Widersprüchliche Wahlumfragen Das Elend der Demoskopie

Deutschlands Demoskopen liefern derzeit höchst widersprüchliche Umfrageergebnisse für die Parteien und Kandidaten. Ist die Wählerbefragung also nur Kaffeesatzleserei? Die Volksbefrager widersprechen und verweisen auf unterschiedliche Methoden und Gewichtungsformeln.

Von Alva Gehrmann




Umfrageforschung in Wahlkampfzeiten: Uneinigkeit über die Wirkung der Kandidaten
DDP

Umfrageforschung in Wahlkampfzeiten: Uneinigkeit über die Wirkung der Kandidaten

Berlin - Wer schon mal einen Anruf von einem Meinungsforschungsinstitut erhalten hat, der weiß, wie es funktioniert. Per Zufallsverfahren ermittelte Bürger werden angerufen und meist um die dreißig Minuten zu verschiedenen Themen ausgefragt: Ob der Befragte ein Handy besitzt, welches Bier er kennt, mit welchem Auto er was verbindet oder welche Partei er wählen würden, wenn denn am Sonntag Bundestagswahlen wären. Die berühmte Sonntagsfrage. Die soll einen repräsentativen Überblick über die Wahl-Stimmung in Deutschland geben. Merkwürdig ist nur, dass die verschiedenen Meinungsforschungsinstitute derzeit zu höchst unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Zwei Beispiele: Beim Berliner Forsa-Institut wollen 47 Prozent der befragten Fernsehzuschauer Schröder als Bundeskanzler, die Forschungsgruppe Wahlen e.V. hingegen ermittelte 56 Prozent. Das ist immerhin ein Unterschied von neun Prozentpunkten.

Duell Schröder-Stoiber: Unentschlossene Wähler sollen überzeugt werden
Sat.1 / ddp

Duell Schröder-Stoiber: Unentschlossene Wähler sollen überzeugt werden

Ganz anders sieht es aber bei der Sonntagsfrage aus, da sind sich die beiden Meinungsforschungsinstitute in ihren aktuellen Umfragen einig: Die SPD erhält jeweils 38 Prozent und die CDU/CSU liegt fast gleich auf bei 40 Prozent (Forsa) beziehungsweise 39 Prozent (Forschungsgruppe Wahlen). Wird bei dieser Frage jedoch auch das Ergebnis des Instituts für Demoskopie in Allensbach berücksichtigt, zeigt sich schon wieder die einige Uneinigkeit: Dort liegt die SPD bei 32,8 Prozent (die CDU/CSU bei 39,8). Das sind satte 5,2 Prozent Differenz zum Forsa-Wert – und mehr Prozentpunkte, als die PDS insgesamt bekommen würde (bei allen Instituten).

Wenn per Zufallsverfahren wahlberechtigte Bürger jeden Alters und jeder Einkommensgruppe repräsentativ ausgewählt werden, wie kommt es dann, dass sowohl bei der Sonntagsfrage als auch bei der Auswertung des Kanzlerduells vom Sonntagabend so unterschiedliche Werte erhoben werden? "Das kann ich mir im Moment auch nicht erklären", sagt Edgar Piel, Meinungsforscher des Allensbach-Instituts – der ältesten deutschen Umfragefirma.

Zwei bis drei Prozent als Stimmungsschwankung seien ja normal, aber so große Differenzen seien schon ungewöhnlich. Dennoch ist sich Piel sicher, dass seine Zahlen stimmen. "Das Volk betrachten" lautet die Übersetzung von Demoskopie aus dem Griechischen. Die Frage ist jedoch, welcher Teil des Volkes wie betrachtet wird – und welches Institut die Befragung macht.

Die Politiker bedienen sich der "passenden" Umfragewerte

In Deutschland gibt es fünf große Meinungsforschungsinstitute: die Forschungsgruppe Wahlen, Infratest dimap, das Institut für Demoskopie in Allensbach, Emnid und das Forsa Institut. Dabei wird zumindest zweien eine bestimmte politische Orientierung nachgesagt. Das Allensbacher Institut, geprägt von Gründerin Elisabeth Noelle-Neumann – der "Grande Dame" der Umfrageforschung – hat den Ruf, der CDU nahe zu stehen. Zu Kohls Zeiten war die heute 85-jährige Noelle-Neumann ständige Wahlberaterin des Kanzlers. Einmal im Monat gab es ein Jour Fix im Bundeskanzleramt, bei dem Kohl oder seine Mitarbeiter über die aktuellen Umfrageergebnisse berieten.

Gerhard Schröder hingegen lässt sich lieber von Manfred Güllner beraten. Güllner ist Chef des Forsa-Instituts und seit 38 Jahren SPD-Mitglied. Der Wahlforscher scheut sich zwar nicht, dem Kanzler negative Umfrageergebnisse zu präsentieren. Trotzdem macht er Schröder mit seinen Wahlprognosen Hoffnung, die Bundestagswahl 2002 doch noch gewinnen zu können. Es müsse nur gelingen, die große Zahl SPD-Anhänger, die noch unschlüssig seien, ob sie zur Wahl gingen, zu mobilisieren. "Viele potenzielle SPD-Wähler sind verunsichert. So zögerten im Laufe des Jahres 2002 immer rund 40 Prozent derjenigen, die 1998 der SPD ihre Stimme gaben, dies auch 2002 zu tun", sagt Güllner. Die Zahl der Unentschlossenen lag laut Forsa-Institut vor zwei Wochen noch bei 32 Prozent. Nach der Flutkatastrophe sind es nur noch 24 Prozent, daher auch die Gewinne für die Sozialdemokraten.

