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Westerwelles Outing: Guidos inszenierte Enthüllung

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Seit Mittwoch ist Deutschland klüger. Per "Bild"-Beweis erfuhr die Nation, dass FDP-Chef Guido Westerwelle schwul ist. Dem Politiker kommt die Enthüllung seines offenen Geheimnisses ganz recht auf dem Weg zum möglichen Ministersessel. Deshalb arbeitete er am eigenen Outing auch kräftig mit.

"Bild"-Schlagzeile: "Offiziell als Lebensgefährte des FDP-Vorsitzenden eingeführt"

"Bild"-Schlagzeile: "Offiziell als Lebensgefährte des FDP-Vorsitzenden eingeführt"

Berlin - Gast auf der ersten Seite der "Bild" zu sein, ist nicht immer ein Vergnügen. In den vergangenen Tagen, mitten im nachrichtenleeren Sommerloch, fand Nationaltorwart Oliver Kahn hier ärgerliche Details aus seinem Ehevertrag wieder. Vorher wurde über das Geschacher um Inge Meysels Erbe und vermeintliche Botschaften aus dem Jenseits geschrieben und noch davor schlachtete die Boulevardgazette jedes Detail über den Tod der Schauspielerin Jennifer Nitsch aus.

Auch am Mittwoch hatte die "Bild" einen echten Sommer-Coup: "FDP-Chef Guido Westerwelle liebt diesen Mann." Unter der Zeile sah man Westerwelle und einen Mann "mit Michael-Schumacher-Kinn". Auf Seite zwei erklärte Ex-"FAZ"-Herausgeber Hugo Müller-Vogg, wie Westerwelle "sein größtes Geheimnis" lüftete. Er brachte seinen Lebensgefährten auf die Geburtstagsparty von CDU-Chefin Angela Merkel mit und drängte sich mit ihm neben CSU-Chef Edmund Stoiber in die erste Reihe. Quasi als Protokollchef konstatierte Müller-Vogg, dass der Mann auf dem Foto "nun offiziell als Lebensgefährte des FDP-Vorsitzenden eingeführt" sei.

Eigentlich müsste Westerwelle außer sich sein. Ganz entgegen der ungeschriebenen Regeln hatte eine Zeitung sein nicht nur unter Journalisten bekanntes Geheimnis enthüllt und dann noch mit einem Foto belegt. Normalerweise gilt unter den Hauptstadtschreibern die Maxime, so lange das Privatleben eines Politikers nicht die praktische Arbeit betrifft, ist sie für die Berichterstattung irrelevant. Dass über Affären, Ehestreits und andere Dinge trotzdem viel getratscht wird, versteht sich von selbst.

"Ein Stein vom Herzen gefallen"

Medienprofi Westerwelle: In Privatsachen ganz leise
AP

Medienprofi Westerwelle: In Privatsachen ganz leise

Doch Westerwelle empört sich nicht. Schon am frühen Morgen joggte er erstmal wie gewohnt. Gut gelaunt spazierte er später zu einem Termin in der britischen Botschaft. "Ich lebe mein Leben und mehr sage ich dazu nicht", rief er lächelnd den wartenden Journalisten zu. Über seine Pressestelle ließ er ein etwas förmlicheres Zitat absetzen: "Privatleben ist Privatsache." Ganz ähnlich auch der nun als Westerwelle-Freund geoutete Kölner Manager: "Ich habe mich bisher nicht zu meinem Privatleben geäußert und werde dies auch in Zukunft nicht tun." Wirkliche Empörung kann man aus diesen Äußerungen nicht heraushören.

In der FDP-Parteizentrale sagt einer, dem Chef sei "ein Stein vom Herzen gefallen", als er die Schlagzeile gesehen hat. Seit Jahren hatte sich Westerwelle zwar nie zu seinem Privatleben geäußert, es aber auch nie versteckt. "Nun aber ist die Sache endlich und mit einem Schlag auf dem Tisch und auch bald wieder vergessen", sagt ein Parteifreund. Ganz ähnlich soll es der Chef selber auch sehen und nun gelassen in die Sommerferien gehen, so der FDP-Mann weiter.

