Schleichwerbung bei "Wetten, dass..?": ZDF-Fernsehrat will Vorwürfe prüfen
Die Schleichwerbung bei "Wetten, dass..?" hat ein Nachspiel: Politiker aller Parteien fordern eine lückenlose Aufklärung der Affäre - auch die Arbeit des ZDF-Fernsehrates wird in Frage gestellt. Dessen Vorsitzender will das Thema auf die Tagesordnung des Gremiums setzen.
Viele Jahre lang lief das Geschäft mit Schleichwerbung in Deutschlands populärster Fernsehsendung offenbar reibungslos - das haben wohl auch die Zuschauer bemerkt. Etwa in jener "Wetten, dass..?"-Ausgabe vom 10. November 2007, in der Moderator Thomas Gottschalk einen Audi A4 - den Hauptgewinn für den Wettkönig - als "wunderschön" sowie "frisch mit dem Goldenen Lenkrad ausgezeichnet" bezeichnete und zudem versicherte: "Das Fahren mit diesem Auto macht immer Spaß."
Medienpolitiker aller Parteien fordern jetzt vom ZDF lückenlose und schnelle Aufklärung in der Affäre um die millionenschweren Verträge der von Gottschalks Bruder Christoph gegründeten Firma Dolce Media mit Unternehmen wie DaimlerChrysler oder Solarworld.
Nach Informationen des SPIEGEL ermöglichte Dolce Media den Unternehmen, in "Wetten, dass..?"-Sendungen Reklame für ihre Produkte zu machen, obwohl der Rundfunkstaatsvertrag als auch die ZDF-eigenen Richtlinien dies klar verbieten. In den entsprechenden Verträgen wurde den Kunden gar Einfluss auf Inhalte der Show zugesichert - so war etwa detailliert festgelegt, wie ein Auto als Preis eines Gewinnspiels zu präsentieren ist.
Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat vom ZDF bereits eine lückenlose Aufklärung verlangt. Die derart dreisten Verstöße gegen das Schleichwerbeverbot rufen nun auch die Politik auf den Plan: "Das ist ein sehr ernster Vorgang", sagt Martin Dörmann, medienpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Das höchste Gut des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei seine Glaubwürdigkeit. Gerade wegen der Kritik an den neuen Rundfunkbeiträgen sei größtmögliche Transparenz wichtig, um die Akzeptanz zu sichern. Alle Verträge, die den konkreten Fall betreffen, müssten daher nun vom ZDF-Fernsehrat auf Verstöße gegen das Schleichwerbeverbot überprüft werden.
"Ich werde Akteneinsicht fordern"
Das wird wohl nun schnellstmöglich geschehen - auch wenn sich die meisten Politiker, die in dem Gremium sitzen, nur vorsichtig äußern. Fernsehratschef Ruprecht Polenz (CDU) sagte SPIEGEL ONLINE: "Weil das Gebot der redaktionellen Unabhängigkeit und das Verbot der Schleichwerbung essentielle Grundlagen der Programmarbeit des ZDF darstellen, habe ich vorgesehen, dass sich der Fernsehrat in seiner nächsten Sitzung am 8. März 2013 mit dem Vorgang befasst. Dann wird das Gremium überlegen, welche Schlussfolgerungen zu ziehen sind."
Auch Sabine Bätzing-Lichtenthäler, die für die SPD im ZDF-Fernsehrat sitzt, fordert: "Die Frage von Schleichwerbung bei Sendungen des ZDF muss aufgeklärt und Verträge müssen transparent gemacht und vorgelegt werden." Gremiumsmitglied und CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe beteuert, es sei ihm "sehr wichtig", bald im Fernsehrat über die Vorwürfe zu sprechen: "Aufklärung ist dringend erforderlich." Grünen-Parteichef Cem Özdemir sitzt ebenfalls in dem ZDF-Gremium. Nun seien alle Verträge der Dolce Media im Kontext von "Wetten, dass..?" zu prüfen, meint er.
Gesine Lötzsch kündigte als Vertreterin der Linken in dem Gremium an: "Ich werde Akteneinsicht fordern." Der Fernsehrat sei von CDU/CSU und SPD dominiert, sie selbst bekomme im Vergleich zu deren Vertretern nur einen Bruchteil der Informationen. Zudem handele das Gremium "in der Regel schwerwiegende Probleme im Sekundentakt ab. Das muss sich ändern".
Tatsächlich gerät der Fernsehrat selbst massiv in die Kritik: SPD-Fachpolitiker Dörmann regt an, man solle sich genauer anschauen, "inwieweit die Gremien ihren Aufgaben in den derzeitigen Strukturen gerecht werden können".
"Ein Schalk, der Böses dabei denkt"
Die Vertreter der in den Aufsichtsgremien vergleichsweise wenig präsenten keineren Parteien sehen sich durch die Gottschalk-Affäre ohnehin in ihrer Skepsis bestätigt - und sparen nicht mit Häme: "Es wäre fatal, wenn der Eindruck entsteht, dass das ZDF das 'Dolce Vita' Einzelner befördert", sagt die medienpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Tabea Rößner, in Anspielung auf den Namen der Gottschalk-Firma. Das ZDF müsse nun "den Fall lückenlos aufklären", zudem "müssten die Gremien aber auch staatsferner und vor allem unabhängiger organisiert sein". So sei ihnen etwa das Recht zuzugestehen, bei Bedarf externe Expertise einzuholen.
"Ein Schalk, der Böses dabei denkt", kommentierte Rößners Pendant in der FDP-Fraktion, Burkhardt Müller-Sönksen, die Vorwürfe. "Der ZDF-Fernsehrat hat sich wieder einmal als zahnloser Tiger entpuppt", kritisierte er. "Nur wenn die Gremien frei von politischem Einfluss agieren, ist eine unabhängige und professionelle Kontrolle der Beitragsverwendung gewährleistet."
Der Sender selbst gelobt ebenfalls Aufklärung. Man habe bereits im Jahr 2004 strengere Regeln zur Verhinderung von Schleichwerbung eingeführt, lässt Intendant Thomas Bellut verlauten, und: "Das ZDF geht den Vorwürfen, die der SPIEGEL in seiner am Montag erscheinenden Ausgabe erhebt, nach."
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