ThemaGuido WesterwelleRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Westerwelles Imageprobleme Egotrip in die Sackgasse

Skandal-Logik: Wie Westerwelle sich selbst abgeschossen hat
Fotos
AP

Ich, ich, ich - das war in den vergangenen Jahren stets die Botschaft von Guido Westerwelle. An dem Außenminister haftet das Image eines Politikers, der sich selbst inszeniert. Der Vergleich mit einem alten Fall aus der US-Politik zeigt: Das öffentliche Bild zu korrigieren, kann ihm kaum gelingen.

Tony Schwartz, der wohl bekannteste US-Wahlkampfguru, hat in seinem Leben mehr als 20.000 Werbespots gebastelt. Aber seine gesammelte Weisheit fasste er in zwei Sätzen zusammen: Es kommt nicht darauf an, dem Wähler etwas beizubringen. Es kommt darauf an, etwas aus ihm herauszuholen.

Das, was er über eine Person ohnehin schon denkt.

Schwartz' berühmtester Spot, gedreht für den Demokraten Lyndon B. Johnson im Präsidentschaftswahlkampf 1964 gegen den Konservativen Barry Goldwater, zeigt ein kleines Mädchen im hellen Sommerkleid auf einer Wiese. Sie zählt die Blätter einer Blume, plötzlich fährt die Kamera auf ihre Pupille, eine Stimme beginnt wie in einem Raketen-Countdown zu zählen. Bei Null füllt die Explosion einer Atombombe den Bildschirm, aus dem Off ertönt: "Darum geht es: Eine Welt zu schaffen, in der alle Kinder Gottes leben können."

Der Name von Goldwater taucht in dem kurzen Film gar nicht auf. Aber jeder dachte sofort an ihn - weil der Republikaner als Hitzkopf galt, als unberechenbarer Kalter Krieger, der Amerikas Kinder auch in einen Nuklearkrieg mit den Russen verstricken würde.

Goldwater verlor die Wahl gegen Johnson krachend. Fast ein halbes Jahrhundert später gilt er noch immer als der große Radikale der US-Politik.

Der Mann mit zu viel Ellenbogen

Guido Westerwelle scheint es wie Barry Goldwater zu ergehen. Die vielen kleinen Vorwürfe gegen ihn, die anderen Politikern vielleicht sogar noch durchgingen, kleben an ihm wie Kletten. Erst waren es seine Äußerungen über Hartz-IV-Empfänger. Dann die besonderen Reisekonditionen für FDP-Spender. Schließlich der Auftritt bei einer Netzwerkveranstaltung, die sein geschäftstüchtiger Lebensgefährte mitorganisierte.

Die Fehltritte bestätigten ein Bild von Westerwelle, mit dem er sogar kokettiert hat. Das eines Mannes mit zu vielen Ellenbogen, darauf bedacht, sich in Szene zu setzen und seine Klientel zu versorgen. Er gilt als einer, der für eine schrille, überdrehte Politik steht, also etwas, was so gar nicht zum Amt des deutschen Chefdiplomaten passt.

Daher aktiviert jeder kleine Satz über "FDP-Buddies", über Wirtschaftsfreunde, über lukrative Verbindungen mittlerweile, was Linguisten "frames" nennen, Bilder oder Konzepte im Kopf - so wie das Bomben-Video an Barry Goldwater denken lässt. Das geschieht unbewusst. Bei vielen Bürgern werden mit jeder Nennung von Westerwelle umgehend Assoziationen wach, die an dessen frühere Inszenierungen erinnern.

Deshalb zeigen die Attacken gegen den FDP-Mann viel mehr Wirkung als etwa Kritik an Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in der Kunduz-Affäre. Dass der CSU-Mann in wichtigen Punkten seine Meinung änderte, dass er mit möglicherweise vagen Begründungen wichtige Mitarbeiter feuerte, ist noch nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert. Es trifft nicht den Kern seiner politischen Persönlichkeit.

Bei Westerwelle denken viele an Egoismus

Westerwelle hingegen hat sich über Jahrzehnte selbst in die "Marke Ich" verwandelt. Er hat die 18 auf seine Sohle gemalt, er stilisierte sich zum Fürsprecher der Besserverdiener, er steuerte ein "Guidomobil". Es war ein langer Egotrip.

Das ist nun sein Problem. Bei "Tempo" denkt man an Taschentücher, bei "Mercedes" an Zuverlässigkeit - und bei Westerwelle an Selbstinszenierung. Nur will dafür keine Partei stehen, auch die FDP nicht.

Der Außenminister wird alles daran setzen, den Vorwürfen zu begegnen und dieses Bild zu korrigieren. Etwa indem er sich als Opfer einer linken Kampagne ausgibt. Oder als Chefdiplomat die besonders würdevolle Pose erprobt.

Aber das Egoisten-Image abzustreifen, ist ein Unterfangen, das Westerwelle kaum gelingen dürfte. Er hat ja auch gar keinen Gegner, gegen den er antreten kann. Anders als bei Barry Goldwater brauchte es keinen finsteren Werbeguru des politischen Gegners, der die Wähler gegen ihn mobilisiert. Westerwelle hat mit seiner Handlungsweise und seiner Reaktion auf die Kritik daran etliche Bürger höchstpersönlich gegen sich aufgebracht.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
alles aus der Rubrik Deutschland
alles zum Thema Guido Westerwelle

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP



TOP