Westerwelles Niedergang: "In Liebe, Guido"

Für Guido Westerwelle war 2010 ein Katastrophenjahr: Den Absturz des einstigen FDP-Strahlemanns hat SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Severin Weiland verfolgt - auch in skurrilen Momenten.

Guido Westerwelle: Das Gesicht der FDP Fotos
dapd

Guido Westerwelle spielte noch immer den Oppositionsführer. Laut, schrill, in der Tonlage oft übertrieben. Anfang Februar hatte er in einem Zeitungsbeitrag eine Sozialstaatsdebatte über Hartz-IV-Empfänger angezettelt: "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein." Die Kanzlerin distanzierte sich, das sei nicht ihr "Duktus". Der Mann, der seine FDP auf ein Rekordergebnis von 14,6 Prozent gehievt hatte, war gerade dabei, sich selbst ins Abseits zu schieben. Nur schien er es nicht zu merken.

Zwei Wochen nach seinen berühmten Sätzen standen wir Journalisten nach einem Auftritt Westerwelles im Foyer der Bundespressekonferenz.

Wir waren fassungslos.

Eine halbe Stunde zuvor hatte eine Kollegin der "Berliner Zeitung" den Vizekanzler gefragt, wo bei ihm die Grenze zur Demagogie verlaufe. Westerwelle hatte flachsend auf seinen Zeitungsbeitrag verwiesen: "Wenn Sie möchten, gebe ich Ihnen ein Exemplar und schreibe drauf: In Liebe, Guido". Kaum jemand im Saal lachte.

Nun stand er plötzlich vor uns. Und hatte eine Kopie seines Zeitungsbeitrags in der Hand. Er blieb stehen und schrieb tatsächlich vor unser aller Augen darauf: "Mit Dank für Ihr Interesse. 'In Liebe' Ihr Guido Westerwelle." Die Kollegin zeigte uns das Blatt, wir blickten ungläubig Westerwelle hinterher, der beschwingt aus der Tür ins Freie entschwand.

Es sollte das letzte Mal sein, dass wir ihn so locker sahen. Tatsächlich hatte er mit seinem Hartz-IV-Provokationen für einen kurzen Moment die FDP aus dem Umfragetief herausgeholt. Es schien, als würde er es allen noch einmal zeigen: Uns, den ewig nörgelnden Journalisten, die seine Steuersenkungspläne angesichts des Haushaltslochs kritisierten, aber auch jenen in der Partei, die sich endlich staatsmännische Töne von ihm erhofften. Doch es war nur noch ein kurzes Aufflackern. In seiner eigenen Partei schlugen viele die Hände über dem Kopf zusammen. Ein Parteiveteran sagte verzweifelt am Telefon: "Es ist furchtbar, er ist wie er ist." Dann sanken die Umfragen. Westerwelle versuchte umzuschalten. Er nahm sich die Kritik in den eigenen Reihen zu Herzen, er sagte fast nichts mehr zur Innenpolitik, verlegte sich aufs Amt des Außenministers.

Es war, als hätte er sich selbst weggezaubert. Von der innenpolitischen Bühne, die er einst so gern bespielt hatte.

