Westerwelle in Berlin "Kein Todesbuch, sondern ein Lebensbuch"

Guido Westerwelle ist zurück in der Öffentlichkeit - aber ganz anders, als man ihn in Erinnerung hat: sanft, nachdenklich, nahbar. Seinen Kampf gegen den Krebs beschreibt der FDP-Politiker in einem Buch, das er in Berlin vorstellte.

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Natürlich ist die FDP nicht verschwunden aus dem Leben von Guido Westerwelle. Das kann man schon daran erkennen, dass der Foyer-Nebenraum des Berliner Ensembles an diesem Sonntagmittag mit Menschen bevölkert ist, die in vergangenen Zeiten wichtige Rollen in Partei und Bundesregierung hatten: Ex-Minister, -Staatssekretäre und -Generalsekretäre, ehemalige Regierungssprecher und einstige enge Mitarbeiter. Auch der aktuelle FDP-Chef Christian Lindner schaut vorbei. Jemand von ihnen murmelt: "Ist ja wie beim Klassentreffen".

Aber Guido Westerwelle, 53, hat jetzt ein neues Leben. "Zwischen zwei Leben - von Liebe, Tod und Zuversicht" heißt das Buch, das er im kleinen Kreis in dem Berliner Theater vorstellt. Westerwelle war vor anderthalb Jahren an akuter myeloischer Leukämie erkrankt, im September 2014 bekam er eine Knochenmarksspende. Die Transplantation hat seine Blutgruppe verändert - und ihm, so sieht er das, ein zweites Leben geschenkt. Darüber spricht Westerwelle auch in einem großen Gespräch im neuen SPIEGEL.

Er will nach vorne schauen: "Ich beschäftige mich mit der Frage, wie werde ich wieder gesund?". Und deshalb möchte sich Westerwelle mit der Frage, welche Rolle seine Partei heute noch für ihn spiele, nicht beschäftigen. Der frühere FDP-Chef, Vizekanzler und Außenminister sagt dann doch etwas: "Das ist so weit weg." Und: "Ich bin mit niemandem im Streit."

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Ex-Außenminister: Westerwelle zurück im Rampenlicht
Westerwelles neues Leben also. Er trägt die Elder-Statesmen-Uniform: Hemd, blaues Sakko, graue Hose. Man erlebt einen Mann, der immer noch gezeichnet ist von der schweren Krankheit. Hager, er geht staksig, für die wenigen Stufen auf die Bühne hinauf muss Westerwelle seine ganze Kraft zusammennehmen. Aber im Sitzen wirkt er schon wieder munter, gestikuliert viel, erzählt lebendig.

Gut einstündiger Auftritt

"Mir geht es eigentlich ganz gut", sagt Westerwelle. Die Hand darf man ihm wegen der Infektionsgefahr nicht schütteln, vorab entschuldigt er sein Nuscheln: "Ich kämpfe mit einer Abstoßungsreaktion" - aber das scheint ihn dann doch wenig zu behindern während des gut einstündigen Auftritts mit Moderatorin Dunja Hayali und dem Journalisten Dominik Wichmann, der das Buch gemeinsam mit Westerwelle geschrieben hat.

Den Kampf gegen den Krebs hat Westerwelle noch nicht gewonnen. Rückschläge gehören dazu, "zwei Schritte vor, einer zurück", so sei das eben. Direkt vor der Bühne sitzt sein behandelnder Chefarzt vom Uni-Klinikum in Köln. Auch ihm hat er wohl einen Teil seines neuen Lebens zu verdanken. Daneben sitzt Westerwelles Partner Michael Mronz - ihm ist das Buch gewidmet.

"Man bleibt derselbe Mensch, und ist doch ein anderer geworden", sagt Westerwelle. Welche Wandlung er durchgemacht hat, ist in der Tat bemerkenswert. Jedenfalls für diejenigen, die aus der Vergangenheit nur den öffentlichen Guido Westerwelle kannten. Er selbst drückt das so aus: "Ich hab' ja auch manchmal auf den Pudding gehauen." Westerwelle war ein absoluter Machtmensch, der Ehrgeiz trieb ihn früh in die höchsten Ämter - schon mit 39 war er FDP-Chef. Hochmütig war auch so ein Attribut, das man ihm verpasste.

Umso mehr fällt die Demut auf, mit der Westerwelle sich nun an sein zweites Leben macht. Wer krank wird und dem Tod ins Angesicht geschaut hat, der sieht anschließend oft vieles anders. Westerwelle erlebte so einen Moment konkret, als nach der Transplantation im Zuge einer Injektion ein allergischer Schock auftrat. Er habe gedacht, "so fühlt sich also Sterben an", erzählte Westerwelle dem SPIEGEL.

Westerwelle will Aufmerksamkeit für die Krankheit

Er ist nicht gestorben, anders als eine Reihe von Mitpatienten aus dem Kölner Uni-Klinikum. Er kann schon wieder in die Oper, lesen, spazieren gehen. Er kann wieder leben. Aber viele andere finden nicht so rasch einen Spender oder haben weniger gute Ärzte und medizinische Möglichkeiten. Auch dafür habe er sein Buch geschrieben, sagt Westerwelle, um Aufmerksamkeit zu schaffen. Erst am Vorabend habe er wieder über eine junge Frau gelesen, die dringend eine Knochenmarkstransplantation brauche.

"Es ist kein Krankheitsbuch, kein Todesbuch, sondern ein Lebensbuch", sagt Westerwelle. Er wird weiter kämpfen um sein neues Leben und dafür, dass möglichst viele andere ähnlich Erkrankte ebenfalls wieder genesen. Dafür geht Westerwelle nun dosiert in die Öffentlichkeit, am Abend wird er bei Günther Jauch in der ARD zu Gast sein, auf der Buchmesse lit.COLOGNE in Köln ist fürs Frühjahr ein größerer Auftritt geplant.

Natürlich ist Westerwelle weiterhin ein politischer Mensch, im SPIEGEL äußert er sich auch zur Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und seinem Nachfolger im Auswärtigen Amt, Frank-Walter Steinmeier. Nur: Das alles ist nebensächlich geworden. Er hat jetzt anderes zu tun.

Nach der Vorstellung sitzt Westerwelle an einem kleinen Tisch und signiert sein Buch. Auch ein paar der FDP-Getreuen stellen sich brav in die Schlange. Einer von ihnen hat anschließend Tränen in den Augen.

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