Ein wirkliches Geheimnis war Westerwelles private Seite nie. Sowohl in schwulen Zeitungen, Büchern und in Internetforen wurde immer wieder über ihn geschrieben und diskutiert. Im Gegensatz zu anderen ging Westerwelle nie gerichtlich gegen solche Beiträge vor - den Machern einer Liste prominenter Schwuler schickte er sogar freiwillig ein Foto zu. Offen besuchte er auch häufiger Veranstaltungen schwuler Vereine oder Straßenumzüge. Auch vor Journalisten ging er stets locker mit dem Thema um. "Outen Sie mich doch", scherzte er schon vor Jahren auf einem Parteikonvent.

Schon vorher hatte er sich einmal für das Magazin der "SZ" in Venedig mit weißem Anzug und Hut ablichten lassen - für viele in der FDP damals ein bisschen viel vom morbiden Charme des Thomas-Mann-Klassikers "Tod in Venedig". Westerwelle reagierte schnell und zog die Fotos vom Markt zurück.

Outing à la Wowereit

Schwarz-gelbe Regierung in spe: Outing für den konservativen Partner
REUTERS

Schwarz-gelbe Regierung in spe: Outing für den konservativen Partner

Trotzdem wusste der Parteichef, dass er um ein mehr oder minder offizielles Outing - in welcher Form auch immer - nicht herumkommen würde. Irgendwie musste er es schaffen, dies wie der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit ("Ich bin schwul, und das ist auch gut so!") oder der Hamburger Regierungschef Ole von Beust hinzubekommen. Beide hatten durch die Eröffnung der vorher ebenfalls bekannten und doch nie offiziell verkündeten Details aus dem Privaten eher gewonnen als verloren.

Für Westerwelle stand aber noch mehr auf dem Spiel. Auf der einen Seite wusste er um die in dieser Frage noch immer sehr konservative Union, deren Parteigänger und so manche Führungsmitglieder vor der Bundestagswahl auf die Überraschung vorbereitet werden wollten. Auf der anderen Seite weiß Westerwelle, dass er als möglicher Außenminister im schwarz-gelben Kabinett sein bisher diskretes Privatleben zumindest etwas mehr an die Oberfläche bringen musste. An keinem anderen als dem aktuellen Minister Joschka Fischer mit seinem bewegten Eheleben konnte er sehen, wie sehr allein schon das Protokoll den Lebenspartner ins öffentliche Licht rückt.

Aus diesem Grunde hatte Westerwelle in den letzten Wochen geschickt gepokert und abgewartet, wer zuerst auf den Zug aufspringt. Mehrmals war er in den vergangenen Wochen bei mehr oder weniger offiziellen Terminen mit seinem Lebenspartner erschienen. Zuerst bei einem internen Abendessen für die Fraktionsvorsitzenden am Abend der Bundespräsidentenwahl in Berlin. Damals schaffte es die Tatsache, dass Westerwelle seinen Lebenspartner mit an den Tisch holte, als Randnotiz in einen SPIEGEL-Beitrag, der über ein "stilles Outing" berichtete. Damit, so sagt ein Medien-Insider, sei die "Bombe quasi scharf gestellt" gewesen.

Pokern bis zum ersten Foto-Beweis

Bütten-Redner Westerwelle: "Angemessen"
DPA

Bütten-Redner Westerwelle: "Angemessen"

Nach dem Beitrag legte es Westerwelle geradezu darauf an, dass Fotos von ihm und seinem Partner irgendwo erscheinen. In Köln tingelte er mit ihm über ein Schiff, dass zum "Kölner Lichter"-Fest über den Rhein schipperte, oder feierte mit ihm bei Deutschlands bekanntestem Event-Manager und Westerwelle-Freund Manfred Schmidt auf seinem medienwirksamen Promi-Treff im Schokomuseum. In der Kölner Lokalpresse wurde daraufhin schon leise spekuliert, was denn da los sei. Der erste deutliche Bericht erschien jedoch erst im "Kölner Express" am selben Tag, als das Foto auf der "Bild" prangte.

Der große Auftritt aber sollte am Montag zur Geburtstagsfeier der CDU-Chefin stattfinden. Westerwelle zögerte zwei Tage, bevor er auf die Einladung von Angela Merkel antwortete und schließlich gemeinsam mit seinem Freund zusagte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt musste ihm klar sein, dass er fotografiert wird und genauso kam es ja auch. Nur Stunden nach der Veranstaltung bot ein Berliner Fotograf die Bilder mit der Unterzeile an, dass sich Westerwelle "erstmals" mit seinem Freund gezeigt habe. Dass diese dann in voller Größe in "Bild" erschienen, wurde bei der FDP mit dem gleichen Attribut gewertet, wie die ganze Geschichte: "Angemessen".

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