Alles Definitionssache

"Bei den Unentschlossenen ist zu unterscheiden zwischen denjenigen, die wahrscheinlich nicht wählen gehen werden und den Wahlwilligen, die noch zwischen verschiedenen Parteien schwanken", definiert es Renate Köcher, Leiterin des Instituts in Allensbach. Ihrem Institut zufolge liegt sowohl die Zahl der Wahlwilligen als auch die Zahl der Unentschlossenen bei jeweils zirka 20 Prozent. Genau diese Gruppen machen den Politikern zu schaffen – und damit auch den Instituten, denn die sollen verlässliche Zahlen liefern, für die Wahlkämpfer und die Medien. "Das Interesse der Medien an rasch verfügbaren Daten steht häufig im Konflikt zu einer gründlichen Analyse", so Köcher.

Dass Meinungsforscher auch Meinungsmacher sind, ist unbestritten. Obwohl die Institute selbst das natürlich nicht so gerne hören, schließlich gebe es ja Daten, die ihre ermittelten Trends belegen. Ist es wirklich möglich "repräsentative" Prozentzahlen anzugeben, wenn so viele Faktoren das Ergebnis beeinflussen können? Einflussfaktoren sind zum Beispiel: die Anzahl und Auswahl der Befragten, die Art der Fragestellung und natürlich die Art der Gewichtung der Ergebnisse.

Die Frage des richtigen Zeitpunktes

Das Allensbacher Institut setzt auf die konventionelle "Face to Face" – Methode. In wöchentlichen Interviews, bei denen der Interviewer dem Befragten direkt gegenüber sitzt, wird eine 60-minütige Befragung zu diversen Themen gemacht. Das sei langfristig aussagekräftiger. Zu langsam, sagen die vier anderen Meinungsforschungsinstitute. Außerdem beeinflusse der direkte Kontakt zum Interviewer die Antworten des Befragten und erhöhe die Fehlerquote. Deshalb setzen die übrigen Institute auf Telefoninterviews – täglich. Dadurch können sie schneller auf aktuelle Ereignisse reagieren. Zum Beispiel auf die Flutkatastrophe und deren Einfluss auf die Parteipräferenzen der Wähler.

"Eigentlich gibt es keinen Unterschied in den Umfrageergebnissen, sondern nur unterschiedliche Zeitpunkte zu denen die Daten veröffentlicht werden", sagt Dieter Roth, einer der Leiter von der Forschungsgruppe Wahlen. Gerade jetzt in den Zeiten der Hochwasserkatastrophe sei es besonders wichtig, wann die Daten ermittelt wurden, so Roth. Nicht immer sind die Schwankungen so hoch, doch wenn nun ältere Umfragewerte anstatt aktueller Zahlen veröffentlicht würde, hat das einen "manipulativen Charakter", glaubt Güllner vom Forsa-Institut und meint damit das Allensbacher Institut.

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Politische Umfrageforschung bringt kaum Geld

Die Konkurrenz untereinander ist groß, zwar können die Institute mit der reinen Wahlforschung kaum Geld verdienen – bei Allensbach zum Beispiel liegt der Anteil der politikbezogenen Forschung am Gesamtumsatz bei etwa acht Prozent – dennoch bringen die Wahlumfragen auch ein Teil des Renommees. Nur der Verein der Forschungsgruppe Wahlen, der vom ZDF finanziert wird, beschäftigt sich ausschließlich mit politischen Umfragen. Bei den anderen wird der Hauptumsatz mit der Markt- und Werbeträgeranalyse gemacht – also mit Umfragen zu Automarken, Bier und Handymarken.

Eine wesentliche Aufgabe der Demoskopen ist es die ermittelten Zahlen richtig zu deuten – sowohl in der Politik als auch bei der Marktforschung. Mit den "Rohdaten" an sich könne man nicht so viel anfangen, darin sind sich alle Meinungsforscher einig. Deshalb werden die ermittelten Daten gewichtet – und da hat jedes Institut seinen eigenen "Schlüssel". Das ist ein mathematischer Erfahrungswert, doch wie der sich zusammensetzt, das gehört zu den Geheimnissen der Institute. Bekannt sind Re-Calls – Rückversicherungsfragen –, die den Wahrheitsgehalt der Antworten mittels anderer Fragen testen soll. Zum Beispiel haben in den achtziger Jahren mehr Menschen angegeben die Grünen zu wählen, als es dann schließlich getan haben. Damals war es einfach "in" für die Ökopartei zu sein. Nach der Hochwasserkatastrophe kann das ja wiederkommen.



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