfall zu sein. Bei Wowereit ist es ähnlich. Die Merkel wird bei dem Thema mit Sicherheit nichts machen. Sie hat der CDU und CSU bei vielen Themen einfach zu viel zugemutet, aber das würde nicht mit den Parteien gehen.
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