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1. NEUwahlen jetzt
kdshp 24.12.2010
Zitat von sysopFür Guido Westerwelle war 2010 ein Katastrophenjahr: Den Absturz des einstigen FDP-Strahlemanns hat SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Severin Weiland verfolgt - auch in skurrilen Momenten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,735692,00.html
Guido Westerwelle spielte noch immer den Oppositionsführer. (aus dem artikel) Hallo, genau das ist eines der ganz großen problem des herrn W.
2. Guido
podsches 24.12.2010
Wenn man sich so wie Käp`'n Iglu vergält dann braucht man sich über seinen eigenen Niedergang nicht wundern. Der Niedergang ist bei den anderen Parteieb#n (CDU/CSU und SPD) gleich, nur waren die auf einem höheren Level, sodass sichdas nicht gleich lebensbedrohlich für die Partei ergab. In der heutigen Politik ist nicht mehr der Amtseid mit dem versprechen : "Zum Wohle des Landes und zum Abwenden von Schäden" zu arbeiten, sondern primär um die eigene Profilierung und die Position wichtig. Alles andere wird in den Hintergrund geschoben und ist unwichtig. Wenn man gewählt ist vertritt man nicht mehr die Interessen der eigenen Wähler, sondern nur mehr seiner Klientel. Das sich die Wähler dann von den Politikern abwenden ist eine logische Schlußfolgerung. Wenn sich unsere Herren Politiker keinen Ruck geben und sich radikal ändern wird wohl die größte Fraktion die der Nichtwähler sein. Sogar mit absoluter Mehrheit.
3. Debatte-Debakeln
toskana2 24.12.2010
Zitat von sysopFür Guido Westerwelle war 2010 ein Katastrophenjahr: Den Absturz des einstigen FDP-Strahlemanns hat SPIEGEL-ONLINE-Redakteur Severin Weiland verfolgt - auch in skurrilen Momenten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,735692,00.html
Was soll man zu einer traurigen Figur noch sagen? Nach all den Debatte-Debakeln kann er langsam selbst seinen erbitterten Kritikern leid tun. So weit ist es gekommen mit jemandem, der noch vor kurzem vor Kraft nur strotzte! Vanitas vanitatum et omnia vanitas!
4. Opposition
Hubert Rudnick 25.12.2010
Zitat von kdshpGuido Westerwelle spielte noch immer den Oppositionsführer. (aus dem artikel) Hallo, genau das ist eines der ganz großen problem des herrn W.
Mehr als Opposition spielen kann er ja auch nicht, sein gestiges Vermögen scheint auf Zwischenrufe begrenzt zu sein, er ist anscheinend selbst nicht in der Lage eine Führungsrolle anzunehmen, alles müssen ihm andere erst sagen was er vorzutragen hat. Nicht nur das er ein sehr schwacher Parteichef ist, denn sonst hätte er seine Partei immer mit einbezoen, aber auch als ein Außenminister ist er nur unfähig und das haben ihm seine vermeintlichen Freunde sehr deutlich gesagt. Wenn man mir zu verstehen gegeben hätte, dass ich meine damalige Funktion nicht ausfüllen könnte, dann hätte ich aber längst einen anderen Weg eingeschlagen. Viele Politiker können das nicht, sie bleiben kleben auf ihren Stühlen und lassen keinem anderen heran. Die Reise mit Guidos Spaßmobile war doch das einzige wo er sich so präsentiert hatte wie es ihm zustand, warum ist er denn nicht dabei geblieben? Auch ein akademischen Abschluß sagt nichts über die Qualität eines Menschen aus. Guido Westerwelle, sie sind die größte Fehlbestzung die sich eine Regierung in den letzten Jahren erlaubt hatte. HR
5.
kdshp 25.12.2010
Zitat von Hubert RudnickMehr als Opposition spielen kann er ja auch nicht, sein gestiges Vermögen scheint auf Zwischenrufe begrenzt zu sein, er ist anscheinend selbst nicht in der Lage eine Führungsrolle anzunehmen, alles müssen ihm andere erst sagen was er vorzutragen hat. Nicht nur das er ein sehr schwacher Parteichef ist, denn sonst hätte er seine Partei immer mit einbezoen, aber auch als ein Außenminister ist er nur unfähig und das haben ihm seine vermeintlichen Freunde sehr deutlich gesagt. Wenn man mir zu verstehen gegeben hätte, dass ich meine damalige Funktion nicht ausfüllen könnte, dann hätte ich aber längst einen anderen Weg eingeschlagen. Viele Politiker können das nicht, sie bleiben kleben auf ihren Stühlen und lassen keinem anderen heran. Die Reise mit Guidos Spaßmobile war doch das einzige wo er sich so präsentiert hatte wie es ihm zustand, warum ist er denn nicht dabei geblieben? Auch ein akademischen Abschluß sagt nichts über die Qualität eines Menschen aus. Guido Westerwelle, sie sind die größte Fehlbestzung die sich eine Regierung in den letzten Jahren erlaubt hatte. HR
Hallo, im grunde gehen doch viele politiker wie herr westerwelle in die politik weil sie in der wirtschaft nix werden würden. Was herr w. bis jetzt an sozialen leistungen bekommt also übergangsgelder, alterversorgung usw. hätte er in der wirtschaft nie erreicht ER wäre wohl immer noch der kleine anwalt um die ecke der jeden monat bangen muss seine rechnungen nicht zahlen zu können. Am besten finde ich dann wenn ein herr lindner (FDP) als eventueller nachfolger gehandelt wird denn ER hat schon total in der wirtschaft versagt und hat mal eben 2mil euro staatsgelder verpulfert. 27.11.2004 Pleite mit der Firma – Glück in der Partei Die Politik hat ihn damals offenbar nicht ausgefüllt: eine von Lindner geführte Firma hat in der Rekordzeit von 18 Monaten fast zwei Millionen Euro aus dem Topf der Kreditanstalt für Wiederaufbau verbrannt; eine zweite Kölner Firma wurde ebenfalls mangels Aufträgen liquidiert. „Da gab es Licht und Schatten“, sagt Lindner, „ohne Risiko geht es nicht“. Jetzt habe er aus Fehlern gelernt und seine Aktivitäten neu verteilt. „Ich konzentriere mich jetzt auf das Mandat, ich mache da eine Portfolio-Bereinigung“, sagt er. http://www.tagesspiegel.de/politik/pleite-mit-der-firma-glueck-in-der-partei/566102.html
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