Westerwelles Rückzug Ende einer anstrengenden Ära

Er war der jüngste Chef einer etablierten Partei, sein Aufstieg verlief stets im Blitztempo - jetzt gibt Guido Westerwelle den FDP-Vorsitz ab. Damit endet eine turbulente Dekade voller Höhen und Tiefen, an deren Ende die Liberalen die Parolen ihres Anführers wohl nicht mehr hören konnten. Ein Rückblick.

Von Franz Walter

Außenminister Westerwelle: Rückzug von der FDP-Spitze
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Außenminister Westerwelle: Rückzug von der FDP-Spitze


Zehn Jahre stand Guido Westerwelle an der Spitze der FDP. Zehn Jahre, in denen er die Partei prägte wie kein Zweiter. Aus, Ende, vorbei - der 49-Jährige hat im monatelang schwelenden Machtkampf aufgegeben. Beim nächsten Parteitag Mitte Mai in Rostock will er den FDP-Vorsitz abgeben und Platz für einen "Generationswechsel" machen.

Doch es ist mehr als eine einfach Stabübergabe, es ist das Ende einer Ära.

Ohne Zweifel: Guido Westerwelle war schon immer ein ehrgeiziger Liberaler. Als er 2001 den Vorsitz seiner Partei erkämpfte, hatte ihn niemand zum Jagen tragen müssen - im Unterschied zu etlichen seiner Vorgänger in der FDP, von Reinhold Maier über Walter Scheel bis Klaus Kinkel. Er brannte auf die Führung. Auch trug er in sich eine politische Mission: In den achtziger und neunziger Jahren sah er sich als Neuerer des Liberalismus und fühlte sich in diesen beiden Jahrzehnten als Beauftragter und Repräsentant eines zukünftigen Generations- und Lebensgefühls.

Westerwelle hatte seinerzeit ein klares Feindbild: alle 68er und Grün-Alternativen. Er war ein aggressiver Versammlungsredner, der seine Zuhörer, soweit sie ihm zustimmend folgten, agitatorisch, mit lauter Stimme und schneidigen Stakkato-Sätzen mitreißen konnte.

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Guido Westerwelle: Stationen seiner FDP-Laufbahn
Im Grunde aber war Westerwelle ein geradezu klassischer Parteipolitiker. Im öffentlichen Bewusstsein firmierte er zwar eine ganze Zeit lang als der moderne Typus des Medien- und Eventpolitikers. Das aber war nicht seine primäre Ressource, nicht die Voraussetzung seines Aufstiegs. Westerwelle hatte die Ochsentour absolviert. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Jungliberalen. In deren Bundesvorstand wurde er Anfang der achtziger Jahre Pressereferent, von 1983 bis 1988 dann Vorsitzender.

Immer wieder gelangen ihm Altersrekorde

Als Chef der liberalen Jugendorganisation nahm er schon als sehr junger Mensch an den Sitzungen des FDP-Bundesvorstands teil. Vorteilhaft für ihn war überdies seine Bonner Herkunft. Da er die Bundeshauptstadt auch während des Studiums niemals verließ, konnte er früh intensive Kontakte zur Bundespartei, zur Bundestagsfraktion, auch zu jungen Journalisten knüpfen, die für sein weiteres Fortkommen nützlich waren.

Und es ging immer rasch voran.

Der 1961 geborene Westerwelle war der jüngste Vorsitzende, den eine der großen Jugendorganisationen je besessen hatte. Er wurde 1994 zum jüngsten Generalsekretär, den eine im Bundestag vertretene Partei je bestellt hatte. Und 2001 avancierte Westerwelle zum jüngsten Parteivorsitzenden, den die Republik an der Spitze einer der altetablierten Parteiorganisationen jemals gesehen hatte.

Schon dieser schnelle Aufstieg zeigte die ungewöhnliche Energie Westerwelles. Er war zwar den klassischen Weg durch die Parteiinstitutionen gegangen, aber er begriff sich nicht als Exekutivbeamter der vorgegebenen Parteimentalität. Westerwelle war zweifellos ein Anführer, der jeder Organisation, der er vorstand, auch seinen Willen aufzwingen wollte. Dazu brauchte man eine Idee von dem, wohin es zu gehen hatte. Über eine solche Leitvorstellung verfügte Westerwelle - apodiktisch fast, gleichsam missionarisch. Er strebte - wie er es nannte - die "liberale Identitätspartei" an, die um ihrer selbst willen gewählt werden sollte.

Sein Jugendtrauma war die FDP, die sich lediglich als Koalitionsannex definierte, als Funktionspartei und mehrheitsvermittelnde Kraft für eine der beiden Volksparteien. Einer solchen freidemokratischen Partei fehlte ein eigenes, sich selbst tragendes Selbstbewusstsein. Dieses Manko hatte er 1982 bis 1984 in den prägenden Jahren seiner politischen Sozialisation während des liberalen Koalitionswechsels von der SPD hin zur Union erlebt. Einer solchen Partei drohte Zerfall und das politisch-parlamentarische Aus. Die eigenständige liberale Identitätspartei im gleichen Abstand zur Union und zur Sozialdemokratie wurde infolgedessen für zwei Jahrzehnte zum visionären Projekt des Guido Westerwelle.



Forum - Westerwelle tritt als FDP-Chef ab - wer soll nun die Liberalen aus der Krise führen?
insgesamt 847 Beiträge
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anin, 03.04.2011
1. Umgekehrt wäre besser!
Zitat von sysopAm Ende war der Druck aus den eigenen Reihen offenbar zu groß: FDP-Chef Guido Westerwelle tritt beim Parteitag im Mai nicht mehr für das Amt des Vorsitzenden an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,754762,00.html
Umgekehrt wäre es mir lieber: Rücktritt als Aussenminister und weiterhin Parteivorsitzender. Dann wäre unserer Republik zumindestens weiterer Schaden erspart und die die Partei der Egomanen dauerhaft unter 5% geblieben!
MarkH, 03.04.2011
2. Eigentlich der ideale Job
Zitat von sysopAm Ende war der Druck aus den eigenen Reihen offenbar zu groß: FDP-Chef Guido Westerwelle tritt beim Parteitag im Mai nicht mehr für das Amt des Vorsitzenden an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,754762,00.html
um seine Sprachkenntnisse aufzupolieren ;)
dr.épernay-boiler 03.04.2011
3. Die Sache hat einen Haken!
Natürlich wissen die FDPler - deren "Spitze" sowieso - dass die Partei vollkommen bedeutungslos ist; deshalb werfen sie die Parteiämter auch lässig beiseite, wie erst kürzlich der Wirtschaftenkenner Brüderle. Dummerweise kleben sie aber wie bester Industriezweikomponentenkleber am Staatsamt! Und DORT verursachen sie die massiven Schäden. Das andere ist nur Sandkasten - auch wenn einer wie Westerwelle das, mangels hinreichenden Interesses, mit Libyen verwechseln scheint... Wirft halt für ihn und seinesgleichen nichts ab.
Christiane Schneider 03.04.2011
4. Endlich
Zitat von sysopAm Ende war der Druck aus den eigenen Reihen offenbar zu groß: FDP-Chef Guido Westerwelle tritt beim Parteitag im Mai nicht mehr für das Amt des Vorsitzenden an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,754762,00.html
Endlich! Jetzt nur noch der Abtritt als Außenminister und dann kann er sich mit seinem Mann zur Ruhe setzen. Deutschland würden weitere Peinlichkeiten erspart bleiben. Wir brauchen endlich wieder einen würdevollen Außenminister!
regierungs4tel 03.04.2011
5. Warum Westewerwelle keinesfalls Außenminister bleiben kann
Heute nachmittag wurde der chinesische Dissident Al Wei Wei verhaftet, nachdem er gesagt hatte, er wolle in Berlin ein Atelier eröffnen - und Westerwelle kaum das Land verlassen hatte. Zuvor hatten sie Westerwelles Delegationsmitglied Tilman Spengler schon gar nicht ins Land gelassen. Kein Genscher oder Fischer, nicht einmal ein Kinkel hätte befürchten müssen, dass die ausländischen Gesprächspartner so unverhohlen deutsche Positionen in den Beziehungen missachten: http://berlin2011.wordpress.com/2011/03/31/zur-person-tilman-spengler/
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