Schleichwerbung bei "Wetten, dass..?": ZDF-Fernsehrat will Vorwürfe prüfen

Von Florian Diekmann

Die Schleichwerbung bei "Wetten, dass..?" hat ein Nachspiel: Politiker aller Parteien fordern eine lückenlose Aufklärung der Affäre - auch die Arbeit des ZDF-Fernsehrates wird in Frage gestellt. Dessen Vorsitzender will das Thema auf die Tagesordnung des Gremiums setzen.

Philipp Lahm bei "Wetten, dass..?" (2008): "Macht immer Spaß" Zur Großansicht
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Philipp Lahm bei "Wetten, dass..?" (2008): "Macht immer Spaß"

Viele Jahre lang lief das Geschäft mit Schleichwerbung in Deutschlands populärster Fernsehsendung offenbar reibungslos - das haben wohl auch die Zuschauer bemerkt. Etwa in jener "Wetten, dass..?"-Ausgabe vom 10. November 2007, in der Moderator Thomas Gottschalk einen Audi A4 - den Hauptgewinn für den Wettkönig - als "wunderschön" sowie "frisch mit dem Goldenen Lenkrad ausgezeichnet" bezeichnete und zudem versicherte: "Das Fahren mit diesem Auto macht immer Spaß."

Medienpolitiker aller Parteien fordern jetzt vom ZDF lückenlose und schnelle Aufklärung in der Affäre um die millionenschweren Verträge der von Gottschalks Bruder Christoph gegründeten Firma Dolce Media mit Unternehmen wie DaimlerChrysler oder Solarworld.

Nach Informationen des SPIEGEL ermöglichte Dolce Media den Unternehmen, in "Wetten, dass..?"-Sendungen Reklame für ihre Produkte zu machen, obwohl der Rundfunkstaatsvertrag als auch die ZDF-eigenen Richtlinien dies klar verbieten. In den entsprechenden Verträgen wurde den Kunden gar Einfluss auf Inhalte der Show zugesichert - so war etwa detailliert festgelegt, wie ein Auto als Preis eines Gewinnspiels zu präsentieren ist.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) hat vom ZDF bereits eine lückenlose Aufklärung verlangt. Die derart dreisten Verstöße gegen das Schleichwerbeverbot rufen nun auch die Politik auf den Plan: "Das ist ein sehr ernster Vorgang", sagt Martin Dörmann, medienpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. Das höchste Gut des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sei seine Glaubwürdigkeit. Gerade wegen der Kritik an den neuen Rundfunkbeiträgen sei größtmögliche Transparenz wichtig, um die Akzeptanz zu sichern. Alle Verträge, die den konkreten Fall betreffen, müssten daher nun vom ZDF-Fernsehrat auf Verstöße gegen das Schleichwerbeverbot überprüft werden.

"Ich werde Akteneinsicht fordern"

Das wird wohl nun schnellstmöglich geschehen - auch wenn sich die meisten Politiker, die in dem Gremium sitzen, nur vorsichtig äußern. Fernsehratschef Ruprecht Polenz (CDU) sagte SPIEGEL ONLINE: "Weil das Gebot der redaktionellen Unabhängigkeit und das Verbot der Schleichwerbung essentielle Grundlagen der Programmarbeit des ZDF darstellen, habe ich vorgesehen, dass sich der Fernsehrat in seiner nächsten Sitzung am 8. März 2013 mit dem Vorgang befasst. Dann wird das Gremium überlegen, welche Schlussfolgerungen zu ziehen sind."

Auch Sabine Bätzing-Lichtenthäler, die für die SPD im ZDF-Fernsehrat sitzt, fordert: "Die Frage von Schleichwerbung bei Sendungen des ZDF muss aufgeklärt und Verträge müssen transparent gemacht und vorgelegt werden." Gremiumsmitglied und CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe beteuert, es sei ihm "sehr wichtig", bald im Fernsehrat über die Vorwürfe zu sprechen: "Aufklärung ist dringend erforderlich." Grünen-Parteichef Cem Özdemir sitzt ebenfalls in dem ZDF-Gremium. Nun seien alle Verträge der Dolce Media im Kontext von "Wetten, dass..?" zu prüfen, meint er.

Gesine Lötzsch kündigte als Vertreterin der Linken in dem Gremium an: "Ich werde Akteneinsicht fordern." Der Fernsehrat sei von CDU/CSU und SPD dominiert, sie selbst bekomme im Vergleich zu deren Vertretern nur einen Bruchteil der Informationen. Zudem handele das Gremium "in der Regel schwerwiegende Probleme im Sekundentakt ab. Das muss sich ändern".

Tatsächlich gerät der Fernsehrat selbst massiv in die Kritik: SPD-Fachpolitiker Dörmann regt an, man solle sich genauer anschauen, "inwieweit die Gremien ihren Aufgaben in den derzeitigen Strukturen gerecht werden können".

"Ein Schalk, der Böses dabei denkt"

Die Vertreter der in den Aufsichtsgremien vergleichsweise wenig präsenten keineren Parteien sehen sich durch die Gottschalk-Affäre ohnehin in ihrer Skepsis bestätigt - und sparen nicht mit Häme: "Es wäre fatal, wenn der Eindruck entsteht, dass das ZDF das 'Dolce Vita' Einzelner befördert", sagt die medienpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Tabea Rößner, in Anspielung auf den Namen der Gottschalk-Firma. Das ZDF müsse nun "den Fall lückenlos aufklären", zudem "müssten die Gremien aber auch staatsferner und vor allem unabhängiger organisiert sein". So sei ihnen etwa das Recht zuzugestehen, bei Bedarf externe Expertise einzuholen.

"Ein Schalk, der Böses dabei denkt", kommentierte Rößners Pendant in der FDP-Fraktion, Burkhardt Müller-Sönksen, die Vorwürfe. "Der ZDF-Fernsehrat hat sich wieder einmal als zahnloser Tiger entpuppt", kritisierte er. "Nur wenn die Gremien frei von politischem Einfluss agieren, ist eine unabhängige und professionelle Kontrolle der Beitragsverwendung gewährleistet."

Der Sender selbst gelobt ebenfalls Aufklärung. Man habe bereits im Jahr 2004 strengere Regeln zur Verhinderung von Schleichwerbung eingeführt, lässt Intendant Thomas Bellut verlauten, und: "Das ZDF geht den Vorwürfen, die der SPIEGEL in seiner am Montag erscheinenden Ausgabe erhebt, nach."

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insgesamt 109 Beiträge
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1. GEZ-Geühren abschaffen!
jps007 14.01.2013
1. Jeder wusste es! Neu ist nur, dass es nicht offiziell war bzw. nicht erlaubt. 2. Sollte das ZDF an alle GEZ-Zahlenden Gebühren zurückerstatten. - Als Boni sozusagen.
2. Geld für den Auftritt von Musikern?
winni1234 14.01.2013
Mich würde es auch nicht wundern, wenn die Gebrüder Gottschalk Geld für den Auftritt von Musikern erhalten haben. Wie sonst ist es zu erklären, dass immer wieder die gleichen langweiligen Bands und Musiker wie Take That und Robbie Williams auftreten und für ihre neuen CDs werben durften.
3. Demokratie überall im Rückwärtsgang
sabine_26 14.01.2013
Jetzt weiß ich endlich, warum das Thema Mitbestimmung, Volksabstimmung oder Direkte Demokratie zu kurz kommt in der öffentlichen Diskussion. Es könnte die Politelite in ihrer Macht einschränken. Als Gegenleistung für dieses Stillhalten der Meinungsmacher vom Öffentlich-Rechtlichen-Rundfunk hat das bestehende Politsystem eine Zwangsabgabe eingeführt, um willfährige Journalisten mit relativ hohen Gehältern ruhigzustellen bzw. indirekt zu korrumpieren. Die Berlusconis Deutschlands sitzen in den Fernsehräten. Freien Journalismus kann es bei einem von der Politik unterstütztem Zwangssystem nicht geben. Ich schaue mit Verachtung auf Journalisten, die sich dem öffentlich-rechtlichem-Sendern anbiedern und auf die Sicherheit der nächsten Gehaltszahlung mehr Wert legen als auf freien Journalismus mit neutraler Bewertung.
4. Ein bischen Spät?
xees-s 14.01.2013
Da mokieren wie der dt. Journalistenrat oder ein paar Politiker ein bischen Spät diese bereits seit Jahren offensichtliche Schleichwerbung. Wenn die sowas ernst nehmen würden hätten diese bereits damals laut gebrüllt. So aber ist das ganze ein mitreiten auf der Empörungswelle, damit kein schlechtes Licht auf sie abfällt. Gottschalk & Co wollen ja weiterhin verdienen, besonders die Journalisten die besondere Konditionen bei Leihwägen bekommen wie auch die neuesten Handies oder Computer, Küchen wie auch andere schöne Luxusgüter kostenlos zur dauerhaften Probe angeliefert. Ein bekannter hat sich so seinen Pool mitsamt Sauna einbauen lassen für ein paar gute Zeilen über den Hersteller. Das war vor 20 Jahren und heute ist das ganz bestimmt nicht besser. Die sollten eher gleich ganz die Werbung erlauben inkl. Schleichwerbung und dann die Rundfunkgebühr abschaffen oder komplett verbieten inkl. der Trailer die bis Mitternacht beim Wetter wie der Sportschau usw. laufen obwohl nach 20 Uhr ja keine Werbung sein sollte!
5. Alle blind gewesen ?
jeschma 14.01.2013
Diese penetrante Werbung muss doch nun irgendjemandem schon früher aufgefallen sein.,, Jetztt fällt alles wieder aus allen Wolken. Eine gute Ausrede für das Nichtbemerken der Gummibären- und Pkw-Werbung wäre nur die Behauptung, sich diesen Mist am Samstagabend nicht angesehen zu haben